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Hörmal | 31.07.2016 | 07:45 Uhr

Schreibtischtäterei

Es liest sich erschreckend nüchtern, distanziert – typisches Amtsdeutsch. Und doch schreit aus diesem Behördenschreiben der Wahnsinn des Dritten Reichs wie vielleicht aus keinem anderen Dokument. Heute vor 75 Jahren, am 31. Juli 1941, verließ dieses Schreiben das Büro des „Reichsmarschalls des Großdeutschen Reiches“ in Berlin. Das Dokument sieht aus, wie jeder x-beliebige Aktenvermerk. Aber mit diesem Schreiben hatte Herrmann Göring den Chef der Sicherheitspolizei, Reinhard Heydrich, mit dem beauftragt, was wir heute die geplante und systematische Vernichtung der Juden in Europa nennen: die Shoa, den Holocaust.

Der knappe Text lautet so:

(Sprecher):

„In Ergänzung der Ihnen bereits mit Erlass vom 24. Januar 1939 übertragenen Aufgabe, die Judenfrage in Form der Auswanderung oder Evakuierung einer den Zeitverhältnissen entsprechend möglichst günstigen Lösung zuzuführen, beauftrage ich Sie hiermit, alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussgebiet in Europa. […] Ich beauftrage Sie weiter, mir in Bälde einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen.“

...und dann nur noch gefolgt von Görings Unterschrift.

Natürlich war das nicht der Startpunkt der Judenverfolgung. In vielen Schritten hatten die Nazis dem Wahnsinn den Weg gebahnt, Europas Juden zu vernichten. Aber dieses Schreiben am 31. Juli, kurz nach Kriegsbeginn gegen die Sowjetunion, brachte den totalen Vernichtungswillen zu Papier. Jetzt bekam das Ganze System. Jetzt begann das Vergasen. Getötet wurde ab jetzt mit der Logik der Massenvernichtung – mit deutscher Gründlichkeit.

Ich bin fassungslos darüber, wie nüchtern das alles in diesem Schreiben klingt. Die Sprache ist ja fast aseptisch, keimfrei. Jemand der keine Ahnung über den geschichtlichen Zusammenhang hat, der könnte meinen, da werde ein läng fälliger Missstand behoben. „Endlösung der Judenfrage“: Das klingt nach Problemlösung. Aber die Juden waren und sind kein Problem, sondern sie sind – so sagt die Bibel – das „Volk Gottes“. Und „Lösung“ bedeutet hier: Millionenfacher Mord, in einer noch nie dagewesenen Form.

Der Wahnsinn dieses Schreibens steckt für mich genau darin: Es verbirgt seine massenvernichtenden Konsequenzen indem es derart bürokratisch keimfrei formuliert ist. Wenn es ein Welt-Museum für Schreibtisch-Täterschaft gäbe, müsste dieses Schreiben vom 31. Juli 1941 an prominenter Stelle hängen. Als eine Art Mahnmal wider die Schreibtischtäterei.

Schreibtischtäter können die unmenschlichsten Dinge tun, ohne sich dessen gewahr zu sein. Weil sie keine unmittelbare Anbindung haben zu dem Gegenstand ihrer Schreibtischtat. Und dafür steht dieses Schreiben auf himmelschreiende Art Pate – unabhängig von seinen mörderischen Konsequenzen.

Aber das gilt nicht nur für damals, vor 75 Jahren. Es gilt nicht nur für die Verbrechen der Nazi-Schreibtischtäter. Ich bin fest davon überzeugt, es gilt grundsätzlich: Wenn in der Kommunikation der direkte Kontakt fehlt, dann kann das Menschenmaß irrsinnig schnell verloren gehen.

Gerade im digitalen Zeitalter kann das schneller gehen, als je zuvor. Wenn man so will, dann kann heute jeder schnell zum Schreibtischtäter werden: In den sozialen Netzwerken zum Beispiel: Ein Post, ein Tweet mit einem vorschnellen Urteil; eine Hass-Mail – rasend schnell verbreitet. Daraus wird dann ein Shit-Storm. Und der andere ist erledigt. Digitale Brandstiftung ohne ein Streichholz, nur vom Computer aus, oder vom Smartphone. Es braucht heute mehr denn je Augenmaß – besser noch: Menschenmaß. Und dazu gehört für mich, dass so etwas wie die Erinnerung an die Shoah nicht verloren geht, die eiskalt vom Schreibtisch aus dekretiert wurde.

** http://www.ghwk.de/fileadmin/user_upload/pdf-wannsee/dokumente/goering-juli1941.pdf

Bildrechte:Göring www.ghwk.de.JPG

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