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Hörmal | 03.05.2015 | 07:45 Uhr

Tiefblick

„Ich habe den Überblick verloren“, meinte jüngst eine Kollegin zu mir. Überblick? Kann man den überhaupt haben? Sicher im Kleinen, wenn es darum geht, den Tisch für die geladenen Freunde gastlich einzudecken und dann zu sichten, ob alles gerichtet ist, bevor die Gäste kommen, dann hat man Überblick, sozusagen über zwei Quadratmeter Tischfläche.

Aber das hat meine Kollegin nicht gemeint. Sie spielte an auf die Wirren der Griechenlandkrise jenseits des Schlagabtauschs zwischen Herrn Schäuble und Herrn Varoufakis. Worum geht es noch mal? Europäischer Stabilitätspakt, Troika, griechische Anleihen, Staatsverschuldung und Bankenkrise, Fiskalpakt und Schuldenbremse, im Hintergrund die Lissabon-Strategie. Ich höre auf – wie gesagt: Der Überblick, er fehlt, jedenfalls den meisten. Er ist ein Reservat der Spezialisten, der Finanzökonomen und Politikjongleure im europäischen Kommissions-Dschungel. Uns Unverständigen wird dabei stets präsentiert, dass das, was geschieht, notwendig ist, also alternativlos. Insofern gibt es für uns nichts zu diskutieren, keine erwünschte Mitsprache. Wir sind Zuschauerinnen und Zuschauer einer geschlossenen Welt. Wen wundert es, wenn das politische Interesse der Bürgerinnen und Bürger schwindet, wenn die Wahlbeteiligung rückläufig ist, wenn die einen sich gleichgültig ins Privatleben zurückziehen und die andern wütend öffentlich protestieren. Wie zum Beispiel in Frankfurt bei der Eröffnung der Europäischen Zentralbank. Der Widerstand entlud sich in einem Protestzug von 20 Tausend Menschen, die übrigens anders als 800 angereiste Randalierer, friedlich demonstriert haben.

Als Christinnen und Christen sind wir nicht auf den Überblick angewiesen. Statt Überblick, sind wir zum Tiefblick gefordert. Tiefblick heißt: Wir sind gewiesen, unseren Blick, unsere Aufmerksamkeit und unser Engagement auf die zu richten, die unten sind, die durch das Raster der großen Politik fallen. Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan; Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit; Seelig sind die Armen; Nur der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, damit du lebst.

Das biblische Zeugnis will helfen, sich für einen bestimmten Blick zu entscheiden, den auf das Leiden, die Armut und das Elend derer, die von der großen Politik übersehen werden. Worum geht es denn in Griechenland? Letztlich doch darum, dass die Gesundheitsversorgung zusammengebrochen ist, die Armut grassiert und die Arbeitslosenrate erschreckend hoch ist. Und worum geht es bei uns, einem Land, das sich bejubeln lässt wegen seiner wirtschaftlichen Stabilität? Die Zahl derer, die tagtäglich in den Mülleimern der Nation nach Pfandflaschen sucht, steigt ebenso an wie die Zahl derer, die im Alter in Armut ihre Wohnung nicht bezahlen können. Die Wohnungslosenunterkünfte sind überfüllt, der Straßenbettel nimmt zu und in einer Zeit, in der immer mehr Menschen Schutz und Asyl in unserem Land suchen, wird dem Kirchenasyl die Grundlage entzogen. Wenn wir den Blick nach unten richten, dann eröffnet sich eine eigene Welt, kein Überblick sicher, aber ein Tiefblick, der mehr gefordert ist denn je.

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