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Sonntagskirche | 17.07.2016 | 08:55 Uhr

So viele Sommer

Guten Morgen! „Wie viele Sommer mag es noch geben?“ fragt Reinhard Mey in einem seiner neuen Lieder. „So viele Sommer mit dir verbracht, mit dir geliebt und geweint und gelacht. Lass uns den Sommertag heut‘ glücklich leben.“

Wie erschreckend schnell so ein Lied auf einmal aktuell werden kann. Da waren wir am Donnerstag noch als Geschwister zu einem Familientreffen zusammen, haben miteinander geredet, gelacht und gegessen, Erinnerungen ausgetauscht und Zukunftspläne geschmiedet. Nur zwei Tage später erhalten wir die Nachricht: Mein Schwager hat einen schweren Fahrradunfall. Gehirnblutungen. „Wie viele Sommer mag es noch geben?“

Das Lied „So viele Sommer“ ist eine Liebeserklärung des 73jährigen Mey an seine Frau und zugleich eine Aufforderung: Lebt im Hier und Jetzt. Nutzt die geschenkte Zeit. „Alle guten Dinge müssen enden“ singt Mey. Dabei verklärt er die gemeinsam geschenkte Zeit nicht als lauter glückliche Momente, sondern spricht auch von den Tränen und Niederlagen, von den schlaflosen Nächten und den Ängsten und Sorgen. Das Leben bietet uns eben beides: lachen und weinen. Dabei überstrahlt die Liebe für den Liedermacher alles im Leben. Reinhard Mey geht es dabei vor allen Dingen um die mitmenschliche Liebe, wenn er singt: „Die einzige Zuflucht liegt doch darin, einander Trost und Wärme zu geben.“

Aber es gibt noch eine Liebe, die alles übersteigt und an die wir uns halten können, wenn einmal keine menschliche Hand an unserer Seite ist. Wenn wir Wege allein gehen müssen. Auf jeder Beerdigung und am offenen Grab erzähle ich von Gottes Liebe, von seiner Hand, die mich nicht loslässt. Ich gebrauche Worte der Bibel. Da heißt es: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben (Johannes 3,16).“ Damit wir Gottes Liebe hier auf Erden spüren können, damit wir uns nicht ganz im Schmerz und im Dunkel verlieren, hat Gott Jesus in die Welt geschickt. Gottes Liebe ist so groß – sie trägt selbst durch den Tod. Das ist die Botschaft, die von Jesu ganzen Leben und Sterben Jesu ausgeht.

Ich erzähle von Jesus Christus, der Gottes Liebe in die Welt getragen hat. Damit ich mich daran wärmen kann und anderen wie ein Licht im Dunkeln sein kann.

Ermutigend und hoffnungsvoll beendet Reinhard Mey sein Lied mit dem Satz: „Bewahr‘ das Licht aus diesem Sommertag für den Wintertag, der getrost kommen mag!“

Mit ähnlichen Worten hat es der Urvater des jüdischen und christlichen Glaubens Mose einmal in einem Gebetslied auf den Punkt gebracht: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden (Psalm 90, Vers 12 nach Luther).“ Wie viele Sommer mag es noch geben? Wir haben nichts in der Hand, und wie schnell alles ganz anders sein kann, haben wir in unserer Familie in diesen Tagen wieder einmal hautnah erleben müssen. Da saßen wir noch zusammen und schwelgten in Erinnerungen, sind die alten Wege noch einmal miteinander gegangen, und nur zwei Tage später ist alles anders. Mein Schwager ist nicht mehr ansprechbar. Nicht mehr erreichbar für uns.

Genießen Sie das Heute und kosten Sie den Tag aus. Einen Sonntag mit offenen Augen und tiefen Erfahrungen wünscht Ihnen Ihr Pastor Siegfried Ochs aus Kierspe.

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