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Das Geistliche Wort | 07.09.2014 | 08:40 Uhr

Licht und Schatten kein Gegensatz

Das dritte Taschentuch hatte er nun schon in die Hosentasche gesteckt. Klatschnass von seinem Schweiß. Die Sonne stach seit Stunden unerbittlich aus wolkenlosem Himmel. So hatte er sich ja eigentlich seinen Urlaub gewünscht. Mit weichen Knien schleppte er sich um die nächste Biegung des Wanderweges. Endlich: eine Talsenke und unter hohen Bäumen bunte Sonnenschirme wie Pilze in der Landschaft. Ein schattiges Plätzchen. Das verhieß Abkühlung, Ausruhen, Durchatmen. Noch nie hatte er daran gedacht, sich das einmal in den Ferien so herbeizusehnen. Endlich Schatten!

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Ich bin Doris Damke, Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche von Westfalen aus Bielefeld.

Ob Sie eine solche Erfahrung auch aus Ihrem Urlaub mitgebracht haben? Ich kann das jedenfalls auch als Daheimgebliebene gut nachempfinden, selbst wenn dieser Sommer mit seinen Unwettern ja auch eine andere Seite hatte. Aber der Juni, so konnte man hören, war noch nie so heiß wie in diesem Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Und an manchen heißen und schweißtreibenden Tagen der vergangenen Monate konnte ich von meinem Büro-Fenster viele Menschen sehen, die nicht wie sonst auf einer Parkbank der Grünanlage vor unserem Landeskirchenamt Platz nahmen, um Sonne zu tanken. Stattdessen eilten sie über die Wege, um schnell wieder in den Schatten zu kommen. Denn Schatten ist von unschätzbarem Wert, wenn die eigenen Kräfte am Ende sind.

Das kennen besonders die Menschen in Gegenden, wo an vielen Monaten des Jahres die Sonne vom Himmel brennt und nur selten Bäume und Sträucher Schutz bieten. Wie in der Wüste, die das Volk Israel auf seiner Wanderung durchquerte und auch in dem Landstrich, in dem es später siedelte. Da nimmt es nicht Wunder, dass das Thema Schatten in der Bibel eine große Rolle spielt. Denken wir nur an den Propheten Jona. Er war von Gott ausersehen, die Bewohner der großen Stadt Ninive zur Umkehr von ihrem gottlosen Treiben zu rufen. Jona erwartete ihre Vernichtung. Doch der gnädige Gott wollte nicht Tod und Verderben. Das ärgerte den Propheten. Sollte Gott den Gottlosen doch einen Denkzettel verpassen. Verdrossen ließ er sich östlich der Stadt nieder - notdürftig geschützt von einem selbst gebauten Laubdach - und wartete, was doch noch geschah. Es war für ihn kaum auszuhalten in der sengenden Hitze. Aber Gott ließ eine Staude wachsen, dass sie ihm noch mehr Schatten und Kühle gäbe und ihm sein Mütchen kühlte. Doch dann: Die Staude verdorrte. Stechend heiße Sonne und ein glühender Ostwind am nächsten Morgen taten das Übrige. Jona schwitzte, wurde matt und rang um sein Leben. Und lernte seine Lektion. Sei nicht so hochmütig, Jona. Gott will das Leben. Deines und das Leben von Mensch und Tier in Ninive. Und dazu gehört der lebenswichtige und lebenserhaltende Schatten.

Musik 1: Track 2 When She Cries von CD Art of Motion, Interpret / Komponist: Andy McKee, (5:13), Label / Copyright: (c) 2006 Candy Rat Records (2006), LC unbekannt.

Autorin: Immer wieder wird der bewahrende Gott mit dem Schatten in Verbindung gebracht. Besonders in den Gebeten des alten Gottesvolkes, den Psalmen, kann man das lesen:

Sprecher: Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt

und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

der spricht zu dem Herrn:

Meine Zuversicht und meine Burg,

mein Gott, auf den ich hoffe.

Autorin: Dieser Psalm 91, so schreibt Martin Luther,

Sprecher: „ist ein Trostpsalm und reizt uns zum Vertrauen auf Gott in aller Not und Anfechtung und ist voll reicher tröstlicher Verheißung...“. (1)

Autorin: Der Schatten Gottes bedeutet Schutz und Geborgenheit, Regeneration und Rettung. Im seinem Schatten kann ich aufatmen und leben. Darum wird im 36. Psalm sogar dankbar gebetet:

Sprecher: Wie köstlich ist deine Güte, Gott,

dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!

Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,

und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.

Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,

und in deinem Licht sehen wir das Licht.

Autorin: Gottes Schatten – Gottes Flügel. Wie eine Henne, die ihre Küken unter sich birgt und wärmt und schützt, spannt Gott seine Flügel aus. Wie ein Adler, der seine Schwingen ausbreitet und sein Gelege unter die Fittiche nimmt. So singen es Christen schon seit dem 17. Jahrhundert im Gottesdienst:

Musik 2: Büro Archiv Nr. 029 CD 1 Track 04 Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren

EG 317,1-3 Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren

1. Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren,

meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.

Kommet zuhauf,

Psalter und Harfe, wacht auf,

lasset den Lobgesang hören!

2. Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,

der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,

der dich erhält,

wie es dir selber gefällt;

hast du nicht dieses verspüret?

3. Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet,

der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet.

In wie viel Not

hat nicht der gnädige Gott

über dir Flügel gebreitet!

Autorin: Flügel - da denke ich ja eigentlich an Fliegenkönnen, Abheben und Schnelligkeit. Aber die Bibel - und der ganze alte Orient – verbinden damit auch Macht, Schutz, Zuflucht und Fürsorge. Als das Volk Israel aus Ägypten floh und es von Gott in der Wüste bewahrt wurde, wird dieses rettende Handeln Gottes mit diesem Bild beschrieben. So lässt Gott dem Volk Israel am Sinai durch Mose ausrichten (2. Mose 19,4):

Sprecher: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.

Autorin: Und Mose erinnert in einem Lied sein Volk vom Stamm Jakobs daran (5. Mose 32,10f):

Sprecher: Wie ein Adler ausführt seine Jungen und über ihnen schwebt,

breitete (…) der Herr seine Fittiche aus und nahm Jakob und trug ihn auf seinen Flügeln.

Autorin: Gott trägt und bewahrt und er sorgt sich um die Seinen, wenn er ihnen unter dem Schatten seiner Flügel Schutz bietet. Das Lied des Mose beschreibt ein geradezu elterliches Verhalten. Und das Volk antwortet darauf mit Vertrauen.

Musik 3: Track 11 Segen (Piano) von CD Mis Chind – Lieder und Musik für einen schweren Abschied, Copyright: (p) Christof Fankhauser (Komponist und Interpret) (ohne Verlag und LC-Nummer)

Autorin: Schatten – das Wort hat aber auch noch eine andere, dunkle Seite. In viele Redewendungen hat sie Eingang gefunden. Wir sprechen von den Schattenseiten des Lebens. Wer nicht vom Glück begünstigt ist, kennt sie. Manche müssen geradezu ein Schattendasein fristen. Sie können sich nicht entfalten, ihre Begabungen nicht zur Geltung bringen, ihre Persönlichkeit nicht entwickeln. Vielleicht weil sie Zeit ihres Lebens im Schatten eines anderes stehen und daher keine gebührende Beachtung und Anerkennung finden. Und dann gibt es auch noch die, die nicht über ihren eigenen Schatten springen können. Sie können sich nicht auf Neues einstellen; manchmal wollen sie es auch nicht. Wieder auf andere zuzugehen, von denen sie eine Kränkung erfahren haben, ist ihnen einfach unmöglich. Schade. Der Schatten der Vergangenheit überschattet dann Gegenwart und Zukunft gleichermaßen.

Eine alte chinesische Geschichte erzählt von einem Menschen, der seinen eigenen Schatten nicht ertragen konnte. Er wollte ihn abschütteln. Ihm entfliehen. So rannte er los. Doch so schnell er auch lief, sein Schatten war immer noch da und blieb bei ihm, bis er vor Erschöpfung tot umfiel.

Unser Schatten gehört zu uns. Wir müssen schon als Kind lernen, mit ihm zu leben. Beim Spielen mit Kindergartenkindern habe ich das oft erlebt. Da tollen wir unbeschwert in der Sommersonne und dann dreht sich ein Kind plötzlich erschrocken um: Was ist das bedrohliche Dunkle hinter mir, das mich verfolgt? scheint es mit großen Augen zu fragen. Erst als ich neben ihm stehe, meine Hände und Füße bewege und mein Schatten es mir gleich tut, ist der Schrecken gebannt. Der Schatten gehört zu uns.

Die Bibel vergleicht sogar unser menschliches Leben mit dem Schatten (1. Chr. 29,15).

Sprecher: Unser Leben auf Erden ist wie ein Schatten und bleibet nicht.

Autorin: Noch nachdenklicher fragt der Schreiber des Buchs Prediger (6,12):

Sprecher: Denn wer weiß, was dem Menschen nützlich ist im Leben, in seinen kurzen eitlen Tagen, die er verbringt wie einen Schatten? Oder wer will dem Menschen sagen, was nach ihm kommen wird unter der Sonne?

Autorin: In der Bibel können wir darauf Antworten finden. Eine lautet (Ps. 84,12):

Sprecher: Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild;

er gibt Gnade und Ehre.

Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.

Herr Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt.

Musik 4 = Musik 3

Autorin: Gott der Herr ist Sonne, ist Licht. Aber in dieses Licht können wir nicht sehen, weil es uns blenden würde. Das Licht Gottes aber, in das wir sehen und auf das wir sehen können, ist Gottes Sohn, Jesus Christus. Im Neuen Testament lesen wir von ihm als dem Licht der Welt. Und die von seinem Licht beschienen werden, die sich Jesus anvertrauen und ihm nachfolgen, die werden folgerichtig 'Kinder des Lichts' genannt. Auch diese Kinder werfen noch einen Schatten. Auch sie haben ihre Schattenseiten und tragen die Schatten ihrer Vergangenheit mit sich. Aber sie brauchen nicht mehr vor sich selbst zu flüchten und nicht mehr vor sich und ihren Schatten wegzulaufen.

„Wer glaubt, flieht nicht“, steht im Buch des Propheten Jesaja (28,16).

Doch nicht nur das. Wer glaubt, der will nicht andere in den Schatten stellen, sondern wirft vielleicht sogar einen Schatten, in dem sich andere bergen können. Die Glaubenden nehmen die anderen wahr und nehmen sie an - als Brüder und Schwestern. Mit ihren Licht- und Schattenseiten. Als Kinder Gottes, der allen Schirm und Schatten sein will, wie es im 91. Psalm heißt. In diesem Psalm findet sich übrigens auch der tröstliche Zuspruch:

Sprecher: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“

Autorin: … ob im Licht oder im Schatten. Damit wünsche ich Ihnen einen schönen, gesegneten Sonntag, wärmende Sonne und bergenden Schatten. Ihre Doris Damke, Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche von Westfalen aus Bielefeld.

Musik 5: Track 2 Lobe den Herren, den mächtigen König (4:41) von CD Geistesgegenwart, Interpretin: Sarah Kaiser, Produzent: Samuel Jersak, Engl. Text: Catherine Winkworth (1827-1878), Musik: geistl. Stralsund 1655, Halle 1741; Bearbeitung: Samuel Jersak; Label: Artwork; Verlag: Gerth Medien GmbH Asslar 2007, LC 13743.

Oder: Track 2 Lobe den Herren, den mächtigen König (3:22) von CD Befiehl du deine Wege, Interpreten: Heike Wetzel (Flöte), Michael Schlierf (Flügel), Produzent: Michael Schlierf, Gerth Medien, Asslar 2010, LC 13743.

(1)Martin Luther, Psalmenauslegung, hg. E. Mühlhaupt, 3. Bd., Psalm 91-150, Göttingen 1965.

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