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Kirche in WDR 4 | 18.10.2014 | 08:55 Uhr

Sei keine Schnecke!

Treffen sich zwei Schnecken am Waldrand, sagt die eine zur anderen: Wo hast du dir denn das blaue Auge geholt? Antwortet die andere: Stell dir vor, ich bin mit Vollgas durch den Wald gejoggt, da schießt plötzlich vor mir ein Pilz aus dem Boden.

Manchmal ist das Leben das reinste Schneckengeschäft. Flexibel und mobil soll man sein, nicht so langsam wie so ein Schalentier bitteschön, aber doch so als trüge man das Haus auf dem Rücken mit sich herum. Als sei man nirgendwo gebunden und überall einsetzbar. Der Soziologe Richard Sennett hat beschrieben, was aus dem Menschen wird, wenn er mit Vollgas durchs Leben joggt. Weil er sich an immer schnellere Arbeitsverhältnisse anpassen muss und stetig bereit sein soll, sich zu verändern. Er nennt diesen Charakter den flexiblen Menschen und das ist kein Kompliment. (1)

Der Mensch nämlich ist keine Schnecke, und er soll sich auch nicht zur Schnecke machen lassen durch das Diktat, allzeit bereit zu sein. Er hat nicht nur ein Haus, er hat ein Zuhause, zu dem es ihn zieht und das nicht mit ihm herumzieht. Er bewohnt sein Haus oder seine Wohnung zumeist nicht allein, sondern mit seiner Familie, mit den kleinen Kindern und manchmal auch mit den alten Eltern, für die gesorgt sein will. Zum Glück.

Aber auch wenn man sein Haus nicht auf dem Rücken hat, kann man sich verkriechen. Man kann sich in vielem verkriechen, nicht nur in seiner Wohnung. Man kann sich verkriechen in seiner Arbeit. Man kann sich verkriechen in seinem Privaten. Man kann sich verkriechen in seinem Frust. Man kann sich sogar verkriechen in dauernder Geselligkeit. Viele haben sich im Rückzugsmodus eingerichtet. Im öffentlichen Leben wird die Politikverdrossenheit Vieler beklagt. Im persönlichen ist es die Auffassung: Ich muss erstmal sehen, dass ich selbst klar komme. Vielleicht steckt wie bei der Schnecke ein Schutzinstinkt dahinter. Die Furcht umzukommen in der Schnelligkeit der Zeit und in der Unberechenbarkeit der Verhältnisse. Was ist morgen noch sicher, was heute selbstverständlich ist?

Es gibt in der Theologie einen lateinischen Ausdruck, mit dem der Schneckenmensch beschrieben wird: homo incurvatus in se – der in sich selbst verkrümmte Mensch. Ein Mensch, der auf sich selbst bezogen lebt, den Blick auf die anderen verliert. Ein Mensch, dessen Horizont am eigenen Bauchnabel endet, der nicht mehr geradeaus, geschweige denn zum Himmel zu schauen vermag. Martin Luther hat dies Verkrümmtsein als das wahre Wesen der Sünde erkannt, nicht die moralischen Verfehlungen, die wir gern Sünde nennen.

Sünde ist die Lebenshaltung „ich bin mir selbst genug“. Sie sucht „gottwidrig, verkrümmt und verkehrt alles (...) nur um ihrer selbst willen.“ Sie sucht Gott nicht um Gottes willen, den Anderen nicht um seinetwillen, sondern alles und alle sind Mittel zum Zweck für den eigenen Vorteil, das eigene Wohlbefinden. Der Clou ist, dass der homo incurvatus in se dies selbst noch nicht einmal merkt. Er meint es gar nicht böse. Er meint, so sei die menschliche Natur nun mal eingerichtet.

So ist die menschliche Natur aber nicht eingerichtet. Das ist falsch. Gott hat uns als Menschen geschaffen. Nicht als Schnecken, deren Natur es ist, sich in ihre Schale zu verkriechen. Wir haben Alternativen zum Rückzug, wenn wir uns unsicher und bedroht fühlen: heraus gehen, Kontakt und Unterstützung suchen, miteinander reden, sich verbünden mit anderen.

Das ist die Medizin, die uns von der Schneckenkrankheit heilen kann, von dem Wahn, in jeder Hinsicht flexibel zu sein und alles mit sich selbst ausmachen zu müssen. Wir können es uns nicht leisten uns voreinander zu verkrümeln, zu verkrümmen, zu verkriechen. Darum raus aus dem Schneckenhaus! Nicht mit Vollgas, langsam ist schnell genug.

Wie das gehen kann? Dafür beten und arbeiten. Ihre Pfarrerin Silke Niemeyer.

(1) Richard Sennett: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin Verlag. 1998

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