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Kirche in WDR 2 | 06.05.2014 | 05:55 Uhr

Sitzmöbel sind Denkmöbel

Das wichtigste Möbel für mich – ist natürlich das Bett. Denn wenn ich nicht gut geschlafen habe, ist schon der nächste Tag verdorben. Da leide nicht nur ich selber darunter, sondern manchmal auch mein Umfeld. Ich hoffe jedenfalls, dass Sie gut geschlafen haben – denn das tut Ihnen heute gut und Ihren Mitmenschen sicherlich auch.

Das zweitwichtigste Möbel aber ist – ein Sitzmöbel. Und darüber lohnt es sich nachzudenken. Ob Stuhl oder Sessel: auch die müssen bequem sein. Denn so viele Tätigkeiten mache ich ja im Sitzen. Und wenn dann der jeweilige Sitz unbequem ist, sind bei mir nicht nur Rückenschmerzen vorprogrammiert, ich kann mich dann auch nur schwerlich konzentrieren und werde umso schneller müde.

Sitzmöbel sind Denkmöbel. Das haben Kulturwissenschaftler sogar festgestellt. Die ersten Sitzmöbel entstanden im Zusammenhang mit der buchstäblichen „Sesshaftwerdung“ des Menschen. Der Kulturhistoriker Hajo Eickhoff sagt: „Die Erfindung des Stuhls … ist an den Beginn der Selbstreflexion des Menschen und seiner Suche nach Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Daseins geknüpft.“

Wenn man sitzt, heißt das also nicht, dass dadurch alles zur Ruhe kommt. Äußerlich mag das sein. Aber das Sitzen eröffnet zugleich die Möglichkeit innerer Bewegung, also des Nachdenkens. Ich kenne das: Wenn ich mich einmal hingesetzt habe, kann ich ganz schön unruhig werden, je nachdem was mir dann so durch den Kopf geht: Mir fällt ein, was ich heute noch alles zu erledigen habe und was ich vergessen habe, und – was noch viel schlimmer ist: es kommen auf einmal Fragen, Zweifel und Sorgen hoch, von denen ich längst dachte, dass sie bewältigt wären oder vielleicht verdrängt.

Verrückt: Was ein Stuhl oder Sessel so alles bewirken kann – gedankliche Bewegung bei körperlicher Sesshaftigkeit, innere Unruhe bei äußerer Ruhe.

Übrigens: Mein Denkmöbel, wenn man so will, ist der Sessel in meiner Klosterzelle in Duisburg Hamborn. Lange habe ich nach ihm gesucht, bis ich ihn gefunden habe, passend und bequem. Hier sitze ich gerne, um zu lesen, zu ruhen und auch um nachzudenken. Äußerlich beruhigt können meine Gedanken dann durchaus abschweifen und mich innerlich bewegen oder auch beunruhigen. Und egal was da so alles in mir hochkommt an Schönem und Hässlichem, an Freude und Trauer, an Sicherheit und Ängsten: Es ist doch gut, genau so einen Platz zu haben, wo all das, was mich bewegt, wirklich bedacht werden darf und wo meine Gedanken sich frei bewegen und entfalten dürfen. Es geht um einen Ort, wo ich äußerlich wie innerlich gut aufgehoben bin, so wie in einem bequemen Sessel. Genau dieses Aufgehoben sein beschreibt ein uraltes Gebet aus dem Buch der Psalmen (Ps 139,2-5):

„Ob ich sitze oder stehe, du, Gott, weißt von mir. Von fern erkennst du meine Gedanken. Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt; du bist vertraut mit all meinen Wegen. Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge – du, Herr, kennst es bereits. Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.“

Das wär’s doch: Sesshaft – also aufgehoben zu sein in Gott, wo Ruhe und

Unruhe, Stillstand und Bewegung in eins fallen, wie in einem bequemen Sessel.

*Hajo Eickhoff, Sitzen, in: Christoph Wulf (Hrsg.) Vom Menschen. Handbuch Historische Anthropologie, Weinheim, Basel 1997, 489-500, hier S 490.

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