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Das Geistliche Wort | 07.06.2015 | 08:40 Uhr

Sensus und Sinn

Ein bisschen musste ich schon schmunzeln… Da hat mir vor ein paar Tagen ein sechzehnjähriger Firmbewerber erzählt, die Firmvorbereitung sei für ihn ja schon eine gute Zeit gewesen – aber den Sinn des Lebens habe er trotzdem noch nicht gefunden!

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!

Sinn des Lebens – das klang aus dem Mund eines Jugendlichen recht pathosgeladen. Klar, die Jugend ist das Lebensalter, wo es um die „großen Fragen“ geht. Das weiß nicht nur ein in der Jugendarbeit engagierter Gemeindepfarrer wie ich, sondern jeder, der mit Jugendlichen zu tun hat. Jugendliche müssen sich den eigenen Standpunkt im Leben noch erobern ist, und vieles – wenn nicht alles – darf grundsätzlich hinterfragt werden. Auch der „Sinn des Lebens“!

Okay, „mein“ Firmbewerber hatte Fragen und erwartete andere Antworten als die Sakramentenvorbereitung gegeben hatte. So kamen wir dann schnell in ein ziemlich intensives existentielles Gespräch. Er hat von seinen Zweifeln erzählt, die ihm das Glauben schwer machen. Er sprach davon, wie schwer es ist, sich zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten und Wertesystemen zu entscheiden. Was ist richtig, was ist falsch? Und in dem ganzen Gespräch spürte ich eine große Sehnsucht nach einem Sinn, der doch alles irgendwie zusammenhält. Mich hat die Ernsthaftigkeit beeindruckt, mit der er seine persönliche Sinnsuche mir gegenüber ins Wort brachte.

Liebe Hörerinnen und Hörer, die meisten von ihnen sind wahrscheinlich keine Jugendlichen mehr. Aber vielleicht haben Sie ja auch noch ein paar von diesen großen Fragen!? Es geht ja immer wieder darum, dem eigenen Leben Richtung und Ziel zu geben. Vielleicht gehören Sie ja auch noch zu den Sinn-Suchern. Vielleicht gab es Momente, die Sie derart aus der Bahn geworfen haben, dass sie am Sinn Ihres persönlichen Lebensentwurfes gezweifelt haben. Verlusterfahrungen, Krankheit oder Tod: darin einen Sinn zu finden, ist in jedem Lebensalter eine Herausforderung.

Dabei muss nicht jede Sinn-Frage gleich vor Pathos triefen. Die britische Comedy-Truppe „Monty Python“ zum Beispiel hat der großen Frage nach dem Sinn des Lebens eine schreiend komische Kino-Revue mit Tiefgang gewidmet: The Meaning of Life:

Musik 1: Monty Python „The Meaning of Life“

Der Sinn des Lebens: die Frage nach dem großen Ziel und der großen Richtung. Das Gespräch mit dem Firmbewerber ist mir nachgegangen. Zunächst habe ich versucht, mir klar zu machen, was das Wort Sinn überhaupt bedeutet. Das ist nicht so ganz einfach. Dieses kurze, verknappte, einsilbige Wörtchen „Sinn“ oszilliert zwischen verschiedenen, miteinander verwandten, aber doch gegensätzlichen Bedeutungsdimensionen. In ihm schwingen Sinnlichkeit und Emotion ebenso mit wie Sinnhaftigkeit und Vernunft.

Freude an diesem Facettenreichtum des Wörtchens Sinn hatte auch die englische Dichterin Jane Austen. Sie gab ihm das Angesicht von zwei Schwestern. In ihrem großen Roman „Sense and Sensiblity“ schildert sie das Leben zweier ziemlich ungleicher Schwestern: Elinor und Mariane Dashwood. Elinor tut nur das, was sie für sinnvoll hält, während Marianne sich ganz der emotionalen Wucht ihrer Sinneseindrücke hingibt. Sense and Sensibility. Zu Deutsch müsste der Roman „Sinn und Sinnlichkeit“ heißen, aber damals wählte die Übersetzung den Titel „Verstand und Gefühl“. Da schwingt das Verbindende gar nicht mehr mit. Die gemeinsame Wortwurzel ist gekappt. Und leider leidet auch der Roman darunter, dass Elinor nur vernünftig und Marianne nur gefühlig ist. Die viktorianisch-sittenstrenge Jane Austen konnte diese Dimensionen von Sinn wohl nur als Entweder-Oder darstellen. Wobei dann schnell das eine gegen das andere ausgespielt wird.

Ich sehe das anders: Vielleicht liegt bei der Suche nach dem Sinn des Lebens die Erfüllung genau in der Verbindung von Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit. Von Emotionalität und Vernunft. Gefühl und Vernunft dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Nur im geordneten Zusammenfinden von Sensus und Sinn findet der Mensch zu sich selbst.

Musik 2: L. v. Beethoven „Et homo factus est“ aus der Missa Solemnis

Ein Lebensentwurf, der trägt, muss Sensus und Sinn zusammenbringen – da bin ich mir sicher. Es braucht diese große Klammer von Gefühl und Verstand. Das eine geht nicht ohne das andere. Sonst wird es pathologisch.

Viele Beispiele für ein solches Verständnis von sinnlich-sinnhaftem Leben gibt mir die Bibel. Das geordnete Zusammenspiel von Gefühl und Verstand zieht sich durch die gesamte Beschreibung der biblischen Figuren. Mich beeindruckt einerseits immer wieder, wie offen und angstfrei die emotionalen Triebkräfte der biblischen Figuren dargestellt werden: Gier, Feigheit, Geltungsdrang. Aber demgegenüber steht auch immer das Bemühen, die eigenen Wahrnehmungen, Antriebe und Gefühle zu verstehen, zu bewerten und zu beherrschen.

Ganz oft geht es in den Geschichten sogar um genau das: die Balance zwischen Gefühl und Verstand zu finden und zu halten. Und wo das nicht gelingt, scheitern der Mensch.

Gleich in der Genesis findet sich das in der Geschichte des ungleichen Bruderpaars Kain und Abel.

Der heftige, unkontrollierbare Zorn Kains treibt ihn zum Brudermord. Kain läßt sich ungeschützt von seinen Emotionen leiten, und erhält entsprechend von Gott die Mahnung, den Verstand einzuschalten! Gott sagt:

Sprecher:

„Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick? Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!“ (Gen 4,6-7)

Kain kann den Sinn dieser Unterscheidungsaufgabe weder verstehen noch annehmen. Er findet die Balance nicht. Die Gewalt seiner Gefühle ist stärker. Und so erschlägt er den Abel im Affekt.

Musik 3: C. Taylor „The Willisau Concert“

Sinnlicher Impuls und sinnvolle Selbststeuerung: diese Balance zu finden für einen sinnerfüllten Lebensentwurf - das scheint mir ein auffällig häufiges Thema in den biblischen Geschichten.

Jesus hatte ein gutes Gespür für diese Balance und spürte sofort, wenn diese innere Balance fehlte. Er besaß einen Sensus dafür, welche Voraussetzungen, Gefühle und Handlungsimpulse seine Gesprächspartner mit ins Gespräch brachten. Und verstand es, seinen Gesprächspartnern diese Voraussetzungen bewusst zu machen und einen Weg zu zukünftiger Entfaltung aufzuzeigen.

Sinnfällig, im Wortsinn, wird das bei der Heilungsgeschichte des blinden Bartimäus. Dieser ist Bettler und sitzt zunächst lethargisch am Wegesrand – bis Jesus kommt. Jesus spürt sofort, dass Bartimäus zwar der Seh-Sinn als Wahrnehmungsfunktion fehlt, das sinnliche Verlangen nach dem Sehen bei ihm aber gewaltige Energien freizusetzen in der Lage ist. Diese Energie artikuliert sich zuerst in lautem Rufen, dann in noch lauterem Schreien. Schließlich springt Bartimäus auf, läuft auf Jesus zu und sagt den Satz, der seiner Energie ein neues Ziel, einen neuen Sinn gibt:

Sprecher:

„Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.“ (Mk 10,51b).

Und die Heilung ist nichts anderes als die Wiederherstellung der inneren Balance: Der Bettler Bartimäus kann nun buchstäblich sehen, was in ihm steckt.

Musik 4: L. Armstrong: What a wonderful world

Jesus, der den Menschen in die Balance bringt von Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit, von Emotionalität und Vernunft: vielleicht kristallisiert sich dies an keiner Person so klar wie an der Figur des Petrus. Die Evangelisten beschreiben ihn als aufbrausend, vorlaut, affektgesteuert. Kein Wunder, dass er zunächst beteuert Jesus niemals verleugnen zu wollen, und dann aber seiner Angst nicht entgegensetzen kann und seinen Herrn verrät – beim Hahnenschrei…

Aber genau diesem Petrus gibt Jesus einen geistlichen Impuls mit auf den Lebensweg:

Sprecher:

„Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ (Mt 16,18).

Gerade diesem Wankelmütigen spricht Jesus zu, Garant der Stabilität zu werden. Gerade, weil er um das große Potenzial von ihm weiß, traut er ihm zu, sich die andere Dimension zu erschließen. Ein Zuspruch, der lebensverändernd wird: aus Simon wird Petrus, der Fels. Ein auf seine Art gefestigter Mensch, der den Sinn in seinem Leben gefunden hat, die richtige Balance von Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit.

Der junge Firmbewerber, von dem ich anfangs erzählt habe, sucht weiter nach dem Sinn des Lebens. Und ich denke, er macht das ganz richtig. Er geht aus von seiner eigenen Selbstwahrnehmung, von seinen Zweifeln, seiner Verunsicherung, seiner Sehnsucht. Und er diskutiert seine Fragen und Überlegungen mit anderen Menschen, offen und aufmerksam, versucht Sensus und Sinn so zusammen zu bringen, dass er sein Leben als sinnvoll erkennen und bejahen kann.

Ich wünsche Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, dass Sie einen guten Sensus für ihre Gefühle und Impulse haben, und dass Sie dem einen Sinn geben können, der Sie und Ihre Welt sinnvoller werden lässt. Alles Gute und Gottes Segen wünscht Ihnen Frank Hendriks aus Aachen.

Copyright Vorschaubild: Pixabay

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