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Choralandacht | 15.09.2018 | 07:50 Uhr

O Gott, du frommer Gott (eg 495)

Musik 1: Choral (1. Strophe) mit Overvoice:

O Gott, du frommer Gott,/ du Brunnquell guter Gaben,/

ohn' den nichts ist, was ist,/ von dem wir alles haben:/

Gesunden Leib gib mir,/ und dass in solchem Leib/

ein' unverletzte Seel'/ und rein Gewissen bleib'.

Autorin: „Sag mal“, habe ich meine Freundin gefragt, „was verbindest Du mit dem Wort „fromm‘?“ Meine Freundin ist ein kritischer Geist, eine echte Frankfurter Achtundsechzigerin, seit vielen Jahren in der Kirche engagiert. „Oh“, sagte sie, „mich hat mal jemand als ‚fromme Frau‘ bezeichnet. Da war ich richtig erschrocken!“

Mir geht es ähnlich. Bei „fromm“ denke ich an bleiche Menschen mit verkniffenen Gesichtern, die eifrig über das richtige Christsein wachen und alles abwehren, was mit Lust am Leben zu tun hat.

Dabei bedeutet „fromm“ ursprünglich, dass ein Mensch „tüchtig und tapfer“, „gut und gerecht“ oder „ordentlich und ehrlich“ ist. Ein Tier gilt als „fromm“, wenn es lenkbar und ohne Tücke ist – daher kommt der Ausdruck „lammfromm“.

Musik 2 (Bach, Partita VI)

Autorin: Und auch Gott ist „fromm“, denn Gott ist gütig und menschenfreundlich.

So hat es auch Johann Heermann gemeint, als er 1630 das Lied „O Gott, du frommer Gott“ dichtete. Erst im 18. Jahrhundert, nach dem Erstarken des Pietismus, wird „fromm“ auch ironisch oder abwertend für religiöse Eiferer gebraucht, und es gipfelt 1872 in dem satirischen Gedicht über die „Fromme Helene“ von Wilhelm Busch:

Sprecher: „Ein guter Mensch gibt gerne acht,

ob auch der andre was Böses macht;

Und strebt durch häufige Belehrung

Nach seiner Beß`rung und Bekehrung.“

Autorin: Aber in diesem Lied geht es nicht um einen anderen Menschen, sondern um die eigene Person:

Musik 1 (Choral 2. Strophe) mit Overvoice:

Gib, dass ich tu' mit Fleiß,/ was mir zu tun gebühret,/

wozu mich dein Befehl/ in meinem Stande führet!/

Gib, dass ich's tue bald,/ zu der Zeit, da ich soll,/

und wenn ich's tu', so gib,/ dass es gerate wohl!

Autorin: Johann Heermann war seit 1611 Pfarrer in Köben.1630 veröffentlichte er sein Lied „O Gott, du frommer Gott“ in der Sammlung „Haus- und Herzmusica“. Dort trägt es die Überschrift:

Sprecher: Ein tägliches Gebet.

Autorin: Nach der Anrede an den frommen Gott geht es gleich zur Sache. In acht Strophen werden 25 Bitten für ein gelingendes Leben formuliert.

Musik 1: (Choral, 3. Strophe) mit Overvoice:

3. Hilf, dass ich rede stets,/ womit ich kann bestehen,/

lass kein unnützes Wort/ aus meinem Munde gehen;/

und wenn in meinem Amt/ ich reden soll und muss,/

so gib den Worten Kraft/ und Nachdruck ohn' Verdruss!

Autorin: Geredet wird heute viel, schnell wird etwas in den sozialen Netzwerken geteilt und sogleich kommentiert. Aber ebenso schnell fallen die Hüllen des Anstands, werden Fake News verbreitet und Menschen manipuliert. Wie wichtig ist es, erst zu denken und dann zu reden – und vielleicht auch lieber mal zu schweigen!

Das ist kein neues Thema. So erhielt diese Strophe schon bald nach ihrer Entstehung eine Überschrift:

Sprecher: „Des Christen Mundschloss und Zungenarzt“

Musik 1: (Choral, 4. Strophe) mit Overvoice:

Find't sich Gefährlichkeit,/ so lass mich nicht verzagen;/

gib einen Heldenmut,/ das Kreuz hilf selber tragen!/

Gib, dass ich meinen Feind/ mit Sanftmut überwind'/

und, wenn ich Rats bedarf,/ auch guten Rat erfind'!

Autorin: Johann Heermanns Lebenszeit wurde durch den 30jährigen Krieg bestimmt. 1629 hatte er die erste Plünderung in Köben erlebt, drei weitere sollten folgen. Eine Überfahrt über die Oder, bei der das Boot von feindlichen Truppen beschossen wurde, überlebte er nur deshalb, weil er ins Wasser gesprungen war, um ein über Bord gefallenes Kind zu retten.

Und bei alledem hält Heermann die Bitte um Sanftmut bei der Überwindung des Feindes hoch – das rührt mich in der vierten Strophe besonders an.

Musik 1: (Choral, 5. Strophe) mit Overvoice:

Lass mich mit jedermann/ in Fried' und Freundschaft leben,/

soweit es christlich ist. / Willst du mir etwas geben/

an Reichtum, Gut und Geld,/ so gib auch dies dabei,/

dass von unrechtem Gut/ nichts untermenget sei!

Autorin: Ja, das liebe Geld: unredliche Geschäfte, schwarze Kassen: alles

schon dagewesen. Und zum Thema „unrechtes Gut“: wofür gebe

denn ich mein Geld aus, wie lege ich es an?

Die richtigen Worte finden, Sanftmut üben, gut mit Geld umgehen – 15 Bitten für ein gelingendes Leben sind schon formuliert. Drei weitere Strophen folgen. Sie handeln vom Älterwerden und vom Tod. Damit setzen sich die meisten nicht gern auseinander, Choraufnahmen dazu habe ich nicht gefunden. Ich möchte sie aber nicht unter den Tisch fallen lassen.

Die sechste Strophe trifft mich mitten im heutigen Jugendlichkeitswahn:

Sprecher: Soll ich auf dieser Welt/ mein Leben höher bringen,/ durch manchen sauern Tritt/ hindurch ins Alter dringen,/ so gib Geduld. Vor Sünd'/ und Schanden mich bewahr',/ auf dass ich tragen mag/ mit Ehren graues Haar!

Autorin: Die Beschäftigung mit dem eigenen Tod verknüpft Heermann mit Erinnerung und Dank an die Eltern. Aus armen Verhältnissen stammend, war er als Kind oft krank gewesen. Seine Mutter hatte geschworen, nach seiner Genesung für eine gute Ausbildung zu sorgen – und wenn sie dafür um das Geld betteln müsste.

Sprecher: Lass mich an meinem End'/ auf Christi Tod abscheiden,/ die Seele nimm zu dir/ hinauf zu deinen Freuden,/ dem Leib ein Räumlein gönn/ bei seiner Eltern Grab,/ auf dass er seine Ruh'/ an ihrer Seite hab'.

Autorin: Und die Bitten der letzten Strophe bringen schließlich die christliche Auferstehungshoffnung ins Spiel:

Sprecher: Wenn du die Toten wirst/ an jenem Tag erwecken,/ so tu auch deine Hand/ zu meinem Grab ausstrecken;/ lass hören deine Stimm'/ und meinen Leib weck auf/ und führ ihn schön verklärt/ zum auserwählten Hauf'.

Autorin: Ein Gebetslied aus dem frühen 17. Jahrhundert – 25 Bitten für ein gelingendes Leben. Ein Lied für uns heute? Ja, durchaus – wie meint doch Wilhelm Busch in der „Frommen Helene“...

Sprecher: „Das Gute – dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, was man lässt!“

Musik 1: (Choral, 1. Strophe)

?

Musikinformationen:

Musik 1

CD-Name: Lob, Ehr und Preis sei Gott - Die schönsten deutschen Kirchenlieder

Titel: O Gott, du frommer Gott

Track: 7

Interpret: Vocal Consort Dresden

Leitung: Peter Kopp

Texter: Johann Heermann 1630

LC-Nr.: 06203

Label: Berlin Classicx

Musik 2

CD-Name: WDR-Kompilation

Titel:Partita “O Gott, du frommer Gott”, BWV 767

Interpret: Johannes Geffert (Orgel)

Komponist: Johann Sebastian Bach

Verlag:Ms

LC-Nr.: Z2323

Label: Eigenproduktion

Angaben für die VG Wort

Wilhelm Busch, Die Fromme Helene

http://www.zeno.org/Literatur/M/Busch,+Wilhelm/Bildergeschichten/Die+Fromme+Helene/Schlu%C3%9F, abgerufen am 10.06.2018

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