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Kirche in WDR 5 | 03.02.2015 | 06:55 Uhr

Sich das Leben nehmen

Guten Morgen! Es ist ein sehr altes Spiel. Über hundert Jahre alt.* Meine Großmutter hat es mir beigebracht, als ich klein war. In der Schulzeit habe ich es mit anderen Kindern gespielt. Dann gab es eine lange Pause – bis die eigenen Kinder in dem Alter waren, dass man es mit ihnen spielen konnte.

Teekesselchen! Oder anders gesagt: Ein Wort, zwei Bedeutungen.

Da ist zum Beispiel der Hahn. Jener, der auf dem Mist kräht. Und jener, der tropft, wenn er nicht richtig zugedreht ist. Oder das Schloss. Jenes, mit dem man sich einschließen kann und jenes, das Königinnen oder Prinzen beherbergt.

Ist unsere Sprache nicht wunderbar, dass ein und dasselbe Wort ganz verschiedene Bedeutung haben kann?

Schon lange geht mir ein ziemlich komplexes Teekesselchen nicht mehr aus dem Kopf. Mit zwei so ganz gegensätzlichen Bedeutungen:

Es steht im ersten Satz in einem meiner Lieblingsbücher: „Am 11. November 1997 entschied Veronika, jetzt sei es – endlich – an der Zeit, sich das Leben zu nehmen.“

Eine Frau. Ein Datum. Und eine nicht lebensbejahende Entscheidung. Veronika will sich das Leben nehmen – es sich wegnehmen, es einfach beenden. Mit einer Vielzahl von Tabletten! Als Leser erfährt man nicht, warum Veronika diese Todessehnsucht hat. Paulo Coehlo, der Autor, lässt im Dunkeln, warum sie nicht mehr leben will. Aber das ist für die Umwelt ja oft nicht nachvollziehbar und ganz schrecklich zu erleben, dass sich da einer das Leben genommen hat. Es ist schrecklich, wenn jemand diesen Tunnelblick hat und keinen Ausweg mehr sieht. Entsetzlich für die Angehörigen und Freunde. Noch entsetzlicher für denjenigen, der sich nur noch selber töten, sich das Leben nehmen will.

Veronikas Suizidversuch jedenfalls scheitert glücklicherweise, und sie wacht in einer psychiatrischen Klinik wieder auf. Dort wird ihr eröffnet, dass sie aufgrund der Tablettenüberdosis innerhalb einer Woche an den Spätfolgen sterben wird. Und nun bekommt das nicht regelgerechte Teekesselchen seine ganz andere Bedeutung: Denn nun beginnt Veronika – endlich - sich das Leben zu nehmen. Sie beginnt auszugreifen nach der Fülle des Lebens: Sie geht in Kontakt mit anderen Patienten. Verliebt sich. Nimmt die Schönheit des Lebens wahr. Kann endlich voll ausgreifen nach all dem Wunderbaren, das das Leben zu bieten hat. Beginnt endlich „Leben zu wollen“. Wie gut, dass der behandelnde Arzt Veronika mit der Ankündigung des baldigen Todes nur aus der Reserve locken wollte – sie muss noch lange nicht sterben. Darf sich das Leben weiter nehmen und es feiern und genießen.

Mir macht dieses Teekesselchen bewusst, wie oft ich mir selbst das Leben nehme, im Sinne von: Es mir selbst wegnehme, es mir abschneide, nicht in seiner ganzen Fülle lebe. Ich ertappe mich dabei, dass ich Dinge tue, die mir nicht gut tun. Dass ich falsche Prioritäten setze und meine Tage manchmal wie „ungelebt“ verstreichen lassen. Von Termin zu Termin hetze und nicht sehe, wie wunderschön meine Umwelt ist und welche wunderbaren Menschen mir begegnen.

In einem Psalm wird Gott mit den Worten gelobt: „Du tust mir kund den Weg zum Leben.“ (Psalm 16,11)

Ja, Gott, zeige mir den Weg, auf dem ich mir das Leben nehmen kann. Es in seiner ganzen Fülle auskoste. Von Herzen gern. Mein kostbares Leben. Dein großartiges Geschenk!

Dass auch Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer, heute ausgreifen nach der Fülle des Lebens wünscht Ihnen am heutigen Tag Claudia Kiehn, Pfarrerin aus Münster!

* 1896 erstmals dokumentiert.

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