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Das Geistliche Wort | 23.08.2015 | 08:40 Uhr

Paula und die alte Geschichte

Einen guten Morgen wünsche ich Ihnen! Lust auf eine kleine Zeitreise? Ins Jahr 2115? Mit wem? Mit mir: Mein Name ist Peter Krogull. Ich bin Hauptpastor der Sankt Petri Kirche in Kopenhagen. Kommen Sie mit und lernen Sie Paula kennen.

Musik 1: Kraftwerk: Heimcomputer

„Ihre Suche nach Bibel ergab 0 Treffer.“ Zufrieden guckt Paula auf ihren Computer-Bildschirm. Auf diesen Moment hat sie lange hingearbeitet. Auf den Moment, in dem ihre Internet-Suchmaschine anzeigt: „Ihre Suche nach Bibel ergab 0 Treffer.“ Damit ist ihre Arbeit erfolgreich abgeschlossen. Denn Paulas Auftrag ist es, die Bibel und ihre Geschichten aus dem öffentlichen Bewusstsein zu löschen. Im Jahr 2105 hatte Paula ihre Arbeit aufgenommen. Das Bundesministerium für Toleranz und Religionsfreiheit hatte sie eingestellt und beauftragt, sämtliche Spuren der Bibel und ihrer Geschichten aus dem Internet zu eliminieren. Ein Auftrag, der sich als schwierig erwiesen hatte. Denn einzelne, im Untergrund organisierte Christen, platzierten Texte aus der Bibel geschickt im Netz. Doch jetzt, zehn Jahre später, im Jahr 2115 ist es endlich gelungen, auch die letzten dieser unverbesserlichen Störenfriede dingfest zu machen. Zufrieden schaut Paula deshalb auf ihren Computer-Bildschirm. Endlich ist das große Ziel des Ministeriums erreicht: Es sind keine Bibeln oder biblischen Texte mehr im Umlauf – weder als Buch, noch virtuell im Internet.

Musik 2: Pink Floyd: Welcome to the machine

Begonnen hatte alles um die Jahrtausendwende herum. Damals fing man an, christliche Symbole aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Die Entfernung der Kreuze aus Schulen und Gerichtssälen war ein erster wichtiger Schritt gewesen, gefolgt von der Abschaffung des Religionsunterrichts und der Sonntagsruhe. Alles mit dem Argument: ökonomischer Sachzwang. Die Bibel war erst später in den Fokus der Kritik geraten. Es muss so um das Jahr 2070 gewesen sein, als der Vorwurf laut wurde: „Die Bibel enthält zahlreiche Stellen, in denen Gewalt vorkommt.“ Diese Stellen sollten nun zensiert werden. So hatte man es auch mit vielen anderen literarischen Texten damals gemacht. Alles in der Hoffnung, die Zahl der Gewalttaten durch diese radikale Zensur zu verringern. Eine Maßnahme, die leider nicht das erhoffte Ziel erreichte. Die Zahl der Verbrechen nahm auch weiterhin zu. Trotzdem blieb die Bibel im Kreuzfeuer der Kritik.

Und als dann auch noch im Jahr 2091 ein grundsätzliches Verbot für alle religiösen und weltanschaulichen Schriften ausgesprochen wurde, war das Schicksal der Bibel besiegelt. Schon Paula hatte keine physische Ausgabe der Bibel mehr in Händen gehalten. Sie kannte auch die meisten Geschichten der Bibel nicht. Für ihre Arbeit war das unerheblich: Sie fütterte ihren Computer mit Stichwörtern, die man ihr zur Verfügung stellte: Abraham. Sarah. Mose. Jesaja. Jesus. Maria. Gott… Über die Suchmaschinen spürte Paulas Computer nach und nach alle Spuren auf, die die Bibel im Internet hinterlassen hatte.

Musik 3: Kraftwerk: Computerliebe

Zufrieden aber auch mit einem Gefühl von Leere schaltet Paula ihren Computer aus und ordnet ein letztes Mal den Papierstapel auf ihrem Schreibtisch. Die meisten Zettel kann sie nun wegwerfen oder zu den Akten legen, nur ein Papier will sie noch einmal durchsehen. Es ist eine ausgerissene Seite aus einem alten Schulbuch für den Deutsch-Unterricht.

Einer ihrer Mitarbeiter hatte diese Seite gefunden und ihr zukommen lassen. Er vermutete, dass es sich bei diesem Text um eine biblische Geschichte handeln könnte. Paula hatte die Geschichte überflogen. Auf den ersten Blick deutete nicht viel auf einen biblischen Text hin, es fehlten zum Beispiel die Stichwörter „Gott“, „Jesus“ und „Glaube“. Doch sie gefiel ihr und sie bewahrte sie auf. Vielleicht würde sich später noch ein deutlicherer Hinweis auf ihre Herkunft finden. Jetzt liest sie sie noch einmal in Ruhe. Wirklich eine interessante Geschichte, denkt sie bei sich. Eine Familiengeschichte, die von zwei Brüdern und ihrem Vater handelt. Zwei Brüder, die unterschiedlicher kaum sein können. Der eine fleißig und mit Familiensinn, der andere ein Schwerenöter, der das Erbteil seines Vaters verprasst hatte. Paula schmunzelt. Bei diesen unterschiedlichen Brüdern muss sie an sich und ihre Schwester denken, zwei, die auch nicht gerade immer einer Meinung sind. „Fighting Twins“, kämpfende Zwillinge waren sie früher sogar von ihren Eltern genannt worden, weil es immer irgendeinen Grund zu Streit und Zank gegeben hatte. Jedenfalls ist sich Paula im Hinblick auf diese Geschichte schon mal bei zwei Sachen sicher:

Erstens: Der Verfasser muss jemand gewesen sein, der selber Geschwister hatte. Wie sonst hätte er so präzise und so einfühlsam eine solche Familie beschreiben können? Und zweitens: Diese Geschichte kann eigentlich keine Geschichte aus der Bibel sein. Schließlich lautete doch einer der Vorwürfe gegen die Bibel, dass sie hauptsächlich weltfremde Geschichten von Gott oder einen Haufen von unmenschlichen Geboten beinhalte. Diese Geschichte hier aber ist anders. Sie ist weltlich und menschlich. Weltlich, weil die Welt, in der diese Geschichte spielt, eine sehr reale Welt ist, mit Hungersnöten und katastrophalen Arbeitsbedingungen.

Und menschlich, weil diese Geschichte so einfühlsam geschrieben ist.

Man kann sich gut in jede Person dieser Geschichte hineinversetzen: in den jüngeren Sohn, der nach dem Verprassen seines Erbteils wieder reumütig nach Hause kommt; in den älteren Sohn. Der ist sauer, weil der Jüngere trotz seines offensichtlichen Fehlverhaltens in Ehren und mit Tamtam zuhause aufgenommen wird. Und natürlich in den Vater dieser Geschichte, der tiefes Mitleid empfindet, als sein heruntergekommener Sohn nach Hause zurückkehrt. Dieser Vater, der seinen Sohn trotz allem mit heißem Herzen wieder in seine Arme schließt.

Musik 4: Bruce Springsteen: My father’s house (Nebraska)

Bei genauerem Nachdenken merkt Paula, wie anders diese Geschichte ist als alle, die sie sonst kennt; wie sehr sie sich von dem unterscheidet, was es sonst im Jahr 2115 so zu lesen gibt: Romane, Essays, Leitartikel, die meistens nur einem einzigen Ziel dienen: dem Ziel, die Moral des Volkes zu stärken. Brave Bürger zu bleiben, Nachkommen zu produzieren und vor allen Dingen: effizient und leistungsorientiert zu arbeiten. Einfache Botschaften, die die Menschen motivieren und beeinflussen sollen, damit die Wirtschaft nicht ins Stottern gerät. Einfache Botschaften, die Paula im Grunde ihres Herzens hasst, weil sie die Menschen für dumm verkaufen. Denn so einfach ist das Leben nicht. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, gut und böse, richtig und falsch. Als sie die Familien-Geschichte auf der alten Schulbuchseite liest, ist Paula begeistert. Diese Geschichte will offenkundig keine einfache und platte Moral verbreiten. Ganz im Gegenteil.

Dass der verlotterte, jüngere Sohn, der ziemlich auf der faulen Haut gelegen hatte, am Ende in Ehren aufgenommen wird, das passt so gar nicht zu den Vorstellungen des Jahres 2115, in dem Paula lebt: Arbeite schnell und effektiv, ist die Parole. Das steht über allem.

Ganz anders in der Geschichte: Paula bekommt eine Gänsehaut, als sie an die Stelle kommt, als der jüngere Sohn nach Hause kommt und von seinem Vater mit offenen Armen empfangen wird.

Tränen steigen ihr in die Augen. Auf einmal muss sie an ihre eigene Tochter denken. Die ist erst sechs. Aber diese bedingungslose, unendliche Liebe, die der Vater für seinen gescheiterten Sohn empfindet, die empfindet sie auch für ihre kleine Tochter.

Musik 5: Stevie Wonder: Love’s in need of love today

Es ist die Liebe, die diese kleine Geschichte antreibt, denkt Paula. Eine Liebe, die so stark ist, dass sie durch alle Fehler hindurchsieht.

Eine Liebe, die durch keine Einwände, selbst durch die vernünftigen nicht, verunsichert werden kann. „Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden“, sagt der Vater zum Sohn. Wieder und wieder liest Paula diese geheimnisvollen Worte und eines wird ihr bei jedem Lesen deutlicher: Die Liebe, die in diesen Worten zum Ausdruck kommt, übersteigt jede noch so starke Liebe zwischen zwei Menschen. Die Liebe, die der unbekannte Verfasser in eine Geschichte gegossen hatte, ist eine Liebe, die selbst an der Grenze des Todes nicht Halt macht. Eine Liebe, nach der sich Paula sich von Herzen sehnt – für sich selbst und für ihre Tochter. Was, wenn der Verfasser dieser Geschichte recht hat und es tatsächlich etwas gibt, was den Tod überwinden kann? Was wenn sie alle falsch liegen, ihre Zeitgenossen, die im Namen der Vernunft sagen: Mit dem Tod ist alles vorbei? Deshalb lass uns im Hier und Jetzt leben und alles rausholen aus der Zeit, was rauszuholen ist. Was, wenn sie alle falsch liegen? Was, wenn es da doch noch etwas gibt, doch noch jemanden gibt? Eine Macht, einen Vater wie in der Geschichte, einen Gott, der die Menschen liebt, der alle Menschen liebt, nicht nur die beständigen Musterschüler, sondern auch die Irrläufer und Verlierer des Lebens? An einen solchen Gott würde ich gerne glauben, denkt Paula.

Nur gut, dass diese Geschichte anscheinend keine aus der Bibel ist. Nur gut, dass ich sie noch nicht weggeschmissen hatte, denkt Paula, denn sie hat mit dieser Seite noch etwas vor. Sie möchte sie gerne heute Abend ihrer Tochter vorlesen und wissen, was sie von dieser Geschichte hält. Und es gibt auch noch einige Freunde, denen sie diese Geschichte gerne schenken würde. Paula nimmt die Seite und macht sich auf den Weg zum Kopierer.

Musik 6 Lorde: 400 Lux

Liebe Hörerin, lieber Hörer: „Wenn die ganze Bibel verloren ginge und es bliebe nur dieses eine Gleichnis übrig, so wäre alles gerettet.“ Das hat der Reformator Martin Luther einmal über die Geschichte vom verlorenen Sohn gesagt. Wie gut, dass uns die Bibel noch nicht verloren gegangen ist! Wie gut, dass wir es haben, das Gleichnis vom verlorenen Sohn! Eine Geschichte, die Gottes Liebe auf den Punkt bringt. Für Paula in der Zukunft im Jahr 2115 und für uns im hier und heute. Einen gesegneten Sonntag und alles Gute für die neue Woche wünscht Ihnen Peter Krogull von der Sankt Petri Kirche in Kopenhagen.

Musik 7: Lorde: A world alone

Musikinformationen:

Musik 1:

- Titel des Musikstücks: Heimcomputer

- Interpret: Kraftwerk

- Komponist: Hütter, Ralf

- Texter: Bartos, Karl

- Verlag: Kling Klang Musik

- Labelcode (LC-Nr.): 04513

- Label: Kling Klang

- EAN: 5099969959028

Musik 2:

- Titel des Musikstücks: Welcome to the machine

- Interpret: Pink Floyd

- Komponist: Waters, Roger

- Texter: Waters, Roger

- Verlag: Warner/Chappell Music Publ.

- Labelcode (LC-Nr.): 0299

- Label: Pink Floyd Music / Parlophone Records

- EAN: 5099902894522

Musik 3:

- Titel des Musikstücks: Computerliebe

- Interpret: Kraftwerk

- Komponist: Hütter, Ralf

- Texter: Schneider, Florian

- Verlag: Kling Klang Musik

- Labelcode (LC-Nr.): 04513

- Label: Kling Klang

- EAN/Bestell-Nr.: 5099969959028

Musik 4:

- Titel des Musikstücks: My father’s house

- Interpret: Springsteen, Bruce

- Komponist: Springsteen, Bruce

- Texter: Springsteen Bruce

- Verlag: Bruce Springsteen Music

- Labelcode (LC-Nr.): 00162

- Label: Columbia

- EAN/Bestellnr.: 5099751130321

Musik 5:

- Titel des Musikstücks: Love’s in need of love today

- Interpret: Wonder, Stevie

- Komponist: Wonder, Stevie

- Texter: Wonder, Stevie

- Verlag: Jobete Music

- Labelcode (LC-Nr.): 0881

- Label: Motown Records

- EAN/Bestellnr.: 0035627213120

Musik 6:

- Titel des Musikstücks: 400 Lux

- Interpret: Lorde

- Komponist: O’Connnor, Ella Yelich

- Texter: Little, Joe

- Verlag: Copyright Control / Sony ATV

- Labelcode (LC-Nr.): 01846

- Label: Universal Music New Zealand

- EAN/Bestellnr.: 602537519002

Musik 7:

- Titel des Musikstücks: A world alone

- Interpret: Lorde

- Komponist: O’Connnor, Ella Yelich

- Texter: O’Connnor, Ella Yelich

- Verlag: Copyright Control / Sony ATV

- Labelcode (LC-Nr.): 01846

- Label: Universal Music New Zealand

- EAN/Bestellnr.: 602537519002

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