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Kirche in WDR 3 | 28.04.2016 | 07:50 Uhr

Rache als Überlebenskraft?

Er stirbt und stirbt einfach nicht. Überlebt. Körperlich die Attacke einer Grizzlymutter, seelisch den feigen Mord seines Sohnes. Notdürftig zusammengeflickt, ohne Proviant und Munition, vollkommen verlassen und immer wieder von Feinden umzingelt, müsste er schon einige Mal tot sein. Aber eine unglaubliche Kraft lässt ihn in der unerbitterlichen amerikanischen Wildnis des siebzehnten Jahrhunderts weiter atmen, kriechen, kämpfen. In „The Revenant -der Rückkehrer“ spielt Leonardo DiCaprio den Trapper Hugh Glass. Der weiß nicht nur, wie er überlebt, sondern auch wofür: Rache. Sein Feind: John Fitzgerald. Der hat seinen Sohn getötet. Und damit darf er nicht durchkommen. Und so lebt Hugh Glass weiter bis John Fitzgerald tot ist.

Rache als Überlebenskraft - lange hätte ich das abgestritten. Mir ist aber auch noch nie etwas wirklich Böses passiert. Doch dann sitzt Jördis auf meinem Sessel, sie wütet: „Und wenn ich mein Urlaubsgeld dafür opfere. Ich engagiere einen Privatdedektiv und dann schicke ich seiner Freundin die Briefe, die er mir geschrieben hat. Ich muss nur noch aussuchen, welche.“ Sonst ist Jördis sanft und klug und stark. Bis Paul kam. „Weißt du, ich hätte meine Seele aufgerissen. Einfach nur, um ihm näher zu sein. Und dann geht er einfach wieder zurück zu seiner Exfreundin. Weil sie nebenan wohnt und ich zwei Stunden entfernt.“ Was für ein schmerzhafter Schwachsinn. Jördis tobt weiter: „Wie es mir geht, das ist ihm völlig egal gewesen. Damit darf er nicht durchkommen.“ Sie ist unglaublich verletzt, aber strotzt vor Energie. Ich denke, das bringt ihr doch nichts, wenn sie ihm und seiner Freundin auch noch wehtut. Aber was wäre, wenn sie diese Kraft jetzt nicht hätte? Nicht fühlen dürfte, wie mies Paul sich verhalten hat und dass er verdient hat, zu spüren, was er ihr angetan hat. Vielleicht braucht sie das gerade. Rachephantasien als Erste Hilfe für die Seele, die anders gerade nicht überleben kann. Ich wage ein Gedankenexperiment: „Was wäre, wenn Gott für dich Rache nehmen würde?“ „Das macht der liebe Gott nicht.“ „Was wäre wenn! Wenn er Paul richtig fühlen lassen würde, was er dir getan hat?“ Sie überlegt: „Na dann müsste ich nicht mehr aus seinen Liebesbriefen an mich die raussuchen, die seine Freundin am meisten kränken. Ich würde seine ganzen schönen Lügen nicht mehr lesen.“ „Und lieber einen schönen Urlaub planen.“, werfe ich ein. „Irgendwann vielleicht.“ – so ganz überzeugt klingt Jördis noch nicht. Aber sie hat es dann gemacht, sich vorgestellt, dass Gott eingreift und sagt: „Die Rache ist mein.“ (5. Mose 32,35) Und sich nicht mehr so viel mit ihrem Exfreund beschäftigt.

Weh getan hat es immer noch. Aber so hat sie überlebt, ohne eigene Rache zu nehmen. Sie war aber auch nicht so allein wie Hugh Glass im Wilden Westen. Und Jördis konnte sich auch noch vorstellen, dass das Leben wieder schön wird. Hugh Glass hat nur überlebt, um John Fitzgerald zu töten. Daran ist er letztendlich gestorben. Jördis hat an Gottes Rache geglaubt, um nach ihrem Liebeskummer weiter zu leben.

Wenn es den rachsüchtigen Gott gibt, dann nur um unserer Seele Erste Hilfe zu leisten, glaubt Katrin Berger, Pfarrerin in Levern.

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