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Das Geistliche Wort | 09.11.2014 | 08:40 Uhr

Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.

Guten Morgen, an diesem denkwürdigen Datum!

Heute vor 25 Jahren fiel die Mauer.

In der deutschen Geschichte hat der 9. November gleich mehrfach eine besondere Bedeutung: Nach der Abdankung Kaiser Wilhelms II. wird in Berlin am 9.November 1918 die Deutsche Republik ausgerufen. 1923 scheitert in München der Putschversuch Adolf Hitlers. In der Nacht zum 9. November 1938 inszenieren die Nationalsozialisten eine nie dagewesene Pogromnacht gegen die jüdischen Mitbürger. Fast überall brennen die Synagogen.

Und dann der 9. November 1989: der Tag, an dem die Mauer fällt.

Auslöser der Öffnung war bekanntlich ein Versehen des SED– Politbüromitglieds Günter Schabowski bei der Bekanntgabe von Reiseerleichterungen für die DDR–Bürger. Schabowskis umgehend medial verbreitete Bemerkung, die Grenzöffnung gelte „sofort, unverzüglich“, setzte am Abend Zehntausende Ost-Berliner zu den noch versperrten Grenzübergängen nach West-Berlin in Bewegung.

Diese Nacht wird den Deutschen nicht aus der Erinnerung gehen. Ich wette, viele von Ihnen wissen noch, wo Sie in dieser Nacht gewesen sind. Diese Nacht, in der das Hämmern der sogenannten „Mauerspechte“ in das Lied der Freiheit einstimmte. Was diese Nacht doch so alles verändert hat: Aus Berlin, der Stadt der Teilung, wurde die Stadt der Freiheit. Der Liedermacher Reinhard Mey hat diese Wendung in dem Lied „Mein Berlin“ festgehalten.

Musik I

(Musik: Reinhard Mey, Mein Berlin …?

3. Strophe:

Da war meine "Sturm- und Drangzeit", und ich sah ein Stück der Welt,

Und kam heim und fand, die Hälfte meiner Welt war zugestellt,

Da war'n Fenster hastig zugemauert und bei manchem Haus

Wehten zwischen Steinen noch die Vorhänge zum Westen raus.

Wie oft hab ich mir die Sehnsucht, wie oft meinen Verstand,

Wie oft hab ich mir den Kopf an dieser Mauer eingerannt.

Wie oft bin ich dran verzweifelt, wie oft stand ich sprachlos da,

Wie oft hab' ich sie geseh'n, bis ich sie schließlich nicht mehr sah!

Das war mein Berlin.

Wachtürme, Kreuze, verwelkte Kränze, die die Stadt durchzieh'n.

Das war mein Berlin.

5. Strophe:

Ich weiß, dass auf der Straße hier kein einz'ger Baum mehr stand,

Ruinen in den Himmel ragten, schwarz und leergebrannt.

Jetzt steh' ich hier nach so viel Jahr'n und glaub' es einfach nicht.

Die Bäume, die hier steh'n, sind fast genauso alt wie ich.

Mein ganzes Leben hab' ich in der halben Stadt gelebt?

Was sag' ich jetzt, wo ihr mir auf die andre Hälfte geht?

Jetzt steh' ich hier, und meine Augen sehen sich nicht satt

An diesen Bildern: Freiheit, endlich Freiheit über meiner Stadt!

Das ist mein Berlin!

Gibt's ein schön'res Wort für Hoffnung, aufrecht gehen,

nie mehr knien!?

Das ist mein Berlin! )

Was war schlimmer: die Mauer aus Stein oder die Mauern aus Angst, die in der DDR-Zeit zwischen Menschen gezogen wurden? Ich bin mir sicher: zuerst mussten die Mauern aus Angst und Misstrauen eingerissen werden. Und tatsächlich: an die Stelle der Angst trat mehr und mehr der Mut der Menschen. Er war stärker als der Repressionsapparat des Regimes.

Mich beeindruckt dieser Mut, mit dem viele der Androhung von physischer und psychischer Gewalt widerstanden. Mich beeindruckt die tiefe Überzeugung, dass friedlicher Protest, dass Kerzen und Gebete stärker sind als alle Drohungen und Repressionen.

Mich beeindruckt vor allem, dass so viele Menschen damals in der DDR ihre Sehnsucht und ihre Hoffnung nicht aufgegeben hatten. Wie Glut unter der Asche so glühte diese Hoffnung in ihren Herzen.

Mich ermutigt das noch heute und diese Nacht vom 9. November und wie es dazu kam wird auch noch die folgenden Generationen ermutigen: Hoffen gegen alle Hoffnungslosigkeit.

Mauern, das, was trennt und knechtet, nicht hinnehmen. Denn der Mensch ist zum aufrechten Gang berufen – in Freiheit.

Der evangelische Theologe Wolfgang Dietrich drückt es in einem Gedicht so aus:

Sprecher:

„Mit Ziegelsteinen

begann es

und dann

wurden Mauern

gebaut.

Viele Mauern

wurden von Sklaven

erbaut,

um Menschen

als Sklaven zu halten.

Übe dich

im Überspringen

von Mauern!

Die Israeliten

ließen die Ziegelsteine

hinter sich.

Was für ein

Gott!

Fahre ich

nach Berlin,

fahre ich

nach Moskau,

fahre ich

nach Jerusalem:

überall

üben sich Menschen

im Überspringen

von Mauern.“

Mauern sind nicht immer aus Stein. Es gibt auch die Mauern anderer Art in unserem ganz persönlichen, privaten Leben. Da ist dieses Paar, das ich kenne: Er lässt jeden Versuch von ihr an sich abprallen, endlich zu sprechen über das, was längst einmal besprochen und geklärt werden müsste. Er hüllt sich in eisiges Schweigen und baut eine unsichtbare Mauer um sich. Ein einziges Wort würde vielleicht reichen, um einen neuen Anfang zu machen. Aber es kommt nicht, bleibt aus. Und sie steht weiterhin hilflos vor dieser Mauer des Schweigens. Ich wünsche diesem Paar so sehr, dass diese Mauern eingerissen werden können.

Musik II

Mir ist das Bild von Mauern, die eingerissen oder überwunden werden, sympathisch und wichtig. Aber ich weiß ja auch, wie wichtig Schutzräume sind. Ich denke an Häuser, die Zufluchtsorte sind: Unterkünfte für Obdachlose, Frauenhäuser. Nur in der Sicherheit, dass keiner der sie schlagenden Männer die Mauern überwinden kann, suchen Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt wurden, darin Zuflucht. Mauern können vor Gefahr schützen, Sicherheit und Geborgenheit schenken.

Und es braucht auch die inneren Schutzräume, in die wir uns zuweilen zurückziehen können, in denen wir durchatmen und uns erholen können.

Ich finde es genial, wie die Bibel es schafft, beiden Bedürfnissen in einem Text gerecht zu werden. Es ist der 18. Psalm (im ersten Testament.), in dem es heißt:

Sprecher:

„Ich will dich erheben, Gott, meine Stärke, mein Fels, meine Burg, mein Retter! Mein Hort, zu dem ich flüchte, mein Schild, mächtiges Zeichen des Heils! .. In meiner Not rief ich zum Herrn und schrie zu meinem Gott, da hörte er … mein Rufen, mein Schrei erreichte sein Ohr… Er führte mich heraus in die Weite, er riss mich heraus, denn ich war ihm lieb. Ja, der Herr ist mein Licht! Mein Gott erhellt mir das Dunkel! Mit ihm erstürme ich Mauern, mit Gott überspringe ich Wälle…“

„Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“. Das ist das eine. Aber genauso heißt es im selben Psalm auch: „Mein Gott ist meine Burg“.

Es braucht beides: den Schutzraum und die Freiheit, die freie Entfaltung.

Gefährlich wird es da, wenn der Schutzraum ein Vorwand ist, um Freiheit zu beschneiden.

Die DDR-Regierung hatte die Berliner Mauer zum „antifaschistischen Schutzwall“ deklariert. Aber empfunden wurde sie als große Gefängnismauer.

Und dass sie überwunden wurde, hat auch viel damit zu tun, dass es Menschen gab, die ihre innere Freiheit bewahrt hatten – weil sie an dieses „mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ tatsächlich geglaubt haben.

So beschloss der Leipziger evangelische Gemeindepfarrer Christian Führer, der in diesem Jahr verstorben ist, 1982 jede Woche am frühen Montagabend ein Friedensgebet abzuhalten. „Nikolaikirche – offen für alle“ stand auf dem Schild, das er über die Tür hängen ließ… Aus der Kirche heraus entwickelte sich das Friedensgebet zur Friedensdemonstration auf dem Leipziger Ring, mit Kerzen und Transparenten.

Die Großdemo der 70.000 am 9. Oktober 1989 war das Signal zur DDR-Revolution. Dass es in dieser Nacht nicht zum Kampf mit den längst bereitstehenden Kampftruppen der Partei kam, ist auch Führers Appellen zur Gewaltlosigkeit, seiner leisen Autorität zu danken.

„Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ – so der Kommentar eines Stasi-Generals im Fernsehfilm „Nikolaikirche“ zum Ende der DDR. Das Eingeständnis, dass Ideologien doch zu unterwandern und Machtappparate doch zu überrumpeln sind – mit Kerzen und Gebeten.

Die Betenden in der Nikolaikirche und darüber hinaus haben an einen Gott der Freiheit geglaubt, haben geglaubt, dass Er die Kraft zum Sprung in die Freiheit schenkt und in diesem mutigen Sprung selbst gegenwärtig ist. Albert Schweitzer hat einmal gesagt: „Gebete ändern die Menschen, und Menschen ändern die Welt.“

Musik III

Der Theologe und Philosoph Wolfgang Dietrich schreibt in seiner Interpretation des 18. Psalms:

Sprecher:

„… – Zeige dich sprunggewaltig! Setz dir zum Ziel, einmal im Leben eine Mauer zu überspringen. Jede Mauer erhält Sprünge, bis sie über und über mit Sprüngen durchsetzt ist. Dann zerfällt sie. Den Steinen in der Mauer wird es selber zum Reiz, in sich zu springen, ja zu zerspringen. Das Leben will nicht vermauert sein. Je öfter eine Mauer übersprungen wird, umso mehr hört sie auf, eine Mauer zu sein.“

Dietrich macht klar: das „mit meinem Gott überspringe ich Mauern“, das geht nicht von heute auf morgen. Das ist nicht immer mit einem großen Sprung getan. Die Sprunggewalt liegt in der Beharrlichkeit und in dem Vertrauen, dass die Mauer überwindbar ist – zu ihrer Zeit.

Aber Dietrich geht noch weiter: Er sieht das Mauern-Überspringen als einen wesentlichen Zug Gottes, der voller Ungeduld uns ins Freie führen will:

Sprecher:

Und dann noch dies: ein Mauern überspringender Gott. Die Unduldsamkeit Gottes bezieht sich auf Mauern. Das Gebot – die Weisung – der Nächstenliebe meint die entschiedene und intensive und beharrliche Durchdringung von Mauern. (…) Der Mauersprung ist ein Sprung in die Freiheit. Und Gott ist dabei behilflich. Der biblische Gott ist ein zum Sprung in die Freiheit verhelfender Gott. Im Sprung in die Freiheit selbst ist Er gegenwärtig.“

Was für eine innere Weite müssen Menschen haben, die das annehmen können: Es gibt einen Gott und er will uns in die Freiheit führen! Was für eine Kraftquelle kann das sein! Wie sehr kann das Menschen verändern! Für mich ist in den Tagen vor 25 Jahren auf den Straßen und in den Kirchen davon etwas aufgeschienen. In den Kerzen und Gebeten.

Ich bin überzeugt, dass die befreiende Erfahrung von damals auch für Sie und mich heute von Bedeutung sein kann. Ihr und mein Sprung in die Freiheit kann ganz unspektakulär beginnen. Ich mache Ihnen einfach einmal einen Vorschlag:

Wie wäre es, wenn Sie sich einmal die Zeit nehmen, eine Kerze anzuzünden und damit den Wunsch verbinden: Ich möchte etwas wachsamer werden für die vielen kleinen Hoffnungsschimmer, die täglich in mein Leben fallen – wohlwollende Blicke, aufmunternde Worte, Zeichen der Zuneigung. Vielleicht spüren Sie, dass Sie mutiger werden möchten im Protest gegen Ungerechtigkeit, gegen Kälte und Lieblosigkeit in Ihrer Umgebung.

Und vielleicht ist Ihnen ja zu einem Gebet zumute, in dem in Ihnen der Wunsch entsteht, Gott möge Ihnen Kraft schenken, mutig und beharrlich, mit Zuversicht und Geduld mit daran zu wirken, dass in Ihrem Umfeld, nach Ihren Möglichkeiten Mauern – wie auch immer die aussehen – eingerissen werden und ein Stückchen mehr Freiheit spürbar wird. (Wäre das was für Sie?)

Vielleicht können Kerzen und Gebete dann auch für Sie heute Aufforderung zur Rebellion gegen die Mächte, die unfrei und abhängig machen, sein. Denn auf alles sind diese vorbereitet – nur nicht auf Kerzen und Gebete.

Einen schönen und gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Frank Reyans aus Grefrath.

Sprechertexte:

Sprecher:

„Mit Ziegelsteinen

begann es

und dann

wurden Mauern

gebaut.

Viele Mauern

wurden von Sklaven

erbaut,

um Menschen

als Sklaven zu halten.

Übe dich

im Überspringen

von Mauern!

Die Israeliten

ließen die Ziegelsteine

hinter sich.

Was für ein

Gott!

Fahre ich

nach Berlin,

fahre ich

nach Moskau,

fahre ich

nach Jerusalem:

überall

üben sich Menschen

im Überspringen

von Mauern.“

Sprecher:

„Ich will dich erheben, Gott, meine Stärke, mein Fels, meine Burg, mein Retter! Mein Hort, zu dem ich flüchte, mein Schild, mächtiges Zeichen des Heils! .. In meiner Not rief ich zum Herrn und schrie zu meinem Gott, da hörte er … mein Rufen, mein Schrei erreichte sein Ohr… Er führte mich heraus in die Weite, er riss mich heraus, denn ich war ihm lieb. Ja, der Herr ist mein Licht! Mein Gott erhellt mir das Dunkel! Mit ihm erstürme ich Mauern, mit Gott überspringe ich Wälle…“

Sprecher:

„… – Zeige dich sprunggewaltig! Setz dir zum Ziel, einmal im Leben eine Mauer zu überspringen. Jede Mauer erhält Sprünge, bis sie über und über mit Sprüngen durchsetzt ist. Dann zerfällt sie. Den Steinen in der Mauer wird es selber zum Reiz, in sich zu springen, ja zu zerspringen. Das Leben will nicht vermauert sein. Je öfter eine Mauer übersprungen wird, umso mehr hört sie auf, eine Mauer zu sein.“

Sprecher:

Und dann noch dies: ein Mauern überspringender Gott. Die Unduldsamkeit Gottes bezieht sich auf Mauern. Das Gebot – die Weisung – der Nächstenliebe meint die entschiedene und intensive und beharrliche Durchdringung von Mauern. (…) Der Mauersprung ist ein Sprung in die Freiheit. Und Gott ist dabei behilflich. Der biblische Gott ist ein zum Sprung in die Freiheit verhelfender Gott. Im Sprung in die Freiheit selbst ist Er gegenwärtig.“

Copyright Vorschaubild: Rolf Krahl CCBY-SA 2.0 flickr

1. Vgl. Rheinische Post vom 10. Januar 2014

2. Reinhard Mey, „Mein Berlin“, CD „Farben“, Berlin 1990

3. Wolfgang Dietrich, Es ist ein Gesang in der Welt: ein Psalter dieser Tage. Psalm 1-75, Eschbach 1999, S.51..

4. Auszüge aus Psalm 18 in der Übersetzung von Jörg Zink, in: Die Bibel, neu in Sprache gefasst von Jörg Zink, Stuttgart 2008, S. 188/9.

5. Vgl. Christ in der Gegenwart Nr.27/2014, S.294.

6. Zitiert aus: Wolfgang Raible, 100 Kurzansprachen, Freiburg 2009, S.26/7.

7. Wolfgang Dietrich, Es ist ein Gesang in der Welt: ein Psalter dieser Tage. Psalm 1-75, Eschbach 1999, S.50.

8. Vgl. Wolfgang Raible, 100 Kurzansprachen, Freiburg 2009, S. 27/8.

9. Wolfgang Dietrich, Es ist ein Gesang in der Welt: ein Psalter dieser Tage. Psalm 1-75, Eschbach 1999, S.50.

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