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Choralandacht | 28.04.2018 | 07:50 Uhr

O dass ich tausend Zungen hätte (eg 330)

Musik 1: Choral (1. Strophe)

O dass ich tausend Zungen hätte/ und einen tausendfachen Mund,/ so stimmt ich damit um die Wette/ vom allertieftsten Herzensgrund/ ein Loblied nach dem andern an/ von dem, was Gott an mir getan.

Autorin: Kürzlich an einem Freitagnachmittag im ICE, auf der Fahrt ins Wochenende. Ein verliebtes Paar betritt das Abteil. Sie trällern eine beschwingte Melodie, ihre Freude ist ansteckend. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.

So ist das auch in diesem Choral. Überschwang bricht sich Bahn. Aber tausend Zungen? Ist das nicht ein bisschen zu viel des Guten? Als Kind fand ich das eher eklig: Ich stellte mir einen Kopf mit tausend Mündern vor und in jedem Mund ein langes feuerrotes Artikulationsorgan.

Heute sehe ich das anders: tausendfache Münder und ein Loblied nach dem anderen – das ist doch der Wunschtraum jeder Chorleiterin!

Musik 1: Choral (2.Strophe)

O dass doch meine Stimme schallte/ bis dahin, wo die Sonne steht;/ o dass mein Blut mit Jauchzen wallte,/ solang es noch im Laufe geht:/ ach wär ein jeder Puls ein Dank/ und jeder Odem ein Gesang

Autorin: 1704 ist dieser Text entstanden. Aber er klingt wie ein Kommentar zur aktuellen medizinischen Forschung über die Wirkung des Singens. Mein Kreislauf kommt in Schwung, der pulsierende Rhythmus wirkt stimulierend, mein Atem fließt gleichmäßig – dadurch trägt Singen umfassend zu meinem Wohlbefinden bei.

Der Textdichter, Pfarrer Johann Mentzer aus Kemnitz in der Lausitz, wusste um die heilsame Kraft des Singens. All zu oft wurde sein eigenes Leben erschüttert. Seine erste Frau und sechs von insgesamt dreizehn Kindern musste er zu Grabe tragen. Sein Nachbar Graf Zinzendorf nannte ihn deshalb…

Sprecher: „einen im Ofen der Trübsal geläuterten Christen“.

Autorin: Pfarrer Mentzer hatte sich der neuen theologischen Richtung des Pietismus angeschlossen. Seine Texte sind zeittypisch, ein überschwänglicher Lobpreis. Sie lassen sich viel leichter singen als sprechen. Und der Überschwang hatte wohl auch die Funktion des „Pfeifens im Walde“ – wenn ich niedergeschlagen bin oder Angst habe, hilft manchmal kräftiges Singen von fröhlichen Liedern.

In der dritten Strophe wird die ganze Schöpfung zum Klingen gebracht:

Sprecher: Ihr grünen Blätter in den Wäldern,/ bewegt und regt euch doch mit mir;/ ihr schwanken Gräslein in den Feldern,/ ihr Blumen, lasst doch eure Zier/ zu Gottes Ruhm belebet sein/ und stimmet lieblich mit mir ein.

Musik 3: instrumental „Choräle auf sechs Saiten“

Autorin: 1790 wurde Mentzers Text mit der Melodie des Frankfurter Kantors Balthasar König verbunden und gehörte bald zu den beliebtesten evangelischen Kirchenliedern. Bis heute steht es im Gesangbuch. So verwendete Fanny Hensel es in ihrer Komposition „Lobgesang“. Die ältere Schwester von Felix Mendelssohn komponierte 1831 eine fünfsätzige Kantate für Sopran, Chor und Orchester.

Sprecherin: Für Felix Ludwig Sebastian Hensel am ersten Jahrestag seiner Geburt von seiner Mutter.

Autorin: Das ist wohl einmalig in der älteren Musikgeschichte: Eine Komponistin fasst die Erlebnisse der Geburt ihres Kindes in Töne. Im dritten Satz singt die Sopranistin ein Rezitativ auf den Bibeltext aus dem Johannes Evangelium, Kapitel 16, Vers 21:

Sprecherin: Ein Weib, wenn sie gebieret, so hat sie Traurigkeit, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen.

Musik 2: (Fanny Hensel, Kantate Lobgesang, Nr. 3 Rezitativ)

Ein Weib, wenn sie gebieret, so hat sie Traurigkeit, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass der Mensch zur Welt gekommen ist.

Autorin: Danach folgt eine virtuose Sopran-Arie auf den Text der ersten drei Strophen von Mentzers Lied: ein tausendfacher Mund, aus tiefstem Herzensgrund, ... meine Stimme schallte, mein Blut wallte, ... Blätter in den Wäldern, Gräslein auf den Feldern, ... Und dann erklingt der Schlusschor mit dem Text der vorletzten Strophe aus dem Gesangbuch:

Musik 2: (Fanny Hensel, Kantate Lobgesang, Nr. 5 Schlusschor)

Ich will von deiner Güte singen,/ solange sich die Zunge regt;/ ich will dir Freudenopfer bringen,/ solange sich mein Herz bewegt;/ ja wenn der Mund wird kraftlos sein,/ so stimm ich doch mit Seufzen ein.

Autorin: Als ich Fanny Hensels Kantate kennenlernte, habe ich mich gefragt, warum das Schlussstück so ruhig ausklingt, obwohl es doch um ein freudiges Ereignis geht. Nach der zwanzigstündigen Geburt meines eigenen Kindes war es mir dann allerdings klar:

Sprecherin: „Ja, wenn der Mund wird kraftlos sein, so stimm ich doch mit Seufzen ein“.

Autorin: Damit schließt Fanny Hensel ihre Kantate.

Die alten Choräle allerdings belassen es nie bei dem, was jetzt gerade ist. Das Seufzen hat nicht das letzte Wort. Immer kommt der zuversichtliche Ausblick auf das ewige Leben dazu. So auch bei Johann Mentzer. Bis zu seinem Tod mit 76 Jahren blieb er Pfarrer. Über seine letzte Amtshandlung, die Taufe von zwei Jungen, schrieb der Kantor ins Taufbuch:

Sprecher: Dieser beiden Lämmer Taufe ist die letzte Amtsverrichtung des seligen Pastoris Mentzeri gewesen, welche er küßte und sagte: 'Diese zwei Seelen will ich mit mir in den Himmel nehmen und es soll sie kein Teufel entreißen, und nunmehr hab ich mein Amt vollführet.“

Musik 1: (Choral 7. Strophe)

Ach nimm das arme Lob auf Erden,/ mein Gott, in allen Gnaden hin./ Im Himmel soll es besser werden,/ wenn ich bei deinen Engeln bin./ Da sing ich dir im höhern Chor/ viel tausend Halleluja vor.

Musik 1

Büro-Archiv 145,

CD-Titel:Lobe den Herren – Die schönsten Loblieder und Choräle

Track-Titel:O dass ich tausend Zungen hätte

Track-Nr.Track 10

Komponist:Johann Balthasar König 1738

Texter:Johann Mentzer 1704

Chor:Solistenensemble

Leitung:Gerhard Schnitter

Verlag:Hänssler

LC-Nr.:07224

Label:hänssler

Best.Nr.:99956

EAN:4010276017714

Musik 2

Kantaten von Fanny Hensel & Felix Mendelssohn und Orgelwerke von Fanny Hensel

Fanny Hensel, Kantate „Lobgesang“

Michaela Krämer, Sopran

Kammerchor der Universität Dortmund, Florilegium Musicum Rotterdam,

Leitung: Willi Gundlach

Label: Thorofon Classics, 1997

LC 01958

Musik 3

Büro-Archiv 148,

CD-Titel:Choräle auf sechs Saiten

Track-Titel:O dass ich tausend Zungen hätte

Track-Nr.Track 12

Komponist:Johann Balthasar König 1738

Texter:Johann Mentzer 1704

Bearbeiter:Reinhard Börner

Interpret:Reinhard Börner

LC-Nr.:06860

Label:capi-music

Angaben für die VG Wort

Prof. Dr. Karl-Hermann Kandler,

Johann Mentzer, „O dass ich tausend Zungen hätte“

http://www.kirche-chemnitz.de/geschichte.php?show=0&beitrag=1110

abgerufen am 16.02.2018

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