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Kirche in WDR 4 | 21.07.2016 | 08:55 Uhr

Nicht allein mit dem Trauma

O-Ton 1: Wenn ich von ihm rede, ist es wie mein (…) Kind eben auch schon so.

Autorin: So klingt es, wenn Ramona Rohlfing aus Vlotho von ihrem west-afrikanischen Familienzuwachs spricht. Es ist ein 21-jähriger Mann aus Guinea. Ramona Rohlfing arbeitet ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe der Diakonie. Als ihr Schützling aus Guinea nach Deutschland kam, war er schon achtzehn und hatte einiges hinter sich. Der Hintergrund: 2009 gab es in Guinea einen Aufstand.

O-Ton 2: ….und da war er im Gefängnis und wurde auch gefoltert. Und, ja, die Angst die war da eben ständig dabei.

Autorin: Nun ist er in Deutschland in Sicherheit. Doch Kontakt nach Guinea hat er keinen mehr.

O-Ton 3: Sein Papa ist tot, sein Bruder wurde bei dem Aufstand 2009 getötet, seine Schwester. Und seine Mama, da weiß er nicht viel, weil, die ist darüber eben nervlich kaputt. Er weiß auch gar nicht mehr, ob sie überhaupt noch lebt oder …Und das merkt man eben, also Familie ist für ihn alles.

Autorin: Weil er schon volljährig war, bekam er in Deutschland keine Betreuung mit Familienanschluss. Ein Jahr lebte er im Container, jetzt allein. Auf Familie musste er dank Ramona Rohlfing trotzdem nicht verzichten.

O-Ton 4: Er sagt auch Oma und Opa zu meinen Eltern und das ist eben alles Familie für ihn.

Autorin: Genauso wie Ramona Rohlfings erwachsener Sohn und seine Freundin. Familie sein – das geht nicht von jetzt auf gleich, das ist ein Weg.

O-Ton 5: Was mich eben jetzt freut mit der Zeit: Am Anfang war das noch so ein bisschen…, er wollte uns natürlich gefallen. Und er hatte vielleicht auch Angst, dass wir sagen: Ach, nee, also es ist eben doch nichts oder so. Und ich sage mal, er hat alles gemacht, was wir so … ja. Und heute ist es aber so, dass ich mich mit ihm eben auch schon streiten kann. Und das finde ich positiv.

Autorin: Jetzt ist er wie er ist. So kann Vertrauen entstehen - und Offenheit.

O-Ton 6: Vor allen Dingen, muss ich sagen, beim Kochen oder Backen. Weil, da ist das nicht so wie im Verhör. Dann erzählt er eben viel von zu Hause. Und das ist ja eine Art von Vertrauen, wa? Also, schon auch Sachen, also die er sonst noch nie erzählt hat.

Autorin: Und die deutsche Familie kann umgekehrt auch eigene Sorgen und Nöte mit ihm besprechen. Ramona Rohlfing setzt viel Zeit ein – fährt den jungen Mann zum Gitarrenunterricht oder Basketball. Doch man bekommt viel zurück, meint sie:

O-Ton 7: Ja, an Liebe. Er nimmt immer meine Hand, dann drückt er mich…

Autorin: …und sie lernt etwas über die andere Kultur. Der junge Geflüchtete ist Moslem. Gemeinsam haben sie im Koran gelesen:

O-Ton 8: Und dann habe ich entdeckt, dass, ja, Bibel und Koran ja wirklich viele Parallelen auch hat,…

Autorin: Ramona Rohlfing kann es kaum aushalten, wenn sie die Bilder von untergehenden Flüchtlingsbooten sieht oder wie die Geflüchteten abgewiesen werden. Sie selbst ist 1989 mit einem Koffer über die Prager Botschaft nach West-Deutschland gekommen.

O-Ton 9: Ja, mit einem Koffer. Mein Sohn hatte einen kleinen Rucksack. Mehr hatten wir nicht. Also mein damaliger Mann, mein Sohn war vier und ich. …und sind eben hier wirklich (…) positiv aufgenommen worden. Also in Hof, da war ein Riesenempfang, eben auch gerade von den kirchlichen Vereinen viel.

Autorin: Gerade weil sie weiß, wie wichtig es ist, freundlich aufgenommen zu werden, eine Arbeit zu bekommen – deshalb geht ihr das nahe, wenn Geflüchtete schlecht behandelt werden. Und sie setzt was dagegen. Will ein bisschen was zurückgeben von dem, was sie selbst an Positivem erfahren hat.

Es grüßt Sie, Pfarrerin Petra Schulze aus Düsseldorf.

Weitere Informationen:

http://www.diakonie.de/thema-kompakt-unbegleitete-minderjaehrige-fluechtlinge-16189.html

http://www.welt.de/politik/deutschland/article151506352/Zahl-der-unbegleiteten-jungen-Migranten-verdoppelt.html:

Die Welt: 26.01.2016 Zahl der unbegleiteten jungen Migranten verdoppelt von Marcel Leubecher

Deutschlandweit befinden sich 67.194 unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA) in Obhut der Jugendhilfe, alleine in den Wochen zwischen dem 1. November und dem 18. Januar kamen 21.301 junge Ausländer in die Zuständigkeit eines Jugendamtes, wie das Bundesverwaltungsamt der "Welt" mitteilte. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2014 nahmen die Jugendämter 11.642 unbegleitete Ausländer in Obhut, 2008 waren es erst 1099.

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