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Kirche in WDR 5 | 21.04.2018 | 06:55 Uhr

Österliche Wunden

Ein Bettler steht vor der Tür. Er krempelt sein Hosenbein hoch und deutet auf eine große Narbe. „Da, schauen Sie hin. Sehen Sie? Ich hatte einen schweren Autounfall. Das Bein ist kaputt. Seitdem kann ich nicht mehr richtig arbeiten.“ Ich schaue hin und frage mich, weshalb er auf seine vernarbte Wunde zeigt. Vielleicht will er Mitleid erregen, damit das Almosen größer wird. Oder er erklärt mir entschuldigend den Hintergrund seiner Arbeitslosigkeit. Letztlich sei er daran nicht schuld, sondern der Autofahrer, der sein Bein zertrümmert hat. Auf jeden Fall erzählt die Narbe seine persönliche Geschichte, die auch eine Leidensgeschichte ist.

Mein Vater verwahrte nach einer schweren Operation den Nierenstein auf, den der Chirurg ihm entfernt hatte. Dafür hatte er sich sogar ein Schmuckkästchen besorgt. Regelmäßig zeigte er ihn im Familienkreis und erzählte von den schmerzhaften Nierenkoliken, unter denen er vor der Operation gelitten hatte. Der Stein erinnerte ihn genauso an seine Narbe. Aber nicht alle Narben und Wunden sind sichtbar. Es gibt Narben und Wunden der Seele, die keiner vorzeigen kann. Man trägt sie mit sich herum und spürt ihren stechenden Schmerz. Allein muss man damit zurechtkommen. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich, wie mich Schuld belastet. Ab und zu taucht sie an die Oberfläche. Meistens übergehe ich sie, obwohl ich schwer an ihr trage. Sie ist innerlich meine Wunde. Nur ihr Schmerz weist auf das hin, was in meinem Leben ungelöst ist. Dabei fällt es mir besonders schwer, darüber zu reden. Auf jeden Fall gehören Wunden und Narben zu meinem Leben.

Nach Ostern zeigt der auferstandene Christus Thomas seine Wunden. Mit ihnen weist er sich aus. Trotz Grabesruhe sind sie blutfrisch. Der Jünger, der Jesus von Nazareth begleitet hat, gibt sich geschlagen und sieht ein, dass der Auferstandene der Gekreuzigte ist. Die Wunden beweisen es. Der italienische Maler Caravaggio hat die Szene eindringlich gemalt. Die Seitenwunde von Jesus ist übergroß. Sie schreckt mich ab, das Bild in Ruhe zu betrachten. Der Auferstandene führt die Hand von Thomas in die offene Wunde hinein. Er soll nicht nur sehen, sondern auch fühlen. Neugierig stochert er in der Wunde herum. Die Leidensgeschichte des Gekreuzigten wird wieder präsent. Was sich Karfreitag in Jerusalem ereignet hat, bleibt auch Ostern sichtbar. Die Wunden, die das Kreuz geschlagen hat, sind nicht einmal vernarbt. Ob Wunden oder Narben, die Auferstehung in ein neues Leben radiert nichts vom alten Leben aus. Mit seiner persönlichen Schmerz- und Schuldgeschichte geht der Mensch in die österliche Ewigkeit.

Morgen ist Sonntag. Die Christinnen und Christen erinnern sich an Ostern. Mich tröstet, dass meine persönliche Lebensgeschichte mit meinen Wunden und Narben Ewigkeitswert besitzt. Gott wird mich einst in seine mütterlichen Arme schließen. Wenn er mich an sein Herz drückt, sind die Schmerzen meiner Wunden vergessen.

Einen guten Sonntag wünscht Ihnen Albert Damblon aus Mönchengladbach.

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