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Kirche in WDR 3 | 02.01.2017 | 07:50 Uhr

Provozierende Träume

Guten Morgen!

Er ist eindeutig Papas Liebling. So was kommt vor. So was hat meistens Gründe. Ein charmanter Junge, hübsch, gescheit, verständig. Ein Sohn, der seinem Vater Freude macht. Außerdem: Josef ist der Sohn von Rahel, der über alles geliebten Frau, während fast alle anderen Kinder Jakobs andere Mütter haben. Eine Patchwork-Familie in der Bibel.

Josef also wird von seinem Vater nach Strich und Faden verwöhnt. Vater Jakob bevorzugt ihn gegenüber den älteren Brüdern, schenkt ihm teure Sachen zum Anziehen. Das weckt Neid und Ärger. Und Josef tut alles, um diesen Ärger noch zu schüren: Er verpetzt seine älteren Brüder beim Vater, erzählt ihm, was die Leute über sie reden.

Eine konfliktreiche Situation. Wut und Zorn der Brüder sind verständlich.

Als Josef dann auch noch anfängt, seine Träume zu erzählen, wachsen Wut und Zorn zu blankem Hass. „Stellt euch vor, was ich geträumt habe: Wir waren beim Garbenbinden auf dem Feld“, so erzählt er. „Meine Garbe richtete sich auf, sie stand wie eine Eins. Und eure Garben stellten sich ringsherum im Kreis und verneigten sich vor meiner.“ Kein Wunder, dass die Brüder ihn anschnauzen: „Du willst wohl den Boss spielen?“ Aber Josef kommt ungerührt etwas später mit einem weiteren Traum an. Damit treibt er es auf die Spitze: „Da waren die Sonne und der Mond und elf Sterne, und alle verbeugten sich tief vor mir.“ Das geht selbst seinem Vater zu weit. „Was soll das?“, tadelt er seinen Sohn: „Ich und deine Mutter und deine elf Brüder, sollen wir uns etwa alle vor dir niederwerfen?“ Gleichzeitig wird Vater Jakob nachdenklich. Er merkt sich genau, was Josef erzählt hat.

Was ist da passiert? Gefällt sich hier ein verzogenes Bürschchen, 17 Jahre alt, in maßloser Selbstüberschätzung? Merkt er nicht, wie er seine großen Brüder bis aufs Blut reizt? Merkt er nicht, was für ein Größenwahn für die anderen aus solchen Träumereien sprechen muss?

Es bleibt offen, ob Josef mit seinen Träumen angeben oder gar provozieren wollte. Oder ob er nur ganz naiv und unbekümmert wiedergab, was ihm eben im Schlaf vor Augen gekommen ist.

Josef eckt an. Absichtlich oder ahnungslos. So beginnt eine der großartigsten biblischen Geschichten. Nachzulesen ist sie in der Genesis, dem ersten Buch Mose, ab dem 37. Kapitel. Da geht es allzu menschlich zu. Schwierige Familienverhältnisse. Ein liebevoller, aber ungerechter Vater. Neid und Hass unter Geschwistern. Ärger über einen offenbar überheblichen, verwöhnten Jungen.

Alle Zutaten für eine Tragödie oder Katastrophe sind zusammengekommen. Wie also wird das weitergehen? Löst sich der Konflikt einigermaßen friedlich – oder steuern alle geradewegs in die Katastrophe.

Davon erzählt Ihnen morgen mehr

Ihr Andreas Duderstedt aus Bielefeld

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