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Choralandacht | 09.08.2014 | 07:50 Uhr

Nun jauchzt dem Herren alle Welt (eg 288)

Autorin: Wann haben Sie das letzte Mal gejauchzt? Wie hört sich das eigentlich an, das Jauchzen?

Jauchzen – das tun kleine Kinder, wenn man sie liebevoll kitzelt – vielleicht auch Erwachsene, in ähnlichen, intimen Situationen. Jauchzen – das tut man auch, wenn plötzlich eine überraschend gute Nachricht kommt: „Sie haben Ihre Prüfung bestanden“ oder „Sie haben im Lotto gewonnen“. Aber jauchzen auch mal ganz viele? Zusammen?

Musik III:

Choral: (1. Strophe): Nun jauchzt dem Herren, alle Welt! Kommt her, zu seinem Dienst euch stellt, kommt mit Frohlocken, säumet nicht, kommt vor sein heilig Angesicht.

Autorin: Im biblischen Buch des Propheten Sacharja ist die Aufforderung zum Jauchzen an das Volk Israel überliefert.

Sprecher: „Du Tochter Jerusalem, freue dich sehr, und du Tochter Zion, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“

Autorin: Und der Psalm 100, der unserem Lied zugrunde liegt, beginnt so:

Sprecher: „Jauchzet dem Herrn, alle Welt!“.

Autorin: Dieses Jauchzen meint nicht nur eine private Äußerung, sondern beschreibt eine kultische Handlung: gottesdienstliche Festfreude, Musik, Tanz. Menschen feiern, wie mächtig Gott ist. Sie erwarten, dass Gott sie retten wird. Sie sind geradezu begeistern und jubeln laut.

„Make a joyful noise unto the Lord“ so beginnt der Psalm 100 auf Englisch, „Macht einen fröhlichen Lärm für Gott“!

Uns ist es ja heutzutage eher peinlich, laut, öffentlich und einträchtig zu jubeln, zu jauchzen oder zu singen. Oft geht das nur noch im Fußballstadion, und auch da klappt das mit der Eintracht, jedenfalls in Frankfurt, wo ich arbeite, nicht immer so wie gewünscht.

Musik II: Choral instrumental – Orgel solo (1. Strophe)

Autorin: Im Jahr 1646 hat der Jurist David Denicke den Liedtext zum Psalm 100 geschrieben. Er überarbeitete eine fast fünfzig Jahre ältere Fassung von Cornelius Becker, die sprachlich nicht mehr auf der Höhe der Zeit war. Becker hatte gedichtet: „Jauchzet dem Herren alle Welt“.

Das klingt hölzern. Denicke wendet bei seiner Überarbeitung die neue Regel für die deutsche Sprache an, wie sie der Dichter Martin Opitz 1624 formuliert hatte: In einem Gedicht muss der Wortakzent mit dem Metrum zusammenfallen. So dichtet Denicke nun neu: „Nun jauchzt dem Herren alle Welt.“ Dieser Rhythmus bringt mich doch gleich in Schwung!

Musik II: Choral instrumental – Orgel solo (1. Strophe)

Autorin: Und trotzdem werde ich stutzig. 1646 – Deutschland steckt im Krieg,

schon 28 Jahre lang. Noch weiß niemand, wann es endlich vorbei sein wird. Und dann so ein munteres Lied? Vielleicht gerade dann: als Vision, als Gegenentwurf zu dem, was die Menschen tagtäglich erlebten.

Und das Jauchzen führt zur Erkenntnis. Denicke macht in der zweiten Strophe klar, an wen sich das Jauchzen richtet und warum:

Musik I: Choral: (2. Strophe): Erkennt, dass Gott ist unser Herr, der uns erschaffen, ihm zur Ehr, und nicht wir selbst; durch Gottes Gnad ein jeder Mensch sein Leben hat.

Autorin: Gottes Gnade ist es zu verdanken, dass Menschen ihr Leben haben. Hier hat Denicke den Psalmtext erweitert, als wolle er die Mitmenschen wachrütteln: Hört endlich auf mit dem Krieg! Besinnt euch! Gott hat euch doch alle erschaffen, sich selbst zur Ehre! In Martin Luthers Bibelübersetzung hieß diese Stelle viel knapper:

Sprecher: Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.

Musik II: Instrumentalfassung Oboe und Orgel

Autorin: Gott als guter Hirte - eins der beliebtesten Gottesbilder der Hebräischen Bibel. Uns ist es aus dem Psalm 23 vertraut:

Sprecher: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Autorin: Wie haben die Menschen das gehört in der Mitte des 17. Jahrhunderts? Sie hatten fast dreißig Jahre lang Verwüstung und Mangel erlebt! David Denicke nimmt dieses Bild aus dem Psalm 23 in sein Lied zum hundertsten Psalm auf und spitzt dessen Aussage sogar noch zu:

Musik I: Choral: (3. Strophe): Er hat uns ferner wohl bedacht und uns zu seinem Volk gemacht, zu Schafen, die er ist bereit, zu führen stets auf gute Weid.

Autorin: Weiter geht es in Denickes Psalmlied: von draußen nach drinnen, von der Weide in den Tempel. Als die Psalmen gedichtet wurden, war der Tempel in Jerusalem das Ziel der Sehnsucht. In die Vorhöfe durften auch die normalen Leute gehen, das Innere war als Heiligtum nur den Priestern vorbehalten.

Musik I: Choral: (4. Strophe): Die ihr nun wollet bei ihm sein, kommt, geht zu seinen Toren ein, mit Loben durch der Psalmen Klang, zu seinem Vorhof mit Gesang.

Autorin: Wieder gehen mir die Berichte aus dem Dreißigjährigen Krieg durch den Kopf. Viele Kirchen waren zerstört und geplündert. Welche Sehnsucht weckte da das Bild des Tempels, in den die Menschen lobend und singend eintreten. Und wie gut tut es uns auch heute, Kirchen zu haben - als Ort der Ruhe, als Ort der Musik, als Versammlungsraum jenseits von kommerziellen Zwängen, als Gegenpol zur hektischen Alltagswelt, als Zufluchtsort für Schutzbedürftige und Verfolgte. Und wie schön wäre es, wenn Menschen ihre Kirche als Raum zum Singen und Loben neu entdeckten!

David Denicke fordert die Gemeinde auf, das zu tun: Dankt! Lobsinget! Rühmt! Lobsingt! Dankt!

Musik I: Choral: (5. Strophe) Dankt unserm Gott, lobsinget ihm, rühmt seinen Namen mit lauter Stimm, lobsingt und danket allesamt! Gott loben, das ist unser Amt.

Autorin: Dankt! Lobsinget! Rühmt! Das ist ja schon fast penetrant, diese Häufung von Imperativen! Und trotzdem geht es mir nicht auf die Nerven. Das liegt auch an der Melodie, die in einem sanften Dreiertakt schwingt und dadurch etwas Beruhigendes hat, wie ein Wiegenlied oder eine Pastorale, eine Hirtenmusik. Die Melodie ist viel älter als Denickes Gedicht, sie stammt aus dem 14. Jahrhundert und war ursprünglich mit einem Weihnachtstext verbunden. So schlägt das Lied einen Bogen von Weihnachten bis zur Ewigkeit:

Musik I: Choral: (6. Strophe): Er ist voll Güt und Freundlichkeit, voll Lieb und Treu zu jeder Zeit; sein Gnad währt immer dort und hier, und seine Wahrheit für und für.

Autorin: Diese Melodie ist genial einfach komponiert! Wie ein Torbogen baut sie sich von unten nach oben auf und führt wieder hinunter zum Grundton. Dieser musikalische Torbogen eröffnet mir den Eintritt in den hundertsten Psalm. Dessen Bilder sind immer noch kraftvoll und tröstlich, und jauchzend kann ich sie mir in die Gegenwart holen. Und ich finde, dass uns solche kräftigen Gegenentwürfe zur alltäglichen Erfahrung auch heute gut tun.

Musik I: Choral: (7. Strophe) Gott Vater in dem höchsten Thron und Jesus Christ, sein einger Sohn. samt Gott, dem werten Heilgen Geist, sei nun und immerdar gepreist.

Musikinformationen:

Musik I.

Musik-Titel: Nun jauchzt dem Herren alle Welt

Interpret/Chor: Ravensberger Kantorei

Leitung: Eberhard Brünger

Komponist: Eberhard Brünger

Text: David Denicke

LC-Nr.: Z2323

Verlag/Label: Eigenproduktion WDR

Musik II

CD-Titel: Klingendes Gesangbuch – Psalmen und Lobgesänge

Track-Titel: Nun jauchzt dem Herren, alle Welt

Komponist: um 1358, Hamburg 1598, Hannover 1646

Textdichter: David Denicke 1646 nach Cornelius Becker 1602, Lüneburg 1652

Interpreten: Bernd Dietrich (Orgel), Simone Schumann (Trompete),

Michael Leisinger (Trompete), Fabian Engelhardt (Oboe)

LC-Nr.:10551

Label: MS Classic

Verlag: B & A. Dietrich GbR, Nürnberg

Musik III.

Musik-Titel: Nun jauchzt dem Herren alle Welt

Interpret/Chor: Heinrich-Schütz-Kreis, Hamm

Leitung: Heinz Pharherr

Komponist: Kurt Hessenberg

Text: David Denicke

LC-Nr.: Z2323

Verlag/Label: Eigenproduktion WDR

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