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Das Geistliche Wort | 07.02.2016 | 08:35 Uhr

Mit Beuys etwas wagen

Musik 1: Rene Aubry, Plaisirs dámour, Le Vent, Nr. 5, Georges Brassens, Arcade, LC 1672, 3040862

Autorin: Viel zu schnell hat das junge Jahr Fahrt aufgenommen und es scheint, als seien es die alten Bahnen in denen ich fahre. Angesichts der Nachrichten verblassen die Neujahrssehnsüchte nach einer friedlicheren Welt. Die Vorsätze, Dinge anders zu machen, verlieren an Energie. Zu eingespielt der Alltag, zu groß die Verpflichtungen. Ernüchterung stellt sich ein. Wenn meine Gedanken so zäh kreisen, tut Unterbrechung gut, Irritation. Einer, der dies in wenigen Worten schafft, ist der Künstler Joseph Beuys.

Sprecher: „Ich denke sowieso mit dem Knie.“ (1)

Autorin: Joseph Beuys bringt mich zum Schmunzeln und lässt mich Aufhorchen. Der Künstler und Poet, der in diesem Jahr 95 Jahre alt geworden wäre, tat facettenreich oft das, was für andere abwegig war: 100 Tage auf der Kunstausstellung documenta reden, sich in Filz einwickeln, stundenlang auf einem Fleck stehen, mit einem Kojoten zusammenleben, Leuten die Füße waschen, Gelatine von der Wand kratzen, den Wald fegen. (2) Beuys Installationen und Aktionen irritieren, weisen auf Missstände in der Gesellschaft hin. Sie mahnen und zeigen kreative Wege auf, Dinge anders zu betrachten. Vieldeutig sind seine Werke, ohne beliebig zu sein. Sie öffnen den Blick auf die Welt, wagen die Tiefe.

Musik 2: Rene Aubry, Plaisirs dámour, Demi Lune, Nr. 7, Arcade, LC 1672, 3040862

Autorin: Es war die Landschaft des Niederrheins, die Beuys prägte. In Krefeld wurde er am 12. Mai 1921 geboren. „Die Natur (…) war (für ihn) ein Traumort der Imagination und tiefgründiger seelischer Erlebnisse.“ (2) Zeit seines Lebens interessierte Beuys sich für Pflanzen, Botanik und Tiere, kam dabei auch mit den anthroposophischen Lehren Rudolph Steiners in Berührung und dem Tierfilmer Heinz Sielmann. So ist es kein Zufall, dass Beuys in einer seiner letzten Aktionen auf der documenta 7 in Kassel Bäume in den Mittelpunkt stellte. „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ hieß die Aktion. Dazu stapelte Beuys 7000 Steinstelen auf den Platz vor das Fridericianum. Für 500 DM konnte man eine Baumpatenschaft übernehmen. Jedem Baum war eine Stele zugeordnet. Neben ihren steinernen Wächtern veränderten sich diese Bäume und wurden so zum Monument einer sich wandelnden Gesellschaft (3). Und zu einer Mahnung, die Natur nicht weiter durch Profitinteressen auszubeuten. Wie die alttestamentlichen Prophetinnen und Propheten sprach Joseph Beuys unangenehme Themen an und legte beherzt den künstlerischen Finger in das Unheilvolle der Welt. Seine Aktionen machen mir Mut, mehr Prophetie zu wagen. Klar zu sagen, was Sache ist und nicht im Sumpf der Resignation zu versinken.

Sprecher: „Die Bäume sind nicht wichtig um dieses Leben auf der Erde aufrecht zu erhalten. Nein, die Bäume sind wichtig um die menschliche Seele zu retten. Dieser Spinatökologismus, der interessiert ja nicht, das einzige, was sich lohnt aufzurichten, ist die menschliche Seele. Ich meine jetzt nicht nur das gefühlsmäßige, sondern erkenntniskräftige, die Fähigkeit des Denkens, der Intuition, der Inspiration, das Ich-Bewußtsein, die Willenskraft. Das sind ja alles Dinge, die sehr stark geschädigt sind in unserer Zeit. Die müssen gerettet werden. Dann ist alles andere sowieso gerettet.“ (4)

Musik 3: Rene Aubry, Plaisirs dámour, Salento, Nr. 1, Arcade, LC 1672, 3040862

Sprecher: „Kreativität ist nicht auf jene beschränkt, die eine der herkömmlichen Künste ausüben.“(5) „Jeder Mensch ist ein Träger von Fähigkeiten, ein sich selbst bestimmendes Wesen, der Souverän schlechthin in unserer Zeit. Er ist ein Künstler, ob er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt. Da, wo er seine Fähigkeiten entfaltet, ist er ein Künstler.“ (6)

Autorin: Jeder Mensch ist ein Künstler. Joseph Beuys erweiterte den gängigen Kunstbegriff. Nicht in dem Sinn , dass jede gut malen kann, jeder ein Bildhauer ist. Aber wir alle verfügen über kreative Fähigkeiten, um die Gesellschaft selbstbestimmt und damit positiv und sozial zu gestalten. Kreativität ist nach Beuys ein Volksvermögen. Sie ist das eigentliche Kapital einer Gesellschaft, nicht Geld oder Geldvermehrung. Einen 10 DM Schein beschriftete Beuys in großen Lettern mit „Kunst = Kapital“. Die Veränderungen waren ihm wichtig. Die, die beim Einzelnen beginnen und sich auf alle ausweiten. Der erweiterte Kunstbegriff war für Beuys keine Theorie, sondern eine Grundformel des Seins. Mit generöser Menschlichkeit widmete er sich dem sozialen Miteinander. Er bezeichnete seinen

Kunstbegriff einmal als sein bestes Kunstwerk Kreativität leben, damit die Gesellschaft verändern, sie sozial gestalten, daran glauben, dass das möglich ist und es tun. Als Pfarrerin denke ich dabei an das biblische Motiv der Umkehr. Im Markusevangelium sagt Jesus: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“ Tut Buße, das bedeutet: ändert euch, lebt euer Ändern, wagt das Verändern. Bei jeder Einzelnen muss es beginnen. Nur so - vom Kleinen ins Große - wird diese Welt heil.

Jeder Mensch ist ein Künstler. Beuys ging es darum, gemeinsam zu gestalten, Menschen in den Prozess der Kunstwerke hineinzunehmen. Er stellte sich dies wie eine Ideengemeinschaft vor und nannte es Soziale Plastik. Damit stellte er den Kunstbegriff des geschaffenen Werkes in Frage. Entsprechend wurde er kritisiert

Bei einer Diskussionsveranstaltung Anfang der 1970er Jahre im Kunstring Folkwang in Essen, rief ihm jemand wütend zu: „Sie reden über Gott und die Welt, nur nicht über Kunst!“ Und Beuys antwortete: (8)

Sprecher: „Aber Gott und die Welt ist die Kunst!“ (9)

Autorin: Entsprechend entnahm Joseph Beuys die Materialien für seine Werke aus der Alltagswelt. Es sind Stoffe wie Filz, Fett, Holz, Muscheln oder auch scheinbare Abfälle wie alte Filtertüten, Pflaster, Eierschalen. In seiner Kunst erhalten sie neue Bedeutung. In Vitrinen werden sie zu Plastiken und befreien sich von unserem einengenden Blick, der sie festlegen will. Beuys wagte es, Materialien des Alltags in Kunst zu verwandeln und verwandelte so den Alltag. Mit dem Banalen regte er Fragen nach dem Sinn des Lebens an.

Musik 4: Rene Aubry, Plaisirs dámour, Demi Lune, Nr. 7, Arcade, LC 1672, 3040862

Autorin: Für Joseph Beuys, sind die elementaren Gegensatzpaare Wärme-Kälte und Bewegung –Statik besonders wichtig. Sein berühmter Filzanzug von 1970 ist aus einem wärmenden Material hergestellt. Die 100 Ausfertigungen sind etwas zu groß, ihnen fehlen modische Details wie Knöpfe oder Säume. So ist der Anzug auch nicht zum Anziehen gedacht. Vielmehr ist er ein Hohl-Körper aus Filz, dessen innerer Kern sich ebenso verflüchtigt wie befreit zu haben scheint. Er liest sich als Bild des Ausstiegs aus alten gewohnten Mustern. (10)

Sprecher: Der Filzanzug ist „einmal ein Haus, eine Höhle, die den Menschen isoliert gegenüber den anderen. Zum anderen ist er ein Zeichen für die Isolation des Menschen in unserer Zeit.“ (11)

Musik 5: Rene Aubry, Plaisirs dámour, Fil de Verre, Nr. 4, Arcade, LC 1672, 3040862

Autorin: Beuys erlitt in seinem Leben dunkle Zeiten, Zeiten der Isolation. Als Sturzkampfflieger wurde sein Flugzeug im Winter 1943/44 über der Krim abgeschossen. (12) Er überlebte schwer verwundet. Er selbst setzte den Mythos in die Welt: eine Gruppe nomadisierender Tataren hätte ihn mit Fett und wärmenden Filz, sowie Milchspeisen gerettet. Ob das stimmt, ist umstritten. Ich will diesen Mythos glauben. Weil Beuys Kunst Wurzeln in seiner Existenz hat, die von Naturmythen und Naturwissenschaft gleichermaßen geprägt ist. Dieses Kriegserlebnis und Beuys tiefe Depression nach dem Jahr 1955 haben ihn durchlässig gemacht. Unter dem obligatorischen Filzhut, über der ihn kennzeichnenden Weste, verriet sein sehnsüchtiger Blick die dünne Haut. Er verfügte über eine Sensibilität für die Kältezonen der Gesellschaft und sah als einziges Mittel dagegen die Offenheit.

Sprecher: „Wichtig ist mir die Offenheit. Man muss herausstellen, was man ist. Es gibt gar keinen Grund dafür seine Fehler, Mängel oder Verzerrungen zu verstecken. Dass es für die ganze Welt erst interessant und produktiv wird, wenn die Menschen sagen: „ich habe nichts zu verbergen.“ Die Wahrheit ist, dass ich ein fehlerhaftes , unvollkommenes Wesen bin. In dem ich das dem anderen zeige, entsteht ein kreativer Prozess. Diese Wunde (…) muss man anschauen und dann weitergehen, sich ergänzen lassen von anderen. Das gemeinsame Vorhaben bringt die Menschheit überhaupt erst in Gang.“ (13)

Autorin: In seiner kühlen Installation „Zeige deine Wunde“, die Beuys zunächst unterirdisch unter der Münchener Luxus Maximilianstrasse zeigte, schockierte er mit Leichenbahren und Auffangschalen, altertümlichen Landwirtschaftsgeräten und der Inschrift auf Tafeln: „Zeige Deine Wunde.“ Das Wagnis sich mit Verletzungen und Narben zu zeigen, sah er als Chance für den Heilungsprozess der Welt. So machte Beuys Mut, sich zu zeigen, wie man ist. Wir müssen nicht immer so tun, als wäre alles in Ordnung. Die Verletzungen gehören zu uns. Bei Beuys selbst führte das Leiden dann dazu, dass er sich wandelte.

Verwundung birgt die Chance zur Weiterentwicklung. 1959 gestaltete Beuys in diesem Sinne einen Gekreuzigten. Er wirkt wie einer, der am Galgen hängt. Zugleich erscheint die Skulptur schwebend, beinahe tanzend und verströmt damit auch Leichtigkeit. Dieser Christus hat seinen Platz in einem Mahnmalturm für die Gefallenen der Weltkriege in Meerbusch bei Düsseldorf. Beuys nannte ihn ein Auferstehungssymbol.

Musik 6: Rene Aubry, Plaisirs dámour, Trou de memoire, Nr. 2, Arcade, LC 1672, 3040862,

Autorin: Joseph Beuys war kein Theologe, sondern Künstler. Der Kirche stand er kritisch gegenüber. Aber Christusimpulse fand er an vielen Orten und gestaltete sie. (14) Beuys hatte ein gutes Gespür für das Geheimnis des Lebens: das Unerwartete, das, was wir nicht restlos in der Hand haben, Kräfte, die mitbestimmen, die wir nicht gänzlich rational erklären können. Nicht nur sein Material, sondern auch dieses Geheimnis fand er im Alltag:

Sprecher: „Die eigentlichen Mysterien finden (…) im Hauptbahnhof statt.“ (15)

Autorin: Auch dreißig Jahre nach seinem Tod ist Joseph Beuys Werk inspirierend und in seiner prophetischen und spirituellen Dimension heilend. Sein Kunstverständnis und seine Kunst ermutigen mich, etwas zu wagen. Daran zu glauben, dass ich mit meiner Kreativität die Welt mit gestalten kann. Einen gesegneten Sontag wünscht Ihnen Susanne Wolf, von der Evangelischen Kirche in Wuppertal. Das letzte Wort hat Joseph Beuys mit einem Gedicht, das ihm zugeschrieben wird. Ob es wirklich seine Worte sind, bleibt offen. Aber Beuys liebte ja die Offenheit. Es weist auf vieles hin, was wir in diesem Jahr noch wagen könnten. Vielleicht ist ja für Sie etwas dabei.

Sprecher:

Lass dich fallen,

lerne Schlangen zu beobachten,

pflanze unmögliche Gärten,

lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.

Mache kleine Zeichen, die „ja“ sagen

und verteile sie überall in deinem Haus.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.

Freue Dich auf Träume.

Weine bei Kinofilmen,

schaukle so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.

Pflege verschiedene Stimmungen,

verweigere dich, „verantwortlich zu sein“ – tu es aus Liebe!

Mache eine Menge Nickerchen.

Gib Geld weiter. Mach es jetzt. Das Geld wird folgen.

Glaube an Zauberei. Lache eine Menge.

Bade im Mondschein.

Träume wilde, phantasievolle Träume.

Zeichne auf die Wände.

Lies jeden Tag.

Stell dir vor, du wärst verzaubert.

Kichere mit Kindern. Höre alten Leuten zu.

Öffne dich. Tauche ein. Sei frei. Preise dich selbst.

Lass die Angst fallen, spiele mit allem.

Unterhalte das Kind in dir. Du bist unschuldig.

Baue eine Burg aus Decken. Werde nass. Umarme Bäume.

Schreibe Liebesbriefe. (16)

Musik 7: Rene Aubry, Plaisirs dámour, Zig Zag, Nr. 3, Arcade, LC 1672, 3040862

Quellenangaben: (1) vgl. Heiner Stachelhaus, Joseph Beuys, Berlin 2004, 98. (2) zitiert nach dem Film „Zeige deine Wunde. Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys“, Rüdiger Sünner, 1:14. (3) vgl. Marc Gundel, Beuys für alle! Kunsthalle Vogelmann. Städtische Museen Heilbronn, Bielefeld/Leipzig/Berlin 2010, 166. (4) Siehe 2. (5) vgl. 2. (6) zitiert nach Interview mit Paul Brügge, www.spiegel..de/Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt, 4.6.1984. (7) zitiert nach 3, S. 126. (8) vgl. 1, S. 86. (9) ebd. (10) vgl. Rita E. Täuber in (3), S. 82. (11) Joseph Beuys zitiert nach: Reinhard Ermen, Joseph Beuys, Reinbek 2007, S. 70. (12) zitiert nach (1), S.26. (13) Beuys zitiert nach (2). (14) vgl. dazu das Interview mit Horst Schwebel, in: Ders. Glaubwürdig. Fünf Gespräche über heutige Kunst und Religion mit Joseph Beuys, Heinrich Böll, Herbert Falken, Kurt Marti, Dieter Wellershoff, Kaiser Traktate 40, München 1979. (15) Beuys zitiert nach (2). (16) http://marcgerhardt.de/jeder-mensch/

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