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Das Geistliche Wort | 21.01.2018 | 08:35 Uhr

„Mein Lied dem Herrn“

Guten Morgen!

Gemeinsames Singen ist groß in Mode! Projektchöre schießen wie Pilze aus dem Boden – in Bildungseinrichtungen, als Wochenendworkshops, und sehr viel auch in Pfarreien und Gemeinden. Es ist ein einfaches Konzept: Als Teilnehmerin muss ich mich nicht auf Jahre binden, sondern ich kann von Projekt zu Projekt entscheiden, ob ich dabei sein will oder nicht.

Vor ein paar Jahren habe ich mich einem solchen Projektchor angeschlossen – und bin dabei geblieben. Mittlerweile sind es drei große Werke, die „mein“ Projektchor gemeinsam einstudiert hat. Unser jüngstes Projekt war „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel. Zwei Jahre haben wir dafür im Rhythmus von vierzehn Tagen geprobt. Zwei Jahre lang haben sich regelmäßig an die sechzig Sängerinnen und Sänger getroffen und dieses Oratorium einstudiert. Eine Zeit, in der sich in mir etwas verändert hat. Zwei Jahre, in denen die intensive Auseinandersetzung mit der Musik und mit den Worten des „Messias“ eine Spur in meinem Leben hinterlassen hat.

Musik I: Händel, Messias, Nr. 3, Chor „Denn die Herrlichkeit Gottes des Herrn“

Zwei Jahre proben – das ist ein langer Zeitraum. In der Einstudierung des Stücks geht es zunächst einmal darum, dass jedes einzelne Chormitglied die Noten und den Text gut kennt. Und – was vielleicht sehr überraschend klingt – dem Singen geht das Hören voraus. Man muss hören lernen. Ich muss meine Nachbarinnen hören; und als gemeinsame Stimme – zum Beispiel als Sopran – müssen wir dann lernen, die anderen Stimmen zu hören, Alt, Tenor und Bass, um mit ihnen ein harmonisches Ganzes zu bilden. Erst dann kann Musik entstehen, eine Musik, in der sich Worte, Töne und Harmonien auf natürliche Weise miteinander verbinden. Dorthin zu gelangen, ist ein Prozess, ein teils mühevoller Prozess, dem ich mich gemeinsam mit den übrigen Sängerinnen und Sängern für die Zeit bis zur Aufführung des Werks ausgesetzt habe. Ein Prozess, der durch Wiederholungen geprägt ist – und in dem es trotz dieser Wiederholungen immer wieder darauf ankommt, präsent und konzentriert zu sein. Auf diese Weise erscheinen plötzlich Facetten, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Es ist wie bei einer Meditation, oder mehr noch, wie bei Exerzitien: Ich muss mich immer wieder neu auf eine Sache einlassen, die mir bekannt erscheint; muss versuchen, die neuen Facetten daran zu entdecken. Die Wechselwirkung von Musik und Wort hilft mir dabei: Mit einem Mal erkenne ich dann, dass ein Sprung über acht Töne nach oben für das Aufschauen des Menschen zu Gott steht. Und wie ein dissonant klingender Akkord Schmerz und Leid unterstreicht.

Nicht zuletzt muss ich mich auch einlassen auf die Emotionen, die das Oratorium in Musik und Wort wiedergibt. Ich muss mich mitreißen lassen, zum Beispiel von der feierlichen Begeisterung über die Verheißung des Messias.

Musik II: Messias, Nr. 9, Chor „O du die Wonne verkündet in Zion“

Händels Messias – ein Chorprojekt, das Spuren hinterlassen hat. Nicht nur mich hat die Zeit des langen Probens geprägt und verändert, sondern auch andere Mitsängerinnen und Mitsänger.

Zunächst überrascht mich: Das Spektrum der Motivation, sich gerade einem solchen Projektchor anzuschließen, ist breiter als gedacht. Es gibt Sängerinnen und Sänger, die sich vor allem durch die Qualität der Musik angezogen fühlen. Für andere spielt die Erfahrung des gemeinschaftlichen Singens eine besondere Rolle. „Keiner von uns kann Händels Messias allein aufführen“, so hat es eine Mitsängerin mal auf den Punkt gebracht. Und sie hat Recht: Ich kann meine eigene Stimme zwar als ein einzelnes Instrument im großen Klangkörper des Chores verstehen, aber erst gemeinsam mit den anderen Stimmen kommt sie wirklich voll zum Klingen. Meine Stimme ist Teil eines „großen Konzerts“, eines größeren Ganzen, im konkreten wie im übertragenen Sinn: Wirklich große Dinge können nie allein passieren.

Für eine andere Sängerin meines Projektchores kann es so weit gehen, dass ihr die Lieder zum Gebet werden. Sie sagt: „Oft habe ich selbst keine Worte für ein Gebet. Dann helfen mir die Texte, mit Gott in Verbindung zu kommen. Dadurch, dass wir diese Texte singen, erreichen sie mich zusätzlich auf einer tieferen emotionalen Ebene.“ Das heißt: Ich muss in diesem Augenblick weder die Musik noch die Worte intellektuell durchdringen, sondern kann mich beidem einfach hingeben.

Noch ein Stück weiter geht ein Sänger. Für ihn werden einige geistliche Texte durch die Musik überhaupt erst verständlich. Sie öffnen für ihn ein Fenster in eine „andere Wirklichkeit“, eine Wirklichkeit, die allein durch Worte schwer zu beschreiben ist – und die auch schwer zu begreifen ist.

Für mich wird sie verständlich zum Beispiel im folgenden Chorsatz: „Seht an das Gottes Lamm“

Musik III: Messias, Nr. 20, Chor „Seht an das Gottes Lamm“

Auch für mich ist Händels Messias zu einem Fenster geworden, das mich in eine andere Wirklichkeit schauen lässt. Angeblich wurde Georg Friedrich Händel, der den „Messias“ in etwas mehr als drei Wochen niedergeschrieben hat, durch seine Arbeit euphorisiert. Er soll ausgerufen haben: „Ich glaubte den Himmel offen und den Schöpfer aller Dinge selbst zu sehen.“ Offenbar war Händel von seinem eigenen Werk völlig überrascht! Seine Musik wies ihn selbst aus der Realität hinaus in eine „höhere Wirklichkeit“. Und Händels Ausruf erinnert an die Verzückung des Heiligen Stephanus in der Apostelgeschichte. Auch er sah den Himmel offen und Jesus zu Rechten Gottes stehen (vgl. Apg 7,56). Ein Blick von dieser Welt in eine andere.

Händels Messias thematisiert in der Tat das Leben Jesu von der Verheißung seiner Geburt über seinen Tod bis zu seiner Himmelfahrt zur Rechten Gottes, des Vaters. Die Passion hat darin selbstverständlich ihren Raum. Händels eigentliche Absicht aber ist die Darstellung der Heilsgeschichte. Die Passion, der Tod Jesu, ist die Voraussetzung dafür, dass das Heil, das Gute seinen Platz findet. Anders formuliert: Es geht um zwei Realitäten: Eine weltliche Realität, in der der Tod eine Katastrophe ist, und eine spirituelle und Glaubensrealität, in der der Tod eine Erlösung ist. Und beides zusammenzubringen, Tod und Erlösung, das ist – für mich jedenfalls – in der Musik, die Händel im Messias geschaffen hat, großartig nachvollziehbar. Händel verbindet für mich die Polarität meiner weltlichen Realität und der Realität meines Glaubens.

Musik IV: Messias, Nr. 23, Chor „Durch seine Wunden sind wir geheilt“

Nach den zweijährigen Proben in meinem Projektchor zu Händels Messias habe ich das Gefühl: Händel hat für mich Tod und Erlösung näher zusammengebracht. Dabei kann ich sagen, dass für mich neben der Musik die Worte des Oratoriums eine ganz entscheidende Rolle spielen. Die Sprache des Librettisten Christoph Daniel Ebeling ist sehr klar und auf angenehme Weise schlicht. Das lässt die Bedeutung der Worte umso deutlicher hervortreten. Zwei Jahre lang habe ich diese Sätze regelmäßig gesprochen, habe sie gesungen, sie wiederholt und noch einmal von vorn begonnen – wie ein Gebet. „Durch seine Wunden sind wir geheilt“ – dieser Satz aus dem Chor Nr. 23 ist für mich zur zentralen Botschaft des gesamten „Messias“ geworden.

Es sind festgeschriebene Worte, die sich nicht mehr verändern. Und sinnlich erfahrbar werden mir diese Gebetsworte durch Händels Musik immer, wenn ich sie höre und singe. Je länger ich mich mit Wort und Musik auseinandersetze, umso klarer wird mir die Botschaft, die im Messias verkündet wird: die Heilsbotschaft. Es geht um den großen Zusammenhang, warum Schmerz und Leid notwendige Durchgangsstationen im Lebensdrama Jesu sein müssen, das letzten Endes eine Läuterung und eine Erlösung der Menschheit bringen soll. Für mich bedeutet das: Ich kann mich sicher fühlen. Und gelassen sein. Denn ich bin geborgen. Geborgen in einer großen Liebe – geborgen in Gott.

Und noch etwas habe ich erfahren: Die Euphorie, die Händel selbst ergriffen hat, als er den Messias komponierte, hat sich auch auf mich übertragen. Und auch bei meinen Mitsängerinnen und Mitsängern ist sie spürbar. Dabei geht es nicht nur darum, das berühmte „Halleluja“ zusammen mit Pauken und Trompeten zu schmettern; sondern da ist eine tief empfundene Freude, die sich Bahn bricht; die mich mitreißt und deren Kraft und Glanz ich weitergeben will: Freude an der wunderbaren Musik, an den kraftvollen Texten – vor allem aber Freude daran, das Wort Gottes, die Botschaft des Heils und der Liebe, aus vollem Herzen zu verkünden und in die Welt hinauszutragen.

Musik V: Messias, Nr. 42, Chor „Halleluja“

Noch einen schönen Sonntag wünscht Ihnen Dorothee Haentjes-Holländer aus Bonn.

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