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Das Geistliche Wort | 17.07.2016 | 08:35 Uhr

Liebt eure Feinde

Autorin: Guten Morgen. Der biblische Text, den ich zu predigen hatte, kam mir quer. Ich hatte gerade beschlossen, mich einer ‚Demonstration gegen rechts’ anzuschließen. Sie sollte ein paar Tage später nahe meinem Wohnort stattfinden.

Die Rechtpopulisten, gegen die wir demonstrieren wollten, hatten Flüchtlingshelfer ‚nützliche Idioten’ genannt und hetzten gegen Fremde in unserer Gegend. Damit war ich betroffen. Ich engagiere mich in der Flüchtlingsarbeit, wir haben einen Schwiegersohn aus Tansania, und seit kurzem wohnt ein Student aus Kamerun bei uns. Wer diese meine Nächsten angreift, greift mich an. Der ist auch mein Feind. Und jetzt dieser Text aus der Bibel, der für die Predigt am Sonntag vorgeschlagen war. Er stammt aus der Bergpredigt Jesu:

Sprecherin: Jesus spricht: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: `Du sollst deinen Nächsten lieben` und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen seid, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ (Luther, Matthäus 5,43-48)

Autorin: “Liebt eure Feinde.“ Wie kann ich die Menschen lieben, die unseren Schwiegersohn, unseren Mitbewohner, unsere Freunde aus Tansania, Kamerun, Guinea, Syrien und Aserbeidschan verunglimpfen, beleidigen und ihnen sogar drohen? Und was heißt in diesem Zusammenhang „lieben“? Ich schaue noch mal genauer in den Bibeltext: Jesus ist hier im Gespräch. Im Streitgespräch. Man kann ahnen, worum es bei dem Streit geht: Hinter der Frage: „Wer sind eigentlich unsere Nächsten?“ steckt eigentlich die Frage: Wer gehört dazu, und wer nicht? Für wen müssen wir also sorgen und für wen nicht? Für die Menschen in unserem überschaubaren Umfeld: Familie, Freunde, Nachbarn? Für unsere religiöse Gruppe? Für unser Volk? Für noch mehr? Wo sind die Grenzen? Ziemlich aktuelle Fragen. Jesus ist radikal:

Sprecher: Ich sage euch: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ Dass Ihr diejenigen Eure Nächsten nennt, mit denen Ihr durch Familie, religiöse, politische Überzeugung oder Nation verbunden fühlt, das ist doch klar. Darüber müssen wir nicht reden. Dass darunter auch Fremde sind, die Ihr mögt, weil sie angenehme Nachbarn sind oder in der Gemeinde auftauchen oder für Euch putzen, das ist auch nichts Besonderes. Das kann jeder. Was ich euch sage, ist: Nicht Ihr setzt die Grenzen. Gott setzt sie. Und er hat schon entschieden: Die gleiche Sonne lässt er über allen aufgehen, und er lässt es über alle regnen, egal, ob sie gut sind oder böse, gerecht oder ungerecht - auch über deinen Feind. Also: Macht es wie Gott…

Musik 1: “Alabama blues”, Track 6 “Selma - Music from the Motion Picture”, Interpret/Komponist: J.B. Lenoir, Label: Paramount Pictures/Pathé Productions Limited for this Compilation, Copyright: 2015 Paramount Pictures/Pathé Productions Limited for this Compilation, LC-Nummer unbekannt, Bestellnr.: B00RZOHH5K

Autorin: In Südafrika habe ich ein philosophisch-theologisches Konzept kennengelernt. Es heißt ‚Ubuntu’. Es ist eine Aussage über den Menschen. Wenn ich in Europa fragen würde: „Was meinen Sie: Was ist der Mensch?“, dann kämen wohl meist solche oder ähnliche Antworte: Der Mensch geht aufrecht, kann denken und moralisch frei entscheiden.

Mir geht es genauso. Wenn ich an den Menschen denke, taucht der einzelne Mensch, das Individuum vor meinem inneren Auge auf. ‚Ubuntu’ aber meint etwas ganz anderes: Übersetzt heißt es so viel wie:

Sprecherin: „Menschlichkeit“ oder „Gemeinsinn“.

Autorin: Manchmal wird das Wort mit einem ganzen Satz umschrieben:

Sprecherin: „Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen.“(1)

Autorin: ‚Ubuntu’ kann den Menschen nur in Gemeinschaft denken. Wird er in Freund und Feind getrennt, verliert er an Menschsein. Ein Feind, so böse er ist, muss deswegen nicht nur besiegt werden, sondern er muss auch von seiner Feindschaft erlöst werden. Und wieder Teil der Gemeinschaft werden. Da sind sich ‚Ubuntu’ und die Bergpredigt Jesu sehr nahe.

‚Ubuntu’ – das ist eine Lebenshaltung. Und diese Lebenshaltung machte sich die so genannte Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika zu eigen. Sie wurde nach dem Ende der Apartheid, der Zeit der Rassentrennung gebildet und bot den Tätern die Chance, straffrei auszugehen. Die Voraussetzung war: Sie mussten ihre Taten bekennen und die Opfer um Entschuldigung bitten. Die öffentlichen Beichten waren eindrucksvoll, erst Recht die Bereitschaft vieler Opfer, ihren Peinigern zu vergeben.

Aber: Bis heute ist umstritten, ob der Straferlass richtig war. Ich kann das gut verstehen. ‚Ubuntu’ und auch die christliche Feindesliebe wandeln auf einem schmalen Grat. „Es ist politisch gefährlich, Feinde zu lieben“, sagen die einen. Andere halten es für ‚naiv’ und ‚feige’. Es hängt wirklich alles daran, ob wir verstehen: Auch Gott kann Freund und Feind nur zusammen denken.

Musik 2: “Ole man trouble” Track 2 von CD ”Selma - Music from the Motion Picture”, Interpret/Komponist: Otis Redding, (weitere Angaben s.o. Musik1)

Autorin: Ein Mann wird überfallen und liegt verletzt an der Straße. Zwei fromme Leute sehen es und gehen vorbei. Erst ein Mann aus Samarien hält an und hilft. In der Regel wird diese Geschichte vom `barmherzigen Samariter` (2) erzählt, um Menschen zur Nächstenliebe aufzurufen: Geh nicht vorbei. Halt an und hilf, wo Menschen in Not sind. Das ist nicht falsch. Aber es verfehlt die Spitze der Erzählung. Denn die Samariter zurzeit Jesu wurden als (religiöse?) Feinde betrachtet, und sie benahmen sich auch so. Gerade erst hatte ein samaritanisches Dorf Jesus und seinen Jüngern die Gastfreundschaft verweigert. Ganz so wie ein Mob von hundert Leuten im Februar diesen Jahres in Clausnitz einen Bus mit 15 Flüchtlingen gestoppt hat, um sie daran zu hindern, in die örtliche Sammelunterkunft einzuziehen. „Kannst du nicht Feuer vom Himmel fallen lassen, das sie verzehrt?“ (3), bitten die Jünger Jesus um Hilfe. Kurz und gut: Wenn Jesus diese Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählte, hatten seine Zuhörer keinen sympathischen, guten Menschen vor Augen, sondern eher den Unsympath, mit dem man keinesfalls etwas zu tun haben wollte. Und jetzt steigt ausgerechnet so ein Samariter von seinem Reittier ab und hilft und bringt den Überfallenen in eine Herberge und zahlt auch noch für seine Pflege.

„Wer ist für den Überfallenen der Nächste geworden?“ fragte Jesus immer am Ende der Erzählung. Und seine Zuhörer sagen: „Der barmherzig gewesen ist.“ Sie bringen das Wort „Samariter“ nicht über die Lippen. Es muss ein Schock für sie gewesen sein. Ein Unsympath, ein Gastfreundschaftsverweigerer, ein Feind ist der Nächste geworden.

Ich habe einen Freund in den USA, der ein glühender Anhänger der Demokraten ist. Er predigte die Geschichte darum so, als wäre der Samariter ein Republikaner, also einer aus der gegnerischen Partei. Hinterher sagte er mit einem Seufzen:

Sprecher (seufzend): „Ich musste das tun. Gott wirft ständig unsere Bilder über den Haufen – leider auch meine.

Autorin: Gerne würde ich mal nachfragen bei denen, die gegen Flüchtlinge hetzen: Kannst du dir, vorstellen, dass ein Flüchtling der einzige ist, der anhält, um dein Leben zu retten? Und kann ich mir einen Anhänger von Pegida als Samariter vorstellen? Jetzt muss ich auch seufzen.

Musik 3: “Yesterday was hard on all of us”, Track 10 von CD “Selma - Music from the Motion Picture”, Interpret/Komponist: Fink, (weitere Angaben s.o. Musik1)

Autorin: Ich denke an einen Dokumentarfilm, den ich im letzten Herbst gesehen habe (4).

Sprecherin: Michel (gesprochen: Mischél) Abdolláhi, Journalist des NDR, quartiert sich für vier Wochen in dem kleinen mecklenburgischen Dorf Jamel (gesprochen: Jámel) ein. Er errichtet eine Gartenhütte auf einem Wiesengrundstück und setzt sich davor.

Das Besondere ist: Jamel ist eine rechtsextreme Hochburg. Und Michel Abdollahi ist iranischer Abstammung. Er will mit den Dorfbewohnern ins Gespräch kommen. Aber die wenigsten wagen sich vor die Kamera. Nur der Dorfchef, Sven Krüger, sucht Abdollahis Nähe. Krüger ist ein NPD-Politiker, der schon wegen Waffenbesitzes, Handel mit Diebesgut und Körperverletzung verurteilt wurde. Er bietet Michel Abdollahi sogar das „Du“ an, und ist mitunter erschreckend sympathisch, wie der Reporter feststellt. Meist hält das aber nicht lange an: Und den mitten im Dorf aufgestellten Wegweiser nach Braunau, Hitlers Geburtsort, verteidigt er. Auf einer rechtsextremen Demo in Wismar gehört Sven Krüger zu denen größten Schreihälsen.

„Wie stehst Du dazu, was jetzt in Heidenau los ist?“, fragt Michel Abdollahi ihn, als sie eines Abends vor seinem Gartenzaun sitzen. „Volkszorn. Kann passieren. Betrifft mich nicht.“, antwortet Krüger.

„Würdest Du auch Sturm laufen, wenn man Dir hier einen Container mit Flüchtlingen hinstellt“, fragt ihn Abdollahi. „Ich denke nicht, dass es so weit kommt“, sagt sein Gegenüber und schwadroniert über `“Geiselnahme“ und Polizisten, die die Unterkunft umstellen müssten.

Da wagt Michel Abdollahi etwas Überraschendes: „Ach, ich glaube, Du kommst rüber und gibst ein paar alte Schuhe ab und sagst hier: Nimm!“ Da stockt der NPD-Mann Krüger einen kleinen Moment… bevor er erwidert: „Das Problem ist, wenn man die Flüchtlinge wirklich kennenlernt, kann man sie nicht hassen.“

Autorin: Der Dokumentarfilm hat kein Happyend. Die Dorfbewohner von Jamel bleiben rechtsextrem, der Dorfchef ist auch mit sympathischen Seiten nicht weniger gefährlich. Aber mit mir vor dem Fernseher passiert etwas, denn ich fange an, darüber nachzudenken, wie ich diesen Menschen, die mich so wütend machen, anders als mit Hass begegnen kann. Michel Abdollahi nimmt mich mit auf eine Gratwanderung zwischen Interesse und Distanz, Offenheit und Widerstand, Höflichkeit und deutlich artikulierter Meinung. Diese Gratwanderung finde ich schwierig, aber ebenso wichtig. Sie gibt mir eine Idee davon, was Jesus mit der Feindesliebe gemeint hat. Denn Michel Abdollahi traut sich beides: Er deckt das braune Denken und Handeln auf, das brandgefährlich ist, und begegnet dem Feind als Mensch. Und darüber, dass sich Michel Abdollahi persönlich so verwundbar gemacht hat, denke ich noch lange nach. Eine echte Begegnung mit dem Feind ist nicht ohne Risiko zu haben.

Musik 4: “Keep on pushing”, Track 4 von CD “Selma - Music from the Motion Picture”, Interpreten/Komp.: The Impressions, (weitere Angaben Musik1)

Autorin: Die Reaktionen im Netz auf die Dokumentation über den iranisch-stämmigen Journalisten im Nazidorf sind gespalten. Das war zu erwarten. Zwischentöne sind schwer vermittelbar. Auch Jesu Weg ist ein dritter. Er ruft weder zu Gegengewalt auf noch hält er sich feige heraus. Sein Widerstand ist kreativ:

Sprecher: „Wenn Dir jemand vor Gericht das letzte Hemd nehmen will, dann gib es ihm. Und dann zieh dich im Gerichtssaal aus, bis Du nackt da stehst. Vor allen.“

„Und wenn Dich einer der Besatzer nötigt, eine Meile mit ihm zu gehen – Du weißt, eine Meile darf er erzwingen – dann geh einfach noch eine Meile mit ihm mit. Freiwillig. Es wird ihn irritieren und verwundern. Das ist Sinn der Sache.“ (5)

Autorin: Jesus irritiert. Er überrascht. Er rüttelt an Bildern. So bewegt sich etwas.

Ich weiß, manche meiner Feindbilder sind über die Jahre zu Statuen geworden, zementiert und unbeweglich. Die haben mal Bewegung nötig.

Andere Bilder wie die von den Nazis, die jetzt wieder erstarken, will ich nicht relativieren. Es gibt da nichts zu verharmlosen. Aber ich will nicht vergessen, dass es sich auch bei ihnen um Menschen handelt, die Gott nur mit mir und meinen Flüchtlingsfreunden und meinem Schwiegersohn zusammen denken kann. Irgendwie kann Gott das, uns alle zusammen denken. Und ich bekomme ein bisschen Sehnsucht danach, das auch zu können.

Einen guten Sonntag wünscht Ihnen Christel Weber von der evangelischen Kirche.

Musik 5: “Glory”, Track 1 von CD “Selma - Music from the Motion Picture”, Interpreten / Komponisten: Common & John Legend, (weitere Angaben s. Musik 1)

Quellenangaben:

(1) Graness, Anke, Ubuntu - Afrikanischer Humanismus oder postkolonial Ideologie?. Renzension zu Leonhard Praeg: Bericht über Ubuntu. In: Polylog - Zeitschrift für Interkulturelles Philosophieren 31 (2014), S. 85. Im Internet unter: http://www.polylog.net/fileadmin/docs/polylog/31_rez_Graness_Ubuntu.pdf. Zuletzt geprüft am 01.06.2016.

(2) Lukas 10,25-37 (Übersetzung nach Luther, 1984)

(3) Lukas 9,54 (Übersetzung nach Luther, 1984)

(4) Michel Abdollahi: Im Nazidorf | Panorama - die Reporter | NDR https://www.youtube.com/watch?v=Cl__BD858yc

Siehe auch: http://www.rp-online.de/panorama/fernsehen/ein-iraner-im-nazidorf-aid-1.5452648

(5) nach Matthäus 5,40-41.

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