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Hörmal | 25.12.2014 | 07:45 Uhr

Organe der Seele

Er weiß, er wird sie nie wieder sehen. Jetzt wurde er sogar noch ins Gestapo-Kellergefängnis in die Prinz-Albrecht-Strasse verlegt. Wer kommt von hier noch lebendig raus? Die Lage ist zum zum Himmelschreien. Aber es ist doch bald Weihnachten. Und das hier ist sein Weihnachtsbrief an sie. Und er liebt sie. Vielleicht wird das der letzte Brief sein, der ihm gestattet wird?

Also schreibt er am 19. Dezember 1944 diesen Weihnachtsbrief an seine Verlobte. „Meine liebste Maria!“, schreibt er, „Ich bin so froh, dass ich Dir zu Weihnachten schreiben kann. Es werden stille Tage in unseren Häusern sein. Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gespürt.“

Zärtliche Worte sind das. Fast streicheln sie. Aus dem trostlosen Gefängnisloch will er seiner Geliebten Trost spenden. Und das kann er, weil er diese unendliche Kraft spürt, dass er geliebt ist. Und so schreibt er weiter: „Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe bildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt.“

Liebe Hörerinnen und Hörer, ich habe mich gefragt, ob ich Ihnen heute, am Weihnachtsmorgen, von diesem Brief erzählen sollte. Wahrscheinlich passt das nicht zum Musikbett rundherum. Das fällt heraus aus diesem „Last-Christmas-I-gave-you-my-heart“- Rahmen. Aber mir war wichtig, von diesen sonderbaren „Organen der Einsamkeit“ zu erzählen, die erwähnt werden in jenem Weihnachtsbrief von vor 70 Jahren.

Ich wollte davon erzählen für diejenigen, die heute Weihnachten in einer Gefängniszelle feiern müssen, vielleicht das allererste Mal. Oder im Krankenhaus. Oder in der Fremde. Oder alleine, nach einem schweren Verlust. Ich wollte davon erzählen für die, die sich vielleicht nichts sehnlicher wünschen, als dass auch ihre Seele solche Organe entwickeln könnte, um sich nicht verlassen zu fühlen.

„Gute Mächte“, hat er sie in seinem Brief genannt. Dietrich Bonhoeffer war das. Er war einer der wichtigsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Gestorben ist er im April 1945 als Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Und dieser Weihnachtsbrief war tatsächlich sein letztes Lebenszeichen. Er hat ihn beendet mit einem Gedicht, das Sie vielleicht kennen. Es fängt so an:

„Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr“

Und es endet: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen. Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Liebe Hörerinnen und Hörer: Solange Sie liebe Menschen um sich herum haben, werden Sie vielleicht gar nicht ahnen, wie wichtig es ist, dass es diese guten Mächte gibt, von denen wir umgeben sind. Und wie wunderbar.

Allen, die heute Weihnachten in Einsamkeit feiern müssen wie damals Dietrich Bonhoeffer wünsche ich, dass sie irgendwie dieses „behütet und getröstet“ verinnerlicht haben, dass auch dieses Weihnachten für sie ein frohes werden kann!

Weihnachten ist das Fest, an dem jeder wissen sollte: Du bist nicht allein.

Copyright Vorschaubild: CCO Public Domain Pixabay

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