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Kirche in WDR 5 | 16.08.2017 | 06:55 Uhr

Selig die Dementen!

Guten Morgen!

„Sind Sie wirklich mein Enkel?“ Meine Oma schaute mich zweifelnd an. „Aber ja, Oma. Schau mal, hier auf dem Bild sind doch Du und ich drauf zu sehen.“ „Achja, richtig!" Omas Blick ging leer zur Decke. Aber sie schien beruhigt. Die Pflegerin brachte das Essen und ich schob Oma an den Tisch. Ich fragte: „Sollen wir noch miteinander beten?“ „Ja... beten ist gut!“, kam die eher teilnahmslose Antwort. Ich begann mit: „Vater Unser im Himmel...“- und plötzlich ging ein Lächeln über Omas Gesicht, sie richtete sich auf - ihr fielen die weiteren Worte ein: „Geheiligt werde... Name... Reich komme. Wie im Himmel... so Erden..." Nach dem Amen strahlte sie mich an: „Siehst Du! Was man mal als junger Mensch gelernt hat, vergisst man nicht!“ Dann verfiel sie wieder in die vorherige Starre und wiederholte bald die Frage: „Sind Sie wirklich mein Enkel?“ Aber es klang nicht mehr ganz so zweifelnd wie beim ersten Mal.

Ich versprach ihr, bald wiederzukommen. Bei den nächsten Besuchen ging ich mit Oma über die Station spazieren. Dabei sangen wir ihre Lieblingslieder. Meistens alte Kirchenlieder, von denen sie noch die erste Strophe oder den Refrain konnte. Wenn ihr die Worte fehlten, sang ich umso lauter mit, bis sie wieder mitkam. Als Oma noch dementer wurde, schob ich sie mit dem Rollstuhl durch den kleinen Park. Oft schlief sie einfach in der Sonne, während ich still auf einer Bank neben ihr saß. Ich habe mich gefragt, warum ich das alles gemacht habe. Und wie ich den sichtbaren Zerfall eines geliebten Menschen ausgehalten habe. Überrascht stellte ich fest: So wie meine Oma mich als Kind an der Hand über die Straße geführt hatte, half ich ihr nun bei dem kurzen Weg, den sie noch vor sich hatte. So wie sie mir früher Schlaflieder vorgesungen hatte, sang ich jetzt mit ihr ihre Lieblingslieder. Es war die Dankbarkeit, die mir Kraft zum Aushalten und für die Pflege meiner Oma gab. Und dieses Gebet, das in der Bibel steht: „Gott, DU kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.“ (Psalm 139)

Ich glaube, dass bei Gott kein Tag meines Lebens, kein Wort und kein Gedanke verloren gehen. Auch dann nicht, wenn Erinnerungen verblassen und die geistigen Kräfte abnehmen. Weil Gott mich schon im Mutterleib kennt, hört und versteht. Gott kennt mich auch dann noch, wenn mich niemand mehr kennt und ich mich an nichts mehr erinnere. Ich habe durch meine Oma in ihren letzten Lebensjahren viel über den Umgang mit Demenz gelernt: Geduldig zu sein. Auch bei wiederholten Fragen. Nicht zu korrigieren, nicht recht haben zu wollen - sondern sich als Gast in die Welt des anderen zu begeben. Herauszufinden, was wirklich dran ist, was gut tut. In Omas Fall waren es vor allem die vertrauten Lieder, Psalmen und Gebete, die sie in der Kindheit gelernt hat und an mich weitergegeben hat.

Eine Schatzkiste voller Trostworte, die nie ausgehen.

Ihr Pastor Sebastian Begaße aus Dortmund

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