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Das Geistliche Wort | 26.03.2017 | 08:40 Uhr

Sehnsucht nach Umkehr

Gesprochene Präsentation:

Manchmal rutscht mir der Gedanke in den Sinn: Es wäre doch alles viel leichter, wenn die anderen bessere Christen wären. Wenn die andern schon mal alles täten, was sie tun sollten, könnte ich auch tun, was ich tun soll. Das allerdings ist ein großer Irrtum. Das wusste schon der heilige Franziskus von Assisi im dreizehnten Jahrhundert. Er schrieb einem seiner Mitbrüder auf eine Beschwerde hin: „Und du sollst nicht wollen, dass sie bessere Christen seien!“ Denn damit verschiebe ich ja die Arbeit nur auf die anderen, anstatt mich selbst den Ansprüchen des Evangeliums zu stellen. Und genau das meint die Umkehr, zu der die Fastenzeit, die in der katholischen Kirche seit Aschermittwoch gilt, aufruft: Sich zum Beispiel abwenden von den Erwartungen an andere und sich hinwenden zu den Erwartungen, die mir selbst gelten. Ich bin Schwester Ancilla Röttger aus dem Klarissenkloster in Münster.

Guten Morgen!

Musik I

Ein mit meinen Mitschwestern und mir befreundeter Priester hat uns das mal in einem sehr praktischen Beispiel deutlich gemacht: Er hatte Besuch eines Freundes. Er selbst musste morgens um 6 Uhr aus dem Haus zu seelsorglichen Diensten und kam erst um 9 Uhr zurück – mit der Hoffnung, dass der andere inzwischen Kaffee gekocht und das Frühstück vorbereitet hätte. Aber das war nicht der Fall. Der Freund hatte einfach auf seine Rückkehr gewartet und ihm die Arbeit überlassen. Als er gerade anfangen wollte, sich zu ärgern, fiel ihm ein Satz Jesu aus dem Matthäus-Evangelium ein: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ (Mt 7,12) Das verstand er in dem Augenblick ganz handfest: er kochte Kaffee und bereitete das Frühstück vor – und war voller Frieden.

Nicht von den anderen erwarten, dass sie es tun – statt dessen selber handeln! Das ist ein Grundzug in der Umkehr zum Leben. Und es ist etwas, was im persönlichen Alltag doch ständig vorkommt. Wieviel Ärger und Unfrieden bliebe erspart, wenn wenigstens ab und zu nach diesem Grundsatz gehandelt würde!

Musik II

Keine Erwartungen an die anderen stellen, sondern zunächst mal an mich selber! Das gilt nicht nur für ein Leben im Kloster, sondern ganz allgemein für Menschen, die zusammenleben. In den Jahrzehnten meines Klosterlebens ist mir ein Heiliger immer wichtiger geworden, weil er genau davon spricht: der heilige Jean Marie Vianney, der spätere Pfarrer von Ars. Er ist kein angenehmer Heiliger, falls es die überhaupt gibt, sondern einer, der einem in vielen Punkten querliegt.

In den verschiedenen Biografien über ihn wird er als unscheinbar und eher kläglich dargestellt: er war klein, trug eine mehrfach geflickte Soutane und zeigte sich in allem unbeholfen. Er war jemand, über den man einfach hinwegsah – er fiel höchstens durch seine Armseligkeit auf.

Am 8. Mai 1786 wurde er in Dardilly, einem Bauerndorf in der Nähe von Lyon, geboren. Mit fünf Geschwistern wuchs er in einer armen Bauernfamilie auf. Es war die Zeit der französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts mit ihrem befreienden Aufbruch und der schrecklichen Fortsetzung mit ihren grausamen Hinrichtungen durch die Guillotine. Das Einzige, was der junge Jean Marie davon mitbekam, war das Bewusstsein: Das Christentum war eine verfolgte Religion. Er erlebte, wie Priester als Handwerker oder Bauern getarnt, die gläubigen Familien abends besuchten und in der Scheune Eucharistie feierten, während einige vor dem Scheunentor einen Heuwagen zur Tarnung entluden. Jean Marie wuchs damit auf, seinen Glauben im Verborgenen zu leben. Er lernte nur notdürftig lesen und schreiben, da er harte Bauernarbeit auf dem väterlichen Hof zu leisten hatte. Und darin war er gut.

Doch dann meldete sich bei ihm ein anderes Interesse: Als Jugendlicher bat er den Vater, Priester werden zu dürfen. Erst nach zwei Jahren stimmte der Vater widerstrebend zu, obwohl er ihn auf dem bäuerlichen Hof kaum entbehren konnte, und es begann für Jean Marie eine noch mühsamere Zeit. Napoleon brauchte Soldaten für seine militärischen Pläne. So wurde auch Vianney eines Tages eingezogen.

Doch er entzog sich dem Militärdienst und machte sich als Deserteur aus dem Staub. In einer Predigt bekannte er später: „Als ich Deserteur war“ – und er schämte sich nicht dafür.

Wenn ich sehe, mit welchen unsäglichen Mühen und Demütigungen er seine Ausbildung zum Priester hinter sich gebracht hat, verstehe ich umso besser, wie sehr er immer wieder aus Intuition gehandelt hat und nicht aus logischem Nachdenken. Das war ihm einfach nicht gegeben, und er hatte auch nicht das Bedürfnis nach Bildung. Am 13. August 1815 weihte ihn der Bischof von Grenoble zum Priester – und das vermutlich nur wegen des katastrophalen Priestermangels, wegen Vianneys ausgeprägter Frömmigkeit und weil ein von Vianney verehrter Pfarrer sich so sehr für ihn eingesetzt hat. Bei diesem Pfarrer arbeitete er die ersten zwei Jahre nach seiner Priesterweihe. Doch dann starb der Pfarrer und Jean Marie Vianney bekam eine neue Aufgabe.

Der Generalvikar seines Bistums schickte ihn nach Ars, ein kleines Dorf nördlich von Lyon. Es wird als völlig verwahrlost beschrieben. Und der Generalvikar erklärte Vianney: „Es ist nicht viel Gottesliebe in dieser Pfarrei vorhanden; die werden Sie hineintragen.“

Als er mit seinem Karren voller Habseligkeiten in Ars ankam, nahm es keiner zur Kenntnis. Er fand die Dorfkirche vor in einem armseligen Zustand vor: Schmutzig, unordentlich, der Tabernakel stand leer und das ewige Licht war aus. Das Pfarrhaus dagegen war von Gönnern gut eingerichtet. Sofort setzte er aber seine Prioritäten: Er ließ das Pfarrhaus ausräumen und alle Möbel dem Spender dankend zurückgeben – mit dem Hinweis, er brauche sie nicht. Ein einziges Zimmer behielt er für sich, in dem sich für ihn alles abspielte. Die Kirche allerdings versuchte er mit allem Schönen, das er nur fand, auszustatten. Gott allein und an erster Stelle – das war seine Grundpriorität.

Musik III

Der Pfarrer von Ars hat tatsächlich etwas in Gang gebracht; sein Prinzip, Gott an erster Stelle, ist aufgegangen. Das ganze Dorf ohne Ausnahme erlebte eine Umkehr. Gott liebte der Pfarrer von Ars über alles, von ihm erwartete er alles und ihm schenkte er jeden Augenblick seines Lebens. Kurz nach Mitternacht ging er in seine Kirche und betete. Die tägliche Eucharistiefeier war der Mittelpunkt seines alltäglichen Lebens. Daraus schöpfte er die Gewissheit: Er ist da! Und aus dieser erlebten Gegenwart Gottes fand er die Kraft, zu tun, was dran war.

Und genauso liebte Jean Marie Vianney die ihm anvertrauten Menschen. Er betete mit seiner ganzen Existenz: Schenk mir die Bekehrung meiner Gemeinde! – das war sein Herzensanliegen. Es brannte in ihm und er war bereit, alles dafür hinzugeben. Er wollte Gott und die Menschen miteinander versöhnen – koste es ihn selbst, was es wolle. Nicht die großen Aktionen verändern die Kirche und die Welt, sondern Gott allein ist es, der wandelt – und das bedeutet, dass an erster Stelle das Gebet steht. Aber hier gilt es auch, genau hinzuschauen:

Manchmal suche ich nämlich Gott im Gebet, weil ich ihn erfahren will. Und wenn ich ihn nicht spüre, halte ich das Gebet für nicht gelungen. Manchmal bete ich aus Pflichtbewusstsein, weil ich es versprochen habe. Und dabei habe ich nur die Pflicht, aber nicht Gott im Sinn. Manchmal finde ich ein schön formuliertes Gebet und lese es Gott vor wie ein ausdrucksvolles Gedicht. Doch ich selbst bin gar nicht darin.

Musik IV

Da der Pfarrer von Ars beständig Gott anschaute – im Wort der Bibel, im Sakrament der Eucharistie –, sah er die Menschen mehr und mehr mit dem Blick Gottes an. Er sah sie von Grund auf liebenswert und hilfsbedürftig. Obwohl er sehr streng war, kamen die Menschen in Scharen zu ihm zum Beichten. Und als Beichtvater pflegte er zu sagen: „Mein Rezept ist dies: ich gebe den Sündern eine kleine Buße auf und leiste den Rest an ihrer Stelle.“ Zu einem gleichgültigen Menschen sagte er bei der Beichte: „Ich weine, weil Sie nicht weinen.“ Zum Gebet kommt notwendig die Bereitschaft, stellvertretend für den anderen etwas zu tun. Karl Rahner hat einmal geschrieben, dass nur derjenige Jesus Christus in der Aktion wiedererkennen kann, der ihn in der Kontemplation zuvor erkannt hat.

Das heißt dann auch: Wenn ich für den Frieden bete, dann muss es mein Herzensanliegen sein, das in mir brennt und immerzu in mir lebendig ist. Das Gebet um den Frieden braucht notwendig mein Bemühen um Versöhnung und Frieden in meinem Alltag. Gott ist es, der den Frieden schenkt. Gott ist es, der die Umkehr und den Wandel schenkt. Aber ich muss ihm den Weg bereiten durch mein eigenes Leben.

Mit dem heutigen Sonntag ist die Hälfte der Fastenzeit bereits vorbei. Das Osterfest rückt näher. Und es lohnt sich, in den Blick zu nehmen, wie es mit meiner persönlichen Vorbereitung auf Ostern aussieht. Denn das ist ja der Sinn dieser Fastenzeit: Entdecken, was in mir die Lebendigkeit des Lebens verhindert, und fördern, was das Leben zur Fülle bringt, so wie es Jean Marie Vianney, der Pfarrer von Ars vorgelebt hat.

Musik V

Eine fruchtbringende zweite Hälfte der Fastenzeit wünscht Ihnen Schwester Ancilla Röttger aus Münster.

*Franz von Assisi, Brief an einen Minister, in: Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, Kevelaer 2009, S. 109.

Walter Nigg, Der Pfarrer von Ars, Freiburg i. Br. 1992, (S.46).

Ebd. S. 69.

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