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Das Geistliche Wort | 02.04.2018 | 08:35 Uhr

Ostern – Leben in der Ewigkeit

Guten Morgen und frohe Ostern Ihnen allen!

Heute, Ostermontag, und immer noch frei! Das ist auch für Nichtchristen ein schöner Tag, weil er eben ein Feiertag ist, der zweite Ostertag. Unter uns: Auch die meisten Gottesdienstbesucher spüren nach den Kar- und Ostertagen kein übertriebenes Bedürfnis, heute nochmal in die Kirche zu gehen. Irgendwann muss es auch mal gut sein. Es sei denn – und so geht es mir –man hat ein gewisses romantisches Verhältnis zum Evangelium, das heute im Gottesdienst verlesen wird. Das ist nämlich die berühmte Emmaus-Geschichte, die der Evangelist Lukas überliefert. Sie wissen schon, die beiden trübsinnigen Jünger, die sich aus Jerusalem davon machen und dann später Jesus treffen, ihn aber erst ganz zum Schluss erkennen. Die ganze Geschichte menschelt sehr – zumindest auf den ersten Blick. Aber wirklich menschlich ist das Ganze für mich nicht, sondern ausgesprochen göttlich. Aber dazu muss ich das ganze Kapitel bei Lukas lesen. Erst ganz zum Schluss merke ich: Da wird ein einziger Tag beschrieben, vollgepackt von morgens bis abends: Morgens die Frauen am leeren Grab, kein Jesus, aber zwei Engel, was die Frauen dann Petrus berichten. Dann die beiden Jünger, die nach Emmaus wandern, was man heute nicht mehr kennt, aber 12 km entfernt lag. Ein seltsamer Mann kommt hinzu und erklärt ihnen die Bibel. Und weil sie das offensichtlich nötig haben, dauert das Ganze bis zum Abend. Nachdem sich der Mann als der auferstandene Christus entpuppt hat, gehen die Männer den ganzen Weg wieder zurück nach Jerusalem zu den Aposteln und erzählen ihnen das alles. Dann kommt auch dort der Auferstandene herein, isst erstmal einen Happen und erklärt dann auch ihnen die Bibel. Und schließlich gehen sie alle nach Bethanien in einen Garten, wo Christus dann vor ihnen in den Himmel aufgenommen wird. Und das alles an einem Tag.

Was Lukas hier so komprimiert erzählt, ist die Zeit zwischen Ostersonntag und Christi Himmelfahrt, was ja nach unserem Kalender 40 Tage dauert. Ich denke, Lukas hat das bewusst so dicht in seine Erzählung gepackt, und ich glaube, ich weiß, was er uns damit klar machen möchte.

Musik I

Lukas beschreibt die Auferstehung, die Emmausgeschichte, die Erscheinung des Auferstandenen bei den Aposteln und die Himmelfahrt an einem Tag – das ist zu viel für einen Tag mit 24 Stunden.

Lukas ist ein überdurchschnittlich gebildeter Mann, angeblich Arzt, aber auf jeden Fall ein raffinierter Schreiber. Wenn er so viel Stoff in einen einzigen Tag packt, dann ist das bestimmt keine Dummheit, sondern eine geschickt verpackte Botschaft. Es geht nicht um einen Tag mit 24 Stunden. Die physikalische Zeit wird mit dem Ostertag regelrecht gesprengt. Das ist die unterschwellige Botschaft dieser Erzählung. Nach der Auferstehung Jesu ist die physikalische, also messbare Zeit irrelevant. Mir fällt zur Erläuterung ein altes Kirchenlied ein, das genauso mit den beiden Zeitebene spielt. Es stammt aus dem 17. Jahrhundert und wurde von dem Universalgelehrten und evangelischen Dichter Christian Knorr von Rosenroth (1636-1689) geschrieben: „Morgenglanz der Ewigkeit“. Der wirklich geniale Titel drückt bildlich die Pointe der Emmausgeschichte aus: „Morgenglanz der Ewigkeit“ heißt mit anderen Worten: Heute, also Ostern, beginnt kein Tag, sondern die Ewigkeit.

Einwand: Kann Ewigkeit überhaupt beginnen? Das ist eigentlich Unsinn, die Ewigkeit beginnt gar nicht. Die Unendlichkeit kann noch einen Anfang haben, aber die Ewigkeit hat weder Anfang noch Ende. Und dennoch! Ich verstehe das so: An Ostern hat Christus die Menschheit aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit geführt. Natürlich ticken die Uhren weiter. Auch das Datum ändert sich täglich. Aber mein Verständnis davon oder der Blick auf die physikalische Zeit wird ein anderer. Und jetzt fange ich langsam an, Ostern genauer zu verstehen.

Musik II

Zugleich in der physikalischen Zeit und der Ewigkeit zu leben, das gehört zum Kern des christlichen Glaubens. Das mag zwar verwundern, ist aber eine direkte Folge des christlichen Schöpfungsglaubens. Denn genau genommen behauptet die Bibel, Gott habe alles aus dem Nichts geschaffen – Urknalltheorie hin oder her. Wenn ich dann der ersten Schöpfungserzählung in ihrem Sieben-Tage-Ablauf folge, dann erschafft Gott erstmal oben und unten. Also den Raum. Und dann hängt er Sonne, Mond und Sterne an den Himmel und gibt ihnen einen Schubs, damit die kosmische Uhr anfängt zu laufen. Anders gesagt: Er erschafft die Zeit. Gott erschafft also nicht nur alles, was es gibt, aus dem Nichts, sondern er erschafft ganz grundlegend zuerst Raum und Zeit. Wohlgemerkt: Er selbst bleibt außerhalb dieser Kategorien. Raum und Zeit gehören zur Schöpfung, aber für den Schöpfer vergeht keine Zeit. Das ist einerseits logisch, übersteigt aber andererseits völlig unsere Vorstellungskraft. Diese Erkenntnis hat bereits der Heilige Augustinus gehabt, dass die Zeit eben Teil der Schöpfung ist. Augustinus ist bei seinen Überlegungen sogar einmal humoristisch geworden, als er im 11. Buch seiner Bekenntnisse schrieb:

„Auf die Frage, was tat Gott, bevor er die Welt geschaffen hat, wären manche versucht zu antworten: Da hat er die Hölle eingerichtet für Leute, die solche Fragen stellen“.

Aber lassen wir das. Für mich ist bloß die Erkenntnis wichtig, dass in der Schöpfung die Zeit vergeht, aber für Gott nicht. Der ist eben außerhalb aller physischen Zeit. Stellt sich die Frage. Habe ich Mensch da was von? Ja, ich meine, dass die Sache mit der Zeitlosigkeit bei Gott auch Auswirkungen haben kann auf uns Menschen, und zwar ganz enorme.

Musik III

Zeitlichkeit und Ewigkeit hängen für mich als Christen eng zusammen. Christen leben gewissermaßen auf zwei Ebenen. Als Geschöpfe leben sie in der Zeitlichkeit und als Glaubende zugleich in der Ewigkeit. Die Folgen der Zeitlichkeit sind bekannt, insbesondere die Tatsache, dass die Zeit läuft, wie es so schön heißt. Der Kalender wird dünner, die persönliche Lebenserwartung sinkt, und die Möglichkeiten, im Leben noch etwas zu verändern, werden jeden Tag weniger. Das klingt nicht eben schön und ist es auch nicht. Deshalb sagten bereits die alten Römer „carpe diem“, „nutze den Tag“, denn morgen ist schon wieder alles vorbei. Also: Keine Möglichkeit auslassen, ein schönes Leben zu haben! Was ich heute nicht aufesse, ist morgen schon verdorben. Also heute essen! Und sicherheitshalber keine Zeit mit Nächstenliebe oder Hilfsbereitschaft oder so was verschwenden, denn das geht alles von meiner Lebenszeit ab. Finden Sie diese Haltung unrealistisch? In jedem Hauptbahnhof oder auf der Überholspur der Autobahn jagen Menschen einzelnen Sekunden hinterher. Ich selbst auch schon mal. Und das macht mir meinen Spaß.

Ich persönlich bemühe mich deshalb, zumindest ab und zu auf der zweiten Ebene zu leben. Wie das geht? Ich denke mir das so und zwar bildlich gesprochen aus der Perspektive Gottes betrachtet: Wenn für Gott keine Zeit vergeht und daher seine Liebe zu mir ewig ist, dann muss, wenn ich ins Grab sinke, irgendwas von mir übrig bleiben, das er noch lieben kann. Deshalb sagt die Bibel, die Menschen hätten ewiges Leben. In der Welt ist mein Leben zeitlich begrenzt und dann ist irgendwann einmal Feierabend, bei Gott aber ist es ewig, weil er außerhalb der Zeit steht. Und das hat Folgen. Denn wenn für Gott keine Zeit vergeht, dann geht auch bei Gott nichts verloren. Also alles, was gestern oder vorgestern passiert ist, ist zwar für mich vorbei, aber für Gott immer noch da. Was ich verloren habe, ist bei Gott in Ewigkeit aufgehoben. Bei Gott geht letztlich nichts und niemand verloren. Wohlgemerkt: auch das Negative nicht, egal ob Schicksal oder selbst verursacht. Aber mir ist heute das andere wichtiger: Alle meine schönen Erinnerungen, lustvolle Erlebnisse, Urlaube, Zweisamkeit oder die Augenblicke, wo ich gedacht habe, jetzt stimmt einfach alles, das alles ist bei Gott aufbewahrt in alle Ewigkeit. Oder anders gesagt: Ich muss den Augenblick nicht um jeden Preis festhalten, denn er fällt gewissermaßen in Gottes Hände und bleibt da erhalten. Wenn ich mich an schöne Stunden zurückerinnere oder vielleicht an einen Menschen denke, den ich verloren habe, dann ist das vor Gott alles Gegenwart, und nichts und niemand ist verloren.

Ich finde das einen ungeheuren Trost und es bringt mir auch eine bestimmte Leichtigkeit, wenn ich darauf vertrauen kann, dass nichts von dem, was mit lieb und wert ist, jemals verloren gehen kann.

Musik IV

Wenn ich mit den Augen des Glaubens nicht mehr bloß in der physikalischen Zeit lebe, sondern in der Ewigkeit, dann hat das aber auch Konsequenzen für den Alltag. Ich denke dabei an Situationen, wo mich jemand braucht, nicht nur weil ich Diakon bin, sondern einfach so, als Mensch. Beispiel: Da habe ich mich darauf gefreut, mal die Füße hochzulegen, einen freien Abend zu genießen und einen guten Film zu sehen, aber dann ruft da irgendwer an und hat ein Problem. Oder ich muss zu einem Krankenbesuch aus dem Haus. Dann seufze ich sehr tief und – ganz ehrlich – hadere auch schon mal mit meinem Schicksal. Warum stehe ich dann doch auf und verlasse ich meine Komfortzone und stehe anderen bei? Bestimmt nicht, weil ich ein so guter Mensch wäre. Nein, ob Sie’s glauben oder nicht, ich denke dann tatsächlich an die zweite Ebene, an die Ewigkeit.

Ich sage mir dann, dass meine eigentliche Komfortzone ganz woanders liegt, nämlich in der Ewigkeit an einem noch besseren Ort als auf meiner Couch, und ich darum jetzt etwas Richtiges tun kann, auch wenn es mir gerade überhaupt nicht in den Kram passt. Wenn Gott mich so liebt, wie er sagt, nämlich ohne Maß, dann kann ich schlicht und ergreifend meine Zeit für Wichtiges verschwenden, denn letztlich verpasse ich nichts, weil Gott es bereits für mich in der Ewigkeit verwahrt hat. Da geht mir hier und jetzt nichts durch die Lappen. Ich kann nämlich alles nachholen bei Gott, in seiner Ewigkeit. Davon bin ich überzeugt. Und bleibe gelassen.

Aus Köln grüßt Sie Diakon Andreas Bell.

Musik V

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