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Das Geistliche Wort | 02.02.2014 | 08:40 Uhr

Meine Augen haben das Heil gesehen

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Herbert Fendrich ist mein Name und ich arbeite als Kunsthistoriker und Theologe im Bistum Essen.

Heute, am 2. Februar, feiert die Kirche das Fest der „Darstellung des Herrn“. Früher endete an diesem Tag – 40 Tage nach Weihnachten – die Weihnachtszeit.

Manche Kirchengemeinden halten bis heute an dem Brauch fest, Krippe und Tannenbäume bis zum 2. Februar in der Kirche stehen zu lassen. Aber streng liturgisch genommen ist der Weihnachtsfestkreis mit dem Fest der Taufe des Herrn am Sonntag nach dem „Dreikönigsfest“ am 6. Januar abgeschlossen. Und das heutige Fest hat dadurch an Aufmerksamkeit verloren. Schade eigentlich. Denn die biblische Geschichte, die dem Fest der „Darstellung des Herrn“ seinen Namen gegeben hat, ist eine richtig gute Geschichte. Nicht nur theologisch bedeutsam, sondern auch menschlich bewegend. Da ist es schön, dass heute der 2. Februar ein Sonntag ist und diese Geschichte das Sonntagsevangelium.

Musik I

Im Evangelium des heutigen Festes der Darstellung des Herrn berichtet der Evangelist Lukas zunächst, dass die Eltern Jesu als fromme Juden ihre religiösen Pflichten nach der Geburt eines Kindes wahrnehmen. Sie lassen den kleinen Jungen beschneiden. Sie bringen das vorgeschriebene Reinigungsopfer für die Mutter des Kindes dar. Und sie bringen Jesus in den Tempel nach Jerusalem. Das ist gemeint mit dem Titel „Darstellung des Herrn“: Das kleine Kind wird im Tempel präsentiert. Theologisch gesprochen: Jesus kommt an den heiligen Ort seines Volkes. Und er wird dort erkannt. Als Erlöser und Retter gepriesen. Denn es passiert etwas Unerwartetes. Der Evangelist leitet das Geschehen mit einer Formel ein, die Aufmerksamkeit wecken soll. Im Griechischen heißt es: kai idou! „Und siehe!“ „Und siehe da war ein Mann…“ Das ist nicht bloße Rhetorik, es geht wirklich um das „Sehen“ in diesem Text. Hören wir in das Evangelium hinein:

Sprecher:

„Und siehe da war ein Mann in Jerusalem mit Namen Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels und der Heilige Geist ruhte auf ihm. Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe. Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war, nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten:

Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ (Lk 2, 25-32)

Musik II

Ich gebe gerne zu: Die Gestalt des Simeon hat es mir angetan. Dieser alte Mann und sein Loblied auf das Kind. Ich sage so einfach: Der „alte“ Mann. Eigentlich wird ja in der Geschichte nichts über sein Alter gesagt. Da hat vielleicht die schöne Formulierung der Verheißung an Simeon die Vorstellung bestimmt, da es hieß ja: Bevor du den Tod siehst, wirst du noch etwas anderes sehen. Den Messias, den Erlöser.

Ich stelle mir vor – ohne, dass es die Geschichte ausdrücklich sagt: Aus dieser Hoffnung lebt Simeon ein ganzes Leben lang und sie erfüllt sich erst ganz am Ende. Welch eine Erwartung, welch eine Sehnsucht, welch eine Geduld! Aber das erstaunlichste an dieser Geschichte ist für mich, wie sich für Simeon seine Sehnsucht und seine Seh-Sucht erfüllt. Was er sieht und was ihn singen lässt: Meine Augen haben das Heil gesehen.

Was bekommt er denn zu sehen, als ihn seine Hoffnung in den Tempel führt? Auf den ersten Blick wirklich nichts Großartiges. Mehr Enttäuschung als Erfüllung. Ein Ehepaar mit einem kleinen Kind. Ganz offensichtlich arme Leute. Denn sie können nur das Arme-Leute-Opfer darbringen: Statt eines Schafes zwei Täubchen. Dass Simeon jedoch durch all diese Armut und Schäbigkeit hindurch sehen kann, dieser ganz besondere Durch-Blick: Das ist der Clou der Geschichte! Nach dem Jubelgesang des Simeon heißt es im Evangelium: „Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte…“ (Lk 2,33) In der Tat: Das ist zum Staunen. Dieses kleine, ohnmächtige Kind ist der Erlöser und die Fülle aller Hoffnung: für den alten Simeon, für sein Volk Israel, für alle Menschen.

Musik III

Die Geschichte von Simeon und dem Kind im Tempel bei der „Darstellung des Herrn“ ist für mich seit vielen Jahren mit einem ganz besonderen Bild verbunden. Kein geringerer als Rembrandt ist der Maler. Das Bild ist nicht irgendein „Rembrandt“, sondern wahrscheinlich das letzte Werk des Künstlers. Eine Art Testament also. Nach Rembrandts Tod soll es auf der Staffelei in seiner Werkstatt gestanden haben. Ich stelle mir das so vor: Einer der berühmtesten Maler der Welt greift zum letzten Mal zum Pinsel. Und er malt ausgerechnet dieses Thema: Das Lied des alten Simeon. Besonders viel Glück hat Rembrandt in seinem Leben nicht gehabt: Drei Kinder sind ihm gestorben, nur wenige Wochen alt. Nach der Geburt des vierten Kindes stirbt seine schöne und reiche Frau Saskia. Und der Sohn Titus, der ihm geblieben war, stirbt schließlich auch, ein Jahr vor Rembrandts Tod, 26 Jahre alt. Mit Geld konnte der Maler überhaupt nicht umgehen: Obwohl er sehr viel verdient, macht er Schulden über Schulden, schließlich ist er bankrott. Ein schönes Leben – ein trauriges Leben? Ein erfülltes Leben – ein verpfuschtes Leben? Rembrandt malt sein letztes Bild. Er weiß, dass er bald sterben wird: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen ...“

Im Sommer 2005 habe ich diesen Augen, diesem letzten Augen-Blick zum ersten Mal im Original gegenüber gestanden. Im Stockholmer Nationalmuseum. Ich war gespannt, fast aufgeregt. Ich kannte dieses Bild ja gut. Immer wieder habe ich es in Abbildungen betrachtet, in Vorträgen präsentiert und zu erschließen versucht. Aber in einem Detail war ich mir ganz unsicher. Jetzt wollte ich Klarheit. Täuschten mich die Abbildungen? Oder war wirklich etwas mit diesem Bild nicht in Ordnung? Mit diesem Blick?

Rembrandts Bild zeigt Simeon als Halbfigur schräg von vorn. Er ist wirklich ein ganz alter Mann. Das Kind hat man ihm in einem Tuch auf die nach vorn gestreckten Arme gelegt. Die Hände wirken steif, als wollte Simeon sie zum Gebet falten. Aber er bringt sie nicht zusammen. Das sieht auch ein wenig so aus, als könne er das Geschehen im wahrsten Sinne des Wortes nicht begreifen. Insgesamt wirkt das Werk wie mit letzter Kraft gemalt. Unscharf. Schemenhaft.

Aber ein Leuchten geht von dem Kind aus und fällt auf das Gesicht des alten Mannes. Und dieses Gesicht ist es, das mich immer wieder stutzig machte. Wo ich dachte: Das kann doch gar nicht sein. Endlich hatte ich die Gelegenheit, mir vor dem Original Gewissheit zu verschaffen. Und ich sah ganz deutlich: Die Abbildungen haben nicht getäuscht: Dieser Simeon hat zwei Gesichter. Zwei ganz verschiedene Gesichtshälften, die – rein anatomisch gesehen – nicht zueinander passen und doch eine sinnvolle Einheit bilden.

Die rechte Hälfte: Das Gesicht eines Schlafenden. Oder eines Toten. Es wirkt ganz ruhig, vielleicht sogar entspannt. Auf jeden Fall: Auge und Mund sind geschlossen.

Ganz anders die linke Hälfte. Das Auge ist zumindest halb geöffnet. Es könnte nach unten blicken, zu dem kleinen Kind auf den steifen Armen. Oder nach innen. Und der Mund ist geöffnet. Simeon singt sein Lied auf die Erlösung und den Erlöser.

Diese beiden Hälften hat Rembrandt zu einem Gesicht zusammenfügt: Das Gesicht eines Toten und das eines Lebenden. Eines Mannes, der sieht und gleichzeitig nicht sieht. So entsteht das eindrucksvolle Bild eines Menschen auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, zwischen Sterblichkeit und der Hoffnung auf ein neues Leben.

Mehr noch: Rembrandt zeigt das Bild eines Menschen, dessen Sehen nicht von dieser Welt ist. Der, der da singt: Meine Augen haben das Heil gesehen, er sieht und sieht doch nicht. Denn das, was er sieht, ist nach meinem Verständnis kein einfaches Sehen mit der natürlichen Sehkraft des Auges. Es ist vielmehr ein Durchblick der besonderen Art, in eine Tiefe und Weite jenseits dieser Welt. Dieser letzte Augen-Blick des Simeon ist verbunden mit dem letzten Augenblick des Malers Rembrandt: Eine faszinierende und bewegende Einsicht für einen Künstler, für den doch das Sehen und das Sichtbarmachen zentraler Lebensinhalt und Lebenssinn ist. Er sagt mit seinem letzten Bild: Das, worauf es wirklich ankommt, das kann man nicht sehen. Und das kann ich auch nicht malen. Und er malt nie wieder.

Aus Essen verabschiedet sich Herbert Fendrich. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.

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