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Kirche in WDR 4 | 25.08.2016 | 08:55 Uhr

Meist fast nackt – ein Gott, der Fleisch wird

Einen guten Morgen!

Jesus ist wohl der Mann in der Weltgeschichte, dessen Leib am häufigsten nackt abgebildet worden ist. Das behauptet jedenfalls der österreichische Theologe Gottfried Bachl. Und sehr wahrscheinlich gibt ihm die Kunstgeschichte Recht. Ob die vielen Darstellungen als Kind in der Krippe oder auf Marias Schoß, später dann bei der Taufe im Jordan und schließlich am Kreuz und als Auferstandener: Jesus trägt allenfalls eine Windel oder einen Lendenschurz. Ich frage mich: Warum wird eigentlich die Leiblichkeit Jesu so massiv zur Schau gestellt? Warum zeigt man ihn so oft beinahe unbekleidet? Und das inmitten einer Tradition, die nicht selten leibfeindliche Züge hervorgebracht hat!

Könnte es sein, dass die Künstler selber nicht aufhören konnten zu staunen und andere zum Staunen anleiten wollten? Und zwar darüber, dass Gott in Jesus von Nazareth wirklich Fleisch geworden ist. Was für ein unglaublicher Gedanke, wohl einer der ungeheuerlichsten in der gesamten Religionsgeschichte. Kaum zufällig heißt es in einem Weihnachtslied: Gott ist im Fleische, wer kann dies Geheimnis verstehen?

Schon der Evangelist Johannes spricht nicht einfach davon, dass Gott Mensch wird, sondern er formuliert viel drastischer: „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1, 14). Fleisch – wie materialistisch, wie sinnlich! Gerade zurzeit Jesu liefen viele Denkrichtungen genau in die entgegen gesetzte Richtung.

Zu einem gelungenen Leben, gar zum Heil gehörte es dazu, die Materie und damit auch alle Körperlichkeit gering zu achten und sie zu überwinden. Und nun behauptet das Christentum, dass Gott Fleisch angenommen hat. Bis in die letzte Faser wurde er also Mensch. Und bis in die Gebrochenheit menschlicher Leiblichkeit hinein am Kreuz. Schon früh musste dieses Bekenntnis verteidigt werden. Selbst in der jungen Kirche meinten einige, Gott könne bestenfalls einen Scheinleib angenommen haben. Daher besteht Johannes so hartnäckig auf dem Wort „Fleisch“, um die menschliche Seite Gottes zu betonen. Was für eine Wertschätzung von Haut und Haar, von Hand und Fuß spricht daraus? Wenn Gott selber das Fleisch so bejaht, was heißt das dann für mich, ein „eingefleischter Mensch“ zu sein?

Dass die Künstler Jesus so häufig beinahe unbekleidet abgebildet haben, hat womöglich noch einen weiteren Grund. Wer nackt ist, steht ohne schützende Hülle da, ist immer dem ausgesetzt, was auf ihn trifft. Nacktsein bedeutet, sich berührbar und verletzlich zu machen. Ich verstehe das auch symbolisch: Wer nackt ist, der kann sich die Welt nicht vom Leibe halten, gerade auch nicht ihre Schattenseiten. Genauso ist Jesus den Menschen begegnet. Jesus ist zutiefst empfindungsfähig und leidsensibel, und zwar gerade dann, wenn Menschen in ihrer körperlichen Unversehrtheit beeinträchtigt sind. Das geht ihm förmlich an die Nieren.

Etwa ein Drittel des Markusevangeliums besteht aus Wundergeschichten und diese hinwiederum sind größtenteils Heilungserzählungen. Genau da zeigt sich, dass Jesus in seiner Leiblichkeit berührbar ist. Er begegnet nicht nur als Seelsorger, sondern ist auch erfüllt von der Sorge um leibliches Wohlergehen, indem er Menschen sättigt, sie berührt und sich auch von ihnen berühren lässt. Für mich hat das Konsequenzen, wenn ich in seine Nachfolge treten will: Wenn ich mich von ihm prägen lassen will, kann ich also keine Teflonoberfläche haben, an der alles abperlt. Jesus schickt in eine Schule der Empfindsamkeit. Er will berührbar machen.

Die Französin Simone Weil hat es einmal wunderbar so gesagt: „Der Held trägt eine Rüstung, der Heilige ist nackt.“

Aus Münster grüßt Sie Michael Höffner

* Gottfried Bachl, Der schwierige Jesus, Innsbruck 2. Auflage 1996, S. 46.

Gotteslob Nr. 251, 4.

* Zitiert in E. Ott, Die »Aufmerksamkeit" als Grundvollzug der christlichen Meditation, in: Geist und Leben 47 (1974), S. 105.

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