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Das Geistliche Wort | 03.08.2014 | 08:40 Uhr

Sein JA ist ein JA - und das tut gut.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!

„Worauf du dich verlassen kannst!“ --- Welch‘ ein barscher Ton. Sogar das Rufzeichen schlägt noch Alarm. „Worauf du dich verlassen kannst!"

Ich sehe ihn genau vor mir. Er sagt diesen Satz schon im Gehen. So über die kalte Schulter hinweg. Keine Spur von Zuwendung, stattdessen Mahnung und Drohung. Bei mir bleibt Herzklopfen bis zum Hals.

Aber diesen Satz kann ich auch anders sagen: „Worauf du dich verlassen kannst!“ – „Doch! Du kannst dich darauf verlassen!“ Wie hat sich hier die Stimmung verändert. Wir stehen uns gegenüber. Auge in Auge. Und dieser Augenblick verstärkt die eigentliche Aussage: Du kannst dich auf mich verlassen! Mein Ja ist ein Ja! Und als ob es noch eines äußeren Zeichens bedurft hätte, ergreift er meine Hände. Beglückender kann die Zuwendung für mich nicht sein. Da ist jemand, auf den ich mich verlassen kann. Da ist jemand, der zu seinem Wort steht, der mir Rückendeckung gibt, Sicherheit und Geborgenheit. In die Hand versprochen. „Du kannst dich auf mich verlassen“ –

Anspruchsvoller geht die Beziehung für den anderen aber auch nicht. Wer dies anbietet, hat diese Verlässlichkeit und Geradlinigkeit bei sich schon eingeübt. Der weiß, wie das geht: Rückendeckung geben und Geborgenheit. Zumindest in bestimmten Situationen: zu Hause und in der Familie, in der Nachbarschaft und im Freundeskreis, in Gruppen und Gemeinschaften und auf der Arbeit. „Du kannst dich auf mich verlassen!“ – ein Satz, der gut tut.

Musik I

Ja, dieser Satz tut gut: „Du kannst dich auf mich verlassen!“Wenn ich das höre, beruhigt das. Doch zugleich spüre ich: jetzt bin ich am Zug. Mein Vertrauen ist gefragt. Mein glaubendes Vertrauen. Wenn, dann muss dies meine Antwort sein.

Im letzten Jahr stand die Stadt Paderborn drei Monate lang im Zeichen einer großartigen Ausstellung. Sie führte die Kurzform dieser Antwort im Titel: Credo – Ich glaube.

Mit hochkarätigen Exponaten wollten die Kuratoren speziell der Christianisierung Europas auf die Spur kommen. Gleich zu Ausstellungs-Beginn das Highlight: ein Papyrus-Fragment aus dem 2. Jahrhundert mit einem Abschnitt aus dem Römerbrief des Apostels Paulus. Viele Male führte ich Besucherinnen und Besucher durch diese Ausstellung. Und jedes Mal bekam ich eine Gänsehaut, wenn ich vor diesem Textzeugnis stand. Zeitlich – ja und auch räumlich – so nah war ich noch nie an Paulus herangekommen. Es war jedes Mal so, als stünde er direkt vor mir, dieser wortgewaltige Missionar der jungen Kirche.

Das Fragment des Paulustextes stammt aus dem achten Kapitel des Römerbriefes, der mir inzwischen sehr viel bedeutet. Es heißt da:

„Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss: weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder der Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Röm 8,35-39)

Je öfter ich Paulus in diesen Wochen begegnete, desto tiefer drängte sich mir eine Frage auf: Was musste jemand in gut 50 Lebensjahren erlebt haben, dass er solche Sätze formulieren kann. Denn eins war klar: Hier blickt nicht nur einer zurück auf sein Leben, sondern er wagt zugleich einen Ausblick nach vorne. Hier reflektiert einer in aller Offenheit und Ehrlichkeit seine Lebenserfahrungen und riskiert einen Vorgriff auf die Zukunft. Dabei kommt Paulus zu einer unglaublich mutigen Erkenntnis: Mein Leben – so höre ich ihn zwischen den Zeilen sprechen – mein Leben ist keine Reihung von Zufällen. Meine Geschichte ist keine Zufallsgeschichte und Gott weit weg. Nein! Mein Weg bis hierher ist deutlich von Gott begleitet. Was ich tat oder dachte, was ich schrieb oder sagte, wohin ich ging, ritt oder fuhr: Ich weiß jetzt: Gott war immer an meiner Seite. Ich weiß jetzt: Er konnte und durfte mir meine Tiefen nicht ersparen. Meinen Weg musste ich selber gehen. Aber er ging mit. Und Paulus folgert kühn: ER geht auch weiter an meiner Seite.

Musik II

Liebe Hörerinnen und Hörer, ich finde, dass Paulus hier eine ungewöhnlich mutige Lebensdeutung gelingt, die Beispielcharakter hat. Paulus ermuntert jeden Leser seines Briefes: Schau her, dies ist mein Weg. Mag dein Weg von meinem noch so verschieden sein: eins bleibt gemeinsam: Gott ist auch mit dir unterwegs. Worauf du dich verlassen kannst!

Wie kann Paulus das sagen? Zwei Schlaglichter aus dem Leben des Apostels haben mir geholfen, eine Antwort zu finden.

Da ist erstens das Schlüsselerlebnis des gut dreißigjährigen Paulus.

Die Theologen nennen es kurz das Dasmaskusereignis des Paulus. Dieses Ereignis ist zur Redensart geworden, wenn es heißt, dass einer vom Saulus zum Paulus wird. Die Theologen schlagen vor, lieber von der Berufung des Paulus statt von seiner Bekehrung zu sprechen. Schon gar nicht kann von einem charakterlichen oder gar theologischen Unterschied vor bzw. nach Damaskus die Rede sein. Die Theologen wissen heute von Paulus, dass er dem österlichen Christus begegnet ist. Und die Begegnung mit dem Auferstandenen – wie auch immer sie sich ereignet hat – diese Begegnung hat ihn verändert. Sie hat seinen Blick geschärft, sie hat seinen Weg in die Zukunft erhellt und geklärt. So beginnt für Paulus ein langer und steiniger Weg, bis er schließlich zur Gruppe der Apostel stößt.

Das zweite Schlaglicht: Paulus ist der große wortgewaltige Missionar. Seine drei Missionsreisen führten ihn durch die damals bekannte Welt: durch den Vorderen Orient, durch das östliche Mittelmeer, durch die heutige Türkei und durch Griechenland. Seine letzte Reise schließlich brachte ihn als Gefangenen nach Rom. Unermesslich müssen die Leiden und Strapazen gewesen sein. Paulus spricht selber von Hunger und Durst, von Verfolgungen und Demütigungen, von Steinigung bis hin zur Gefangenschaft.

Warum nimmt jemand so etwas auf sich? Warum sagt er nicht schon recht bald: „Das war´s. So hab ich mir das nicht vorgestellt. Das muss ich mir nicht antun. Das habe ich nicht nötig. Ich kann mein Geld auch als Zeltmacher verdienen.“? Und Paulus wäre nur eine historisch unbedeutende Randfigur geblieben, wäre da nicht das eine gewesen, das ihn regelrecht gepackt hat, das ihn stark gemacht hat, das ihn davor bewahrt hat, aufzugeben.

Musik III

Paulus hat vor Damaskus gespürt: „Da ist etwas zwischen mir und meinem Gott. Etwas, das ich bis heute so noch nicht kannte. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben: Ich bin Gott nicht gleichgültig. Ihm liegt an mir. Ich bin ihm wohl nicht egal. Ja, ich kann mich auf ihn verlassen!“

So reflektiert und definiert Paulus seine Beziehung zu Gott neu. Paulus erkennt: Wenn ich an Gott glaube, muss das mehr sein, als dass ich überkommene Glaubenssätze für wahr halte. Diese alten Sätze sind mit Theologentinte geschrieben. Sie klingen und wirken oft blutleer. Mein Glaube ist Ausdruck der Beziehung zwischen Gott und mir. Gott hat mit meinem Leben zu tun. Einem Leben voller Herzblut. Paulus setzt auf diese Beziehung und er lässt sich ein auf das, was diese Beziehung zu Gott, zu Christus von ihm fordert. Er verlässt sich auf diesen Gott, der mit ihm durch sein Leben gehen will. Er spürt, dass dieser Gott alles zum Guten fügen wird.

Jetzt, 20 Jahre später, hält er Rückschau. Der Blick auf die vielfältigen und schillernden Erfahrungen zeigt ihm, dass er gut daran getan hat, sich auf diesen dialogischen Prozess mit Gott einzulassen. Doch nur die Erinnerung an das, was war, reicht ihm nicht. Paulus weiß: ein Leben, das auch in der Zukunft gelingen soll, braucht mehr als den Blick zurück. Paulus braucht eine Vision, die ihn nach vorne zieht, die ihn bei aller zukünftigen Bedrängnis durchhalten und nicht aufgeben lässt. Alles wird sich fügen. Darum lautet sein Credo von jetzt an: Ich kann mich auf Dich verlassen. Dein Ja ist ein Ja.

Musik IV

Paulus nimmt den Dialog auf. Er lässt sich auf Gott ein. Dieser Paulus mit seiner Lebens- und Glaubenserfahrung ermutigt mich, einzelne Erfahrungen oder auch ganze Abschnitte meines Lebens zu durchdenken, zu reflektieren, und sie durch die Brille einer möglichen Gottesbeziehung neu zu betrachten. Ausgangspunkt ist für mich dabei die Erkenntnis des Apostels: Wenn du dich auf eins verlassen kannst, dann auf dies: Gott ist an der Beziehung mit dir interessiert. Völlig absichtslos. Einfach geschenkt. Weil er es gut mit dir meint.

Ich habe bis heute gelernt, dass die schönsten, die beglückendsten Erfahrungen im Umgang miteinander die sind, die in echter Freundschaft und Liebe gipfeln. Das sind Erfahrungen, die genährt werden durch das gemeinsame Erleben und Durchleben von Trauer und Freude, von Verzweiflung und Hoffnung, vom Geschenk der Erfahrung gegenseitiger Geborgenheit. Jetzt muss ich – von Paulus angestoßen – für mich klären, ob und in welchem Maße Gott dabei eine Rolle spielt.

Für mich ist die Dankbarkeit Gott gegenüber ein starkes Band dieser persönlichen Gottesbeziehung: Ich bin zunächst froh und dankbar über mich selbst, dafür, dass ich in Beziehungen jedweder Art von mir überhaupt als ICH sprechen und mein Gegenüber als DU erfahren und benennen kann. Ich bin dankbar für den Lebenspartner und für die Familie, für Freundinnen und Freunde, die mich im Leben begleiten. Ich bin dankbar für helfende und heilende Gespräche und Auseinandersetzungen. Dankbar für erfahrene Nähe und Geborgenheit.

In diesen vielfältigen Beziehungen erkenne ich Gott an der Seite des Menschen(an meiner Seite?). Mit Glaubensmut deute ich mein Leben aus der Kraft Seines Geistes heraus: Der treue Gott ist für mich da. Er fügt mein Leben. Ich kann mich auf ihn verlassen. Sein JA zu mir ist und bleibt ein JA. Und das tut gut.

Musik V

Aus Paderborn verabschiedet sich Hermann-Josef Vogt. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

Copyright Vorschaubild: Pixabay Public Domain

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