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Das Geistliche Wort | 20.05.2018 | 08:35 Uhr

Pfingsten oder die Illusion des Verstehens

Autor: Weihnachten gibt es Geschenke, Ostern suchen wir Eier und zu Pfingsten gibt es einen Extra-Feiertag. Allerdings: Bei Straßenumfragen wissen viele nicht sofort, was die christlichen Kirchen heute an Pfingsten feiern. Das Internetlexikon Wikipedia hilft schnell. Da heißt es: „Am 50. Tag der Osterzeit, also 49 Tage nach dem Ostersonntag, wird von den Gläubigen die Entsendung des Heiligen Geistes gefeiert.“ Und wenn Sie hierzu mehr Infos bräuchten, in unserer vernetzten Welt, wo jeder schnell alles wissen kann, würden Sie sicher die Google-Suche anwerfen oder auf den Wikipedia-Seiten weiterlesen. Und je nach Lust und Laune könnten sie sich von einem zum anderen Artikel klicken. Guten Morgen!

Was war da los am Pfingstfest, 50 Tage nach Ostern. In Jerusalem. Zu Beginn der weltumspannenden christlichen Bewegung?

Musik 1: “Bless the Lord,O My Soul” (CD-Name: Yamma Ensemble; Titel: Bless the Lord, O My Soul; Track-Nr.: 08; Interpret: Yamma Ensemble; Komponist: Traditional prayer in the style of the Babylonian jews; Texter: traditional; Verlag:; Label: ? 2011 YAMMA; LC-Nr.: ; EAN:; Best.Nr. )

Autor: Die Jüngerinnen und Jünger haben sich zurückgezogen. Die traumatischen Ereignisse blitzen bei ihnen wieder und wieder hervor. Die grölende Menschenmasse. Der Hass in ihren weit aufgerissenen Augen. Der Jubel und das Gejohle als das Todesurteil über Jesus gesprochen wurde, ihrem Freund, dem Rabbi. Dann die eigene Haut gerettet. „Du bist doch auch einer von denen?“ Panik. Angst. Untertauchen. Verstecken. Aber damit war doch nicht zu rechnen, dass sie ihn tatsächlich töten. Oder hatte Jesus schon davon gesprochen? Ja, dass er leiden müsse, hatte er gesagt. Aber wie war das zu verstehen? Die Jünger sind sich uneinig darüber. Und jetzt? Jeder Gedanke an Zukunft: ausgelöscht.

Dann der Morgen, als das Licht der Sonne die Erde streifte und die Dämmerung einsetzte. Diese unglaubliche göttliche Kraft. „Ich habe den Herrn gesehen“ schreit Maria aufgeregt. Die Frauen berichten von den Engeln: „Er ist nicht hier; er ist auferstanden.“ Jesus lebt. „Wie sollen wir das nun verstehen?“ Thomas will es lieber mit den eigenen Augen sehen und begreifen anstatt den Berichten der Frauen zu glauben. „Die erzählen ja manchmal viel.“

Andere hingegen fangen an zu grübeln. Das passt doch nicht zusammen. Nicht zu der erlebten Angst. Nicht zu der Trauer. Nicht zu den traumatischen Erlebnissen. Wie soll man das jetzt verstehen?

Es wird einige Zeit vergehen, bis die Jüngerinnen und Jünger neuen Mut fassen. Bis sie ihre Sprache wiederfinden. Und selbst dann bleiben die Zweifel. Nicht alle waren dabei. Jeder und jede hat einen anderen Blickwinkel auf die Ereignisse. Wenn sie beisammen sind, ok, dann ist da irgendwie eine gemeinsame Basis. Aber wenn die Anderen sie neugierig fragen, was sie erlebt haben, dann stellen sie sich Fragen wie: „Welche Bedeutung hat das alles? Was dürfen wir auf keinen Fall vergessen zu erzählen? Was stiftet eher Verwirrung, was ist der Sinn dahinter?“

Musik 2: “Bless the Lord, O My Soul” (CD-Name: Yamma Ensemble; Titel: Bless the Lord,O My Soul; Track-Nr.: 08; Interpret: Yamma Ensemble; Komponist: Yamma; Texter: ; Verlag: ? 2011 YAMMA; Label:; LC-Nr.: ; EAN:; Best.Nr:.)

Sprecherin: Dann kam der Pfingsttag. Alle waren an einem Ort versammelt. Plötzlich kam vom Himmel her ein Rauschen wie von einem starken Wind. Es erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten. Dann erschien ihnen etwas wie züngelnde Flammen. Die verteilten sich und ließen sich auf jedem Einzelnen von ihnen nieder. Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt. Sie begannen, in fremden Sprachen zu reden – ganz so, wie der Geist es ihnen eingab.

Autor: Schnell hat sich eine Menschenmenge gebildet. Viele Menschen aus vielen Ländern waren in der Stadt. Alle können die Jünger verstehen. Die Meinung ist geteilt: Die einen sagen, da war zu viel süßer Wein im Spiel, die anderen sind sich sicher: das kann nur ein Wunder sein. Das Pfingstwunder ist also nicht nur ein Sprachwunder, sondern auch ein Hörwunder. Die Jüngerinnen und Jünger. Wie ausgewechselt. Resignation, Ängstlichkeit und Verzagtheit wie weggepustet. Mit Feuereifer sprechen sie von dem Erlebten, der Freundschaft, dem neuem Himmel, dem Reich Gottes, dem neuen Leben. Für einen Moment scheint Verstehen über alle Sprachbarrieren hinweg möglich.

Allerdings: Es wird bei dieser Momentaufnahme bleiben. Das gegenseitige Missverstehen bleibt die Regel. Die meisten erleben es so: Was für mich eindeutig, richtig und wahr aussieht, ist für den Anderen noch lange nicht einsichtig. Er blickt auf die Welt und das Gesagte und Geschriebene ganz anders. Und je genauer man hinschaut, um so mehr entdeckt man, dass da bisweilen Welten dazwischen liegen.

Musik 3: “Avinu Malkeinu” (CD-Name: Higher Ground; Titel: Avinu Malkeinu; Track-Nr.: 12; Interpret: Barbra Streisand; Komponist: Max Janowski; Texter: ; Verlag:; Label: 1997 Sony Music Entertainment Inc., Sony Music Entertainment (Canada) Inc.; LC-Nr.: ; EAN:; Best.Nr. )

Autor: In einer globalisierten Welt können wir uns heute Verständigungsschwierigkeiten wie zu Jesu Zeiten nicht mehr leisten. Was zählt schon die räumliche Distanz zwischen zwei Ländern, wenn ich für ein Meeting einfach Skype öffne? Kulturelle Feinheiten fallen im Internet kaum noch ins Gewicht und Sprachschwierigkeiten lösen wir nicht mit dem heiligen Geist sondern mit dem Google Übersetzer. Ein Sprachwunder brauchen wir nun wirklich nicht, dafür sind wir selbst schon eloquent genug: 42 Milliarden WhatsApp-Nachrichten und 500 Millionen Tweets setzen wir pro Tag ab, 1,6 Milliarden Mal am Tag recken wir bei Facebook den Daumen in die Höhe. Jedenfalls alle, die sich in dieser digitalisierten Welt bewegen – und das sind viele.

Das Mehr an Kommunikation hat allerdings nicht dazu geführt, dass wir besser und ausgewogener informiert sind. In der Flut der Nachrichten fällt es zunehmend schwer, Bedeutsames von Überflüssigem, News von Fake-News und Werbung von Qualitätsjournalismus zu unterscheiden.

Als Martin Luther im 16. Jahrhundert die Bibel ins Hochdeutsche übersetzte, bediente er sich der „Neuen Medien“ seiner Zeit: dem Buchdruck mit beweglichen Lettern. Die gedruckten Bücher waren ökonomischer als Abschriften, konnten in kürzester Zeit in hoher Auflage bereitgestellt werden und etablierten damit eine Gegenöffentlichkeit, die schnell in Konkurrenz zum Wissensmonopol der Kirche trat. Martin Luther hielt die Druckerpresse für "das letzte und zugleich größte Geschenk Gottes, die letzte, unauslöschliche Flamme der Welt", wie wir aus seinen Tischreden wissen. Über so viel frommen Medienenthusiasmus werden manche staunen, 500 Jahre nach Gutenberg. Das Druckwerk hat außer dem Wort Gottes auch die Religionskriege, den Nationalismus, den Fundamentalismus gebracht. Die Instrumente der Flugblätter, Propagandaschriften oder religiösen Traktate lassen sich eben auch von Anderen produzieren und massenhaft verbreiten.

Musik 4: „Gothic“ (CD-Name: Epigraphs; Titel: Gothic; Track-Nr.: 13; Interpret: Ketil Bjørnstad & David Darling; Komponist: Ketil Bjørnstad; Texter: instrumental; Verlag:; Label: ? 2000 ECM Records GmbH, under exclusive license to Universal Music Classics & Jazz - a division of Universal Music GmbH; LC-Nr.: ; EAN:; Best.Nr.)

Autor: Was Luther nicht bewusst gewesen sein dürfte ist, dass er an der Schwelle zu einer neuen Zeit auftrat: dem Zeitalter der Massenmedien. Heute erleben wir die Morgendämmerung einer weiteren Ära der Menschheitsgeschichte: den Beginn der „digitalen Moderne“ - ein gigantisches Revolutionspotential: Wie verlaufen die Meridiane der Macht, wenn der Einfluss einzelner Netzunternehmen staatliche Strukturen sprengt? Wie verteilt sich das Weltwissen in der Zukunft, wer entscheidet, was erinnert werden wird und was vergessen? Wie werden wir uns „verstehen“?

Musik 5: “Lights Will Guide Me” (CD-Name: The Book of Nature; Titel: Lights Will Guide Me; Track-Nr.: 2; Interpret: Fahrenhaidt; Komponist: Andreas John, Erik Macholl & Amanda Pedersen; Texter: Andreas John, Erik Macholl & Amanda Pedersen; Verlag:; Label:; LC-Nr.: ; EAN:; Best.Nr. )

Autor: Pfingsten bleibt für mich rätselhaft. Mit dem heiligen Geist entsteht eine neue Bewegung. Das Pfingstfest markiert nichts weniger als die Geburtsstunde der Christenheit. Zuerst ein diffuses undefinierbares Rauschen. Dann züngelnde Flammen, die sich auf die Jüngerinnen und Jünger ergießen. Derart durchgepustet und mit Feuereifer erfüllt, verlassen sie das Haus, gehen auf die Straßen von Jerusalem und trotz Sprachbarrieren werden sie gehört und verstanden. Und für uns Nachgeborene? Ein besseres, leichteres Verstehen? Fehlanzeige. Verstehen bleibt unwahrscheinlich. Auch mit einer besseren Wortwahl, mit immer neuen Verbreitungswegen, der digitalen Vernetzung: Missverstehen ist eher die Regel als die Ausnahme. Verstehen bleibt unverfügbar, ist nicht erzwingbar. Wir werden auch weiterhin nicht in die Köpfe, in das Denken, in die inneren Bilder der Anderen hineinschauen können.

Zugleich wehrt sich eine innere Stimme in mir dagegen. Das kann es doch nicht gewesen sein. Damit gebe ich mich nicht zufrieden. Ich will doch verstehen, was da los ist. Ich möchte doch, dass das, was mir wichtig und bedeutsam ist, bei meinem Gegenüber gehört und verstanden wird. Wie wäre es damit: Die Ruach, der heilige Geist ist gar nicht für ein besseres Verstehen zuständig. Vielmehr stiftet sie dazu an, vielschichtiger hinzuhören und präziser hinzuschauen. Und auf einmal ist es mir möglich, ein offenes Ohr für Unausgesprochenes zu haben. Ich bekomme eine große Sympathie für halbfertige Gedanken, für das Fragmentarische. Ich beginne zu staunen über Missverständliches. Ich genieße die Zwischentöne.

Und auf einmal höre ich ganz anders, schaue ich ganz anders auf die Dinge. Mein festes unverrückbares Weltbild wackelt. Und erst in diesem Moment ist Platz für Neues. Zuerst vielleicht eine Vorahnung, grummelnd und rauschend. Unvollständig. Leise. Und auf einmal ein neuer Horizont, der Plan B. Eine Idee.

Es gibt sie: Momente des Verstehens. In diesen unverfügbaren Momenten, da wirkt der Heilige Geist, das ist für mich Pfingsten. Es ist mein Gegenüber, dass mich inspiriert und mich neue Welten erkunden lässt. Probieren Sie es doch einmal aus. Fragen Sie sich bei jedem Menschen, dem sie heute oder diese Woche begegnen, was kann ich von ihr oder von ihm lernen? Der schrullige Nachbar, die nervige Sitznachbarin im Bus oder das schweigsame Familienmitglied werden sie überraschen.

Lassen sie uns doch einmal so neue Ideen spinnen, begeistert in den Dialogen mit Kollegen, der Familie, den Kindern. So tauchen wir immer wieder in neue Welten ein. Wie siehst du das? Was habe ich bisher übersehen? Wo sollten wir auch noch hinschauen? Was sollten wir uns einmal genauer anschauen? Verstehen fängt beim Perspektivwechsel an, bei der Fähigkeit andere Sichtweisen zuzulassen, sie mit zu denken. Es entstehen Gedanken, auf die ich alleine niemals gekommen wäre. Was sieht ihr Kollege, was Sie nicht sehen können? Was formuliert ihr Kind oder Enkel so vollkommen anders und was können Sie davon lernen? Eine unglaubliche göttliche Urkraft. Eine göttliche Dynamik, die dann entsteht. Missverständnisse inklusive. Aber eben auch: Momente des Verstehens.

Ein frohes Pfingstfest wünscht Ihnen Michael Birgden aus Hürth von der evangelischen Kirche.

Musik 6: „Nimm Dir Zeit“ (ab 00:30 bis ??) (CD-Name: New York - Stintino; Titel: Nimm Dir Zeit; Track-Nr.: ; Interpret: Gregor Meyle; Komponist: Gregor Meyle & Christian Lohr; Texter: ; Verlag:; Label: ? 2014 meylemusic; LC-Nr.: ; EAN:; Best.Nr.)

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