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Das Geistliche Wort | 17.01.2016 | 08:35 Uhr

„Soli Deo Gloria“

Einen schönen guten Morgen! Dorothee Haentjes-Holländer ist mein Name. Ich lebe als freiberufliche Autorin in Bonn.

Was ist der Sinn des Lebens? Zugegeben – eine ziemlich anspruchsvolle Frage, die eigentlich kaum mit einem Satz zu beantworten ist. Aber einer der großen Künstler des 18. Jahrhunderts, ein Musiker, konnte diese Frage ganz klar für sich beantworten, in wenigen Worten: „Soli Deo Gloria“ – „Allein Gott zu Ehren“. Mit diesem Satz unterzeichnete Johann Sebastian Bach seine Werke.

Nicht nur deswegen fasziniert mich Bach. Er bewegt mich emotional: Die pralle Freude seiner tönenden Pauken und schmetternden Trompeten reißt mich mit. Und das tiefe Leid in der Musik seiner Passionen bestürzt mich.

Johann Sebastian Bachs Werk ist ein Kosmos mit Tausenden Facetten. Ludwig van Beethoven, ebenfalls ein Supertalent der Musik, hat gesagt: „Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen, wegen seines unendlichen, unausschöpfbaren Reichtums von Tonkombinationen und Harmonien.“

Bachs musikalische Werke kennt die Forschung gut. Aber über die Person, den Menschen Johann Sebastian Bach, weiß man nur wenig. Eine Reihe von Schlagworten versucht ihn zu charakterisieren: Bärbeißiger Workoholic, der sich gerne mal mit seinen Vorgesetzten anlegt, oder begnadeter Esser und Genießer. Schlagworte aber sind nun mal Verkürzungen. Wahrscheinlich kommt man dem Menschen Bach am nächsten, wenn man ihn durch seine Musik sprechen lässt.

Musik I: Weihnachtsoratorium Chor „Jauchzet, frohlocket!“

Aus Bachs Notenblättern geht zwar hervor, zu welchen Anlässen seine Kompositionen bestimmt waren. Aber eine Datierung ihrer Entstehung – die hat er sich erspart. Bach lieferte als Auftragsmusiker seine Kompositionen pünktlich ab. Auf weitere Datierungen legte er keinen Wert.

Spätestens seit seiner Berufung zum Thomaskantor in Leipzig wusste Johann Sebastian Bach sehr genau, dass er ein herausragender und für seine Zeit innovativer Komponist war. Damit hätte er allen Grund gehabt, stolz zu sein und für seinen Nachruhm zu sorgen. Aber ganz offenkundig wollte er das nicht. Er wollte keinen Kult um seine Person. Er hatte ein ganz anderes Ziel vor Augen: die Entdeckung einer „wahren“, „universellen“ Musik. Anders formuliert: Die Präsenz Gottes in der Musik zu verdeutlichen – das war für ihn die Aufgabe seines Lebens. Er war überzeugt: Diese Aufgabe war ihm zugefallen durch sein außergewöhnliches musikalisches Talent – und diese Aufgabe setzte er mit großem Nachdruck durch. Deswegen keine Namenssignatur, kein Datum, sondern die einfache Formel: „Soli Deo Gloria“, „Allein Gott zu Ehren“. Eine kurze Formel, die aber für Bach Lebensaufgabe war, eine Aufgabe, so groß, dass für Weltliches wie Datierungen kein Platz blieb.

Musik II: Brandenburgisches Konzert Nr. 1, F-Dur, BWV 1046

1. Satz Allegro

„Allein Gott zu Ehren!“ – so lautet Bachs Lebens- und Arbeitsmotto. Das spiegelt sich vor allem in seinen Kantaten wieder, die er für jeden Sonntag komponieren musste. Kantaten sind so etwas wie eine musikalische Auslegung der biblischen Texte an dem jeweiligen Sonntag. Für den heutigen Sonntag hat Johann Sebastian Bach die Kantate geschrieben: „Mein Gott, wie lang, ach lange“. Das war vor genau 300 Jahren. Damals war Bach noch Konzertmeister in Weimar. Die vorgeschriebenen biblischen Texte für diesen Sonntag sind die Erzählung der Hochzeit zu Kana und ein Ausschnitt aus dem 1. Korintherbrief des Apostels Paulus. Gerade im Paulustext geht es um die unterschiedlichsten Fähigkeiten und Begabungen, mit denen man Gott loben kann. Jede dieser Begabungen ist von Gott gegeben und ist eine Gnade. Genau diese Gnade der Begabungen, von der Paulus spricht, kommt gleich auf zwei Ebenen in der Kantate zur Geltung: in Bachs Musikkomposition und im Text. „Mein Gott, wie lang, ach lange“ beschreibt die Sehnsucht der Menschen nach dem Messias und greift das unerkannte Handeln Jesu auf, als er bei der Hochzeit zu Kana sein erstes Wunder wirkt. Abgesehen von seiner Mutter und seinen Jüngern dämmert dort nämlich noch niemand, dass es mit diesem Menschen etwas Besonderes auf sich haben könnte. Die Menschen sehnen sich zwar nach dem Messias – aber noch gibt Jesus sich nicht als Sohn Gottes und als Messias zu erkennen.

Bachs Kantate „Mein Gott, wie lang, ach lange“ ist die sinnlich wahrnehmbare Umsetzung der biblischen Texte in Musik. Beides, Text und Musik, dient der Ehre Gottes: „Soli Deo Gloria“. Und beides zu gestalten gelingt durch die Gnade der künstlerischen Begabungen.

Musik III: Violinkonzert a-moll, BWV 1041

3. Satz Allegro assai

Soviel weiß man heute über Johann Sebastian Bach: Er war sich seiner Begabung absolut bewusst. Und er hat sie zu dem Zweck eingesetzt, den er als den einzig sinnvollen ansah: nämlich – allein Gott zu ehren. Das klingt nach einer großen beruflichen und menschlichen Erfüllung.

Bach war ein Ausnahmetalent – darüber gibt es wohl kaum einen Zweifel. Allerdings war er nicht der einzige Mensch mit einem besonderen Talent – damals wie heute. Wie aber sieht es mit den Talenten der vielen anderen Menschen aus? Oder genauer: Was ist mein Talent, und kann ich es für eine größere Sache einsetzen?

In meiner Kindheit und Jugend habe ich eine Frau kennengelernt, die auf den ersten Blick nicht die geringste Ähnlichkeit mit Johann Sebastian Bach hat. Vielleicht aber auf den zweiten Blick.

Sie hieß Gusti – „Et Justi“, wie man in meiner Heimatstadt Köln sagt. Wo immer es in unserer Pfarrei etwas zu tun gab, war Gusti dabei. Sie buk Reibekuchen auf der Pfarrkirmes und sie schenkte Kaffee beim Altennachmittag aus. Sie schmierte Brötchen für die Karnevalssitzung und sie hatte einen Stand beim Adventsbasar. Selbstverständlich kam sie auch zu Besuch, wenn jemand krank war oder einen Trauerfall hatte.

Das alles klingt ganz anders, als das Komponieren und Schaffen von Bach.

Eine kleine Parallele aber gibt es zwischen Gusti und dem legendären Bach vielleicht doch: Ihre große Leidenschaft und ihre besondere Begabung war nämlich ebenfalls die Musik.

Im Gegensatz zu Bach war Gusti Autodidaktin. Anhand von Schallplatten brachte sie sich selbst das Notenlesen und sogar das Dirigieren bei. Dafür „brannte“ sie.

Gusti war mitreißend und motivierend. Und sie war tatkräftig. Mitte der 70er Jahre leitete sie in unserer Pfarrei unversehens einen Kinderchor von etwa 50 Kindern. Und sie gründete ein mit vielen Instrumenten bestücktes Orfforchester, in dem auch ich mitspielte. Chor und Orchester gestalteten zahlreiche Kindermessen. Jedes Kind war bei Gusti willkommen. Auch „die Brummer“. Die wurden bei Messen sogar in der ersten Reihe platziert! Auf diese Weise konnte Gusti ihnen an heiklen Stellen freundlich zuraunen, jetzt mal gerade still zu sein.

Auf diese Weise sangen – oder brummten –, flöteten, triangelten, orfften wir uns unter Gustis Leitung mit viel Spaß durch das Kirchenjahr.

Musik IV: Brandenburgisches Konzert Nr. 3, G-Dur, BWV 1048

3. Satz Allegro

Erst Jahrzehnte später, als Erwachsene, ist mir klar geworden, was Gusti durch ihre musikalische Arbeit in unserer Pfarrei geleistet hat. Sie hat ihre besondere Begabung eingesetzt und vielen Kindern Musik überhaupt erst nahegebracht. Sie hat Kultur vermittelt. Und sie hat Glauben vermittelt, auf eine ganz unverkrampfte Art und aus vollem Herzen heraus. Dabei ging es ihr nicht um eigenes Prestige oder Anerkennung. Nein, sie hat mit ihrer Begabung in unverwechselbarer Weise einfach Gott gedient.

Bei Gustis Beerdigung hielt ihr Sohn eine der rührendsten und einfühlsamsten Ansprachen, die ich je gehört habe. Er sagte: „Der Lobpreis war der Inhalt ihres Lebens.“

Dieser Lobpreis ist die zentrale Stelle, an der sich Johann Sebastian Bach, der geniale Leipziger Thomaskantor, und Gusti aus Köln in ihren Lebenswerken begegnen. Beide haben aus der Kraft ihres Glaubens heraus ihr Talent zum „höheren Lobe Gottes“ eingesetzt. Während Johann Sebastian Bachs Notenblätter erhalten sind, sind Gustis Chor- und Orchesterproben und die Aufführungen nicht mit Händen zu greifen. Wenn ich aber die Möglichkeit hätte, stellvertretend für Gusti ihr Lebenswerk nachträglich zu zeichnen, dann würde ich – wie Bach – darunter schreiben: Soli Deo Gloria. Allein Gott zu Ehren.

Musik V: Weihnachtsoratorium Choral „Ich will dich mit Fleiß bewahren“

Ob Gusti so wie Johann Sebastian Bach ihr Talent als eine Verpflichtung angesehen hat – das weiß ich nicht zu sagen. Mit Sicherheit aber hat sie es erkannt und als „das Geschenk“ ihres Lebens verstanden; ein Geschenk, für das sie dankbar war. Und ihre Dankbarkeit für dieses geschenkte Talent zeigte sie darin, dass sie es geteilt hat und anderen zuteilwerden ließ, mir damals im Orfforchester und vielen vielen anderen Kindern, heutigen Erwachsenen, die noch immer begeistert davon erzählen können.

Das eigene Talent zu erkennen. Es sinnvoll einzusetzen für die Menschen und auf diese Weise Gott zu ehren – ich bin überzeugt: Das ist wohl die schönste Gnadengabe, die einem Menschen zuteilwerden kann.

(Schlussmusik: Brandenburgisches Konzert Nr. 1, F-Dur,

3. Satz Allegro)

Ihnen noch einen wunderschönen Sonntag!

Dorothee Haentjes-Holländer aus Bonn.

Copyright Vorschaubild:Soli_Deo_Gloria_pipe_organ,_Thom Quine CCBY 2.0 flickr MfM.Uni-Leipzig

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