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Kirche in WDR 5 | 18.10.2017 | 06:55 Uhr

Shabbat

"Ach, hören Sie mir doch auf mit der Bibel!", so hat mich einmal jemand angeraunzt, der offensichtlich den Zugang zur Bibel verloren hatte. Seine Gründe dafür? Kenne ich nicht. Sicher aber ist: Die Bibel macht es einem auch nicht immer leicht, sie zu verstehen oder einen Bezug zum Alltag zu entdecken. Viele meinen, dass gerade das Alte Testament hier ein besonders schwerer Brocken sei.

Ein letztes Mal für diese Woche will ich gerade deshalb beim Alten Testament bleiben und einen weiteren Versuch der Annäherung unternehmen. Dabei geht es ums vergleichende Lesen. Das dürfen Sie als Bibellesende, ja: das müssen Sie sogar. Denn: Immer wieder treffen Leserinnen und Leser in der Bibel auf Doppelungen. Diese fordern geradezu zum Vergleich heraus. Das Spannende sind dann die Unterschiede. Ein Beispiel: das Shabbatgebot, das Sie auch zweimal, nämlich im Zweiten und im Fünften Buch Mose finden. Also das vielleicht zentralste rituelle Gesetz der jüdischen Religion, nämlich den 7. Tag der Woche zu heiligen, den Shabbat.

Dass das Judentum bereits zwei Jahrtausende vor der Aufhebung der Sklaverei einen arbeitsfreien Tag pro Woche einführt, darf religionsgeschichtlich als Revolution gelten. Denn auch die Sklaven sollten an diesem Tag ausruhen! Und das verlangte nach einer Begründung. Genau hier unterscheiden sich die beiden Fassungen. Das zweite Buch Mose, also Exodus 20, argumentiert von Gott her: Weil dieser nach dem Glauben der Bibel die Welt in sechs Tagen geschaffen und am siebten Tag geruht hat, soll der Mensch, der an diesen Gott glaubt, ihn nachahmen. Damit liefert das Zweite Buch Mose eine Begründung jenseits des menschlichen Nützlichkeitsdenkens und aller sogenannten Sachzwänge. Dass alle Menschen einen freien Tag geschenkt bekommen, drückt also etwas aus von dem absichtslosen Interesse am Menschen selbst, das die Bibel allein mit Gott verbindet. So wird das Shabbatgebot zur Anfrage an uns: Woher nehmen wir die Maßstäbe für unser Handeln gegenüber unseren Mitmenschen? Und sind diese nicht eher zu klein und interessengeleitet, um wirkliche Maßstäbe zu sein?

Und jetzt die Doppelung: Im fünften Buch Mose, also in Deuteronomium 5 findet sich tatsächlich noch einmal eine Begründung für dieses zentrale Gebot. Aber hier wird ganz anders argumentiert – ganz ohne Schöpfung: "Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du. Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich der Herr, dein Gott, … herausgeführt." Israel hat Befreiung erfahren, und diese Freiheit soll wenigstens einmal in der Woche für alle erlebbar sein. Hier wird der Shabbat aus der Geschichte des Gottesvolkes abgeleitet. Es wird zu einem Zeichen der erfahrenen Solidarität Gottes in Zeiten der Unterdrückung, die nun weiter gegeben werden soll. Diese soziale Begründung des Shabbatgebots ermutigt, andere an eigenen guten Erfahrungen und damit möglicherweise an Gotteserfahrungen teilhaben zu lassen.

Sie merken an diesem zentralen Gebot: Die Bibel bietet nicht Einheitsantworten. Alle, die einfache Antworten suchen, werden das Buch vielleicht frustriert in die Ecke schleudern. „Hör mir auf mit der Bibel“. Für mich wird es dadurch aber gerade erst spannend. Allein durch den Vergleich von Doppelungen zeigen sich verschiedene Zugänge – zu Fragen des Lebens und zur Frage, welche Rolle Gott darin spielt....denn auch jedes Leben bietet meist mehr als eine Lesart. Das macht die Bibel für mich so lebensnah.

Das Sie diesen geschenkten Tag gut verleben, - auch wenn er leider kein Shabbat ist - das wünscht Ihnen Gunther Fleischer aus Köln.

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