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Choralandacht | 02.09.2017 | 07:50 Uhr

Nun lob, mein Seel, den Herren (eg 289)

Autor:

Der Sommergarten auf dem Messegelände in Berlin. Eine Wiese so groß wie ein Fußballfeld, leicht ansteigende Hänge, vorn eine große Bühne. Es ist spät am Abend auf dem Evangelischen Kirchentag. Der Himmel sternenklar und tiefblau. Mehrere tausend Menschen stehen zusammen, in der Dunkelheit entsteht ein Meer aus flackernden Kerzen. Mit einem Abendsegen endet der Tag. Und ganz am Schluss ein Abendlied: Der Mond ist aufgegangen. Alle singen mit, alle scheinen den Text zu kennen: Die älteren, die um die vierzig-, fünfzigjährigen, die Jugendlichen, die Kinder. Auch unsere Tochter singt mit, sie ist 15. Früher, als sie klein war, haben wir das Lied zum Einschlafen gesungen, jeden Abend, verschiedene Strophen. Jetzt ist alles wieder da, in dieser Abendstimmung in Berlin auf dem Kirchentag.

Musik 2, instrumental

„Nun lob, mein Seel, den Herren“, dieser Choral gehört für viele ebenfalls zu den beliebtesten und bekanntesten Kirchenliedern. Morgen wird es in vielen evangelischen Kirchen gesungen, denn es ist das Wochenlied für diesen Sonntag.

Herzog Albrecht von Preußen liebte dieses Lied. Er hatte es in Auftrag gegeben, als sich in seinem Land nach und nach die Reformation ausbreitete – und er soll es selbst jeden Abend gesungen haben, jeden Abend vor dem Einschlafen und noch auf dem Sterbebett.

Musik 1, Choral

1. Nun lob, mein Seel, den Herren, was in mir ist, den Namen sein.

Sein Wohltat tut er mehren, vergiss es nicht, o Herze mein.

Hat dir dein Sünd vergeben und heilt dein Schwachheit groß,

errett’ dein armes Leben, nimmt dich in seinen Schoß,

mit reichem Trost beschüttet, verjüngt, dem Adler gleich;

der Herr schafft Recht, behütet, die leidn in seinem Reich.

Autor:

Das Lied ist eine Nachdichtung von Psalm 103. Johann Gramann schrieb die ersten vier Strophen entlang des biblischen Psalms. Er war Lehrer an der Thomasschule in Leipzig, dort zunächst eng verbunden mit dem katholischen Theologen Johannes Eck. Doch nach dessen Disputation mit Martin Luther 1519 wurde Johann Gramann ein Anhänger der Reformation. Nach Stationen als Domprediger in Würzburg und Pfarrer in Nürnberg berief ihn Herzog Albrecht von Preußen 1526 nach Königsberg, nicht zuletzt aufgrund einer Empfehlung Martin Luthers. Der Pfarrer und Pädagoge wurde so zu einem der wichtigsten Reformatoren in Preußen. Herzog Albrecht liebte Psalm 103 und bat Johann Gramann, den Text des ihm so vertrauten Psalms (Zitat) „gesangsweise in gute schöne deutsche Verse zu bringen“ (1). Die Melodie komponierte sein Hofkapellmeister Hans Kugelmann.

Musik 2, instrumental

Autor (Overvoice): Ein Volkslied aus dem 15. Jahrhundert liegt der Melodie zugrunde, „Weiß mir ein Blümlein blaue“ heißt das Original. So war es oft in den Jahren der Reformation: Ein bekanntes Lied wurde aufgegriffen, variiert und mit einem neuen Text versehen.

Sprecher (overvoive):

Nun lob, mein Seel, den Herren, was in mir ist, den Namen sein.

Sein Wohltat tut er mehren, vergiss es nicht, o Herze mein.

Hat dir dein Sünd vergeben und heilt dein Schwachheit groß,

errett’ dein armes Leben, nimmt dich in seinen Schoß,

mit reichem Trost beschüttet, verjüngt, dem Adler gleich;

der Herr schafft Recht, behütet, die leidn in seinem Reich.

Autor:

„Lobe den Herren und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“, so heißt es in Psalm 103, der Vorlage zu diesem Lied. Und dann beschreiben die Verse, was Gott Gutes tut: Er vergibt Schuld, er heilt, was schwach ist, er tröstet und er schafft Recht denen, die leiden.

Vor meinem inneren Auge sehe ich noch einmal die Menschen an dem Abend auf dem Kirchentag in Berlin. Zu später Stunde unter dem Himmel der Nacht mit all den Kerzen. So unterschiedliche Gesichter. Ein Kind, vielleicht neun oder zehn, kuschelt sich in den Arm seiner Mutter. Einer älteren Frau läuft eine Träne über die Wange. Eine Freundin neben ihr greift nach ihrer Hand. Ein Mann, Mitte vierzig, sitzt auf der Wiese und starrt nur in die Flamme seiner Kerze. Er scheint ganz allein hier zu sein. Jede und jeder einzelne ist hier mit seiner Geschichte. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, sagt der Volksmund. „Gott heilt dein Schwachheit groß“, dichtet Johann Gramann, „nimmt dich in seinen Schoß“. So lässt es sich aushalten. Wenn Gott da ist, wenn Gott tröstet.

Diese Bilder des Chorals sind so stark, weil fast jeder genau das als Kind erlebt hat: Wenn irgendwas war, die Tränen flossen, auf den Schoß zu kommen und getröstet zu werden. Ich habe sofort meine Mutter vor Augen. So kann Gott trösten. Und er ist auch wie ein guter Vater, der denen Recht schafft, die Unrecht leiden. Hier muss ich tatsächlich an meinen Vater denken. Die Großen im Schulbus, wahrscheinlich so die 17-, 18jährigen Jungs, hatten mich im Gedränge beim Aussteigen vor sich her geschubst, ich knallte gegen einen Sitz und hatte mir ziemlich weh getan – und ich kam mir ganz schön klein vor. Ich erzählte das zuhause, mein Vater wurde wütend. Ich wusste, wo diese Clique sich immer nach der Schule traf. Also ist mein Vater mit mir dahin und hat sie zur Rede gestellt. Den einen hat er richtig am Kragen gepackt. Das hat sie beeindruckt. Und mich noch mehr. „Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden,“ heißt es in Psalm 103.

Musik 3, Choral

4. Die Gottesgnad alleine steht fest und bleibt in Ewigkeit

bei seiner lieben G’meine, die steht in seiner Furcht bereit,

die seinen Bund behalten. Er herrscht im Himmelreich.

Ihr starken Engel, waltet seins Lobs und dient zugleich

dem großen Herrn zu Ehren und treibt sein heiligs Wort!

Mein Seel soll auch vermehren sein Lob an allem Ort.

Autor:

Was so persönlich beginnt und über weitere Strophen entlang des Psalms entfaltet wird, mündet am Ende in Gedanken über die christliche Gemeinde als Ganzes. In der vierten Strophe setzt Johann Gramann ausdrücklich reformatorische Akzente. „Die Gottesgnad alleine“ sei entscheidend, betont der Reformator und spielt damit auf das „sola gratia“ an, das Martin Luther formuliert hatte, auch in der Disputation in Leipzig. Nicht durch Vorschriften und Verbote, nicht durch Androhung von Strafen, vorgebracht durch die Bischöfe und Priester von Roms Gnaden, sondern „sola gratia“, allein aus Gottes Gnade kann die Gemeinde leben. Denn Gott herrscht im Himmelreich und niemand sonst. Und also soll die Gemeinde Gott loben und „sein heilgs Wort“ vorantreiben, so Johann Gramann weiter, denn nicht das Wort irgendwelcher Autoritäten ist für ihn die Basis für den Glauben, sondern „sola scriptura“, allein die Schrift, die Bibel, und wie Menschen sie selbst lesen und verstehen.

Musik 2, instrumental

Autor: „Mein Seel soll auch vermehren sein Lob an allem Ort“, so endet die ursprüngliche Fassung des Liedes. Gottes Lob vermehren, das geht tatsächlich an vielen Orten. Im Sommergarten auf dem Evangelischen Kirchentag im Lichtermeer der Kerzen zusammen mit vielen Tausend anderen; morgens ganz allein beim ersten Schritt auf die Terrasse, abends als letzter Gedanke vor dem Einschlafen – oder morgen früh in einem evangelischen Gottesdienst. Denn da wird „Nun lob, mein Seel, den Herren“ wahrscheinlich als Wochenlied gesungen.

(1)Zit. nach Karl Christian Thust: Die Lieder des Evangelischen Gesangbuchs. Kommentar zu Entstehung, Text und Musik. Band 1, Kassel u.a. 2012, 44.

Musik 1

CD-Name: Wir vertrauen dir

Titel:Nun lob, mein Seel, den Herren

Text:Johann Gramann

Melodie:Hans Kugelmann

Chor:Die kleine Kantorei des christlichen Sängerbundes

Leitung:Horst Krüger

Verlag:Verlag singende Gemeinde Wuppertal

Label:Verlag singende Gemeinde

LC-Nr.00064

Bestellnr.CS 95202 ISBN 3 87753 035 4

Musik 2

CD-Name: Klingendes Gesangbuch 2: Psalmen und Lobgesänge

Titel:Nun lob, mein Seel, den Herren

Text:Johann Gramann

Melodie:Hans Kugelmann

Interpret:unbekannt

Verlag:Medienservice B&A Dietrich GbR

Label:MS Classic

LC-Nr.10551

Musik 3

CD-Name:

Titel:Nun lob, mein Seel, den Herren

Text:Johann Gramann

Melodie:Hans Kugelmann

Interpret:Mertens, Klaus

Verlag:Carus-Verlag, Stuttgart

Label:Carus

LC-Nr.03989

Musiklänge:1:00

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