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Das Geistliche Wort | 29.07.2018 | 08:35 Uhr

toi toi toi

1 Sprecher, Sprecherin im Wechsel:

Wenn ich im Gespräch feststelle, dass ich das ganze Jahr noch nicht krank war, sage ich „Toi, toi, toi“ und klopfe drei Mal auf Holz, damit nicht doch noch etwas passiert. –

Jeden Samstag lese ich mein Horoskop in der Zeitung, ich muss schließlich wissen, was mich in der kommenden Woche erwartet. –

Ich freue mich immer, wenn ich einen Schornsteinfeger treffe. Dann habe ich das Gefühl, es wird ein guter Tag. –

Neulich wollte ich meinen Geburtstag vorfeiern. Alle waren dagegen. „Das bringt Unglück“, sagten sie. –

Ich lese jeden Morgen die biblische Tageslosung. Wenn ich es mal nicht schaffe und bei mir dann etwas schief läuft, denke ich: „Siehste, die kleinen Sünden bestraft der liebe Gott sofort.“ –

Wir fliegen in vier Wochen in den Urlaub, und ich möchte auf keinen Fall im Flugzeug in Reihe 13 sitzen.

Autorin: Wer kennt sie nicht, diese vielen Sätze und die kleinen Gesten, die Glück oder Unglück bringen sollen. Heute Morgen geht es um einige dieser Aussprüche. Ist das alles Aberglaube? Wo ist der Unterschied zum Glauben? Hat der nicht auch seine Sätze und Gesten, die wirken sollen? Schließlich: Was bringt mir wirklich Glück und Sicherheit? Doch der Reihe nach. Nehmen wir zum Beispiel „Toi, toi, toi“. Was bedeutet das?

2 Sprecher: Toi, toi, toi hat verschiedene Bedeutungen, eine stammt aus dem altindischen Sanskrit, 1200 vor Christus. Und meint „Teufel, Teufel, Teufel“.

Toi, toi, toi ist aber auch die lautmalerische Umsetzung des Ausspuckens über die Schulter, das im Mittelalter üblich war. Das sollte die bösen Geister oder den Neid der Geister abhalten, wenn etwas Gutes geschehen war, denn Speichel galt zu dieser Zeit als „unheilbannend“. Ausspucken war aber ab dem 18. Jahrhundert nicht mehr gesellschaftsfähig, darum wurde es durch ein Geräusch nachgeahmt: das „t“. So musste man nicht mehr spucken.

Andere interpretieren das „Toi“ aber auch als „gut“ – nach dem jiddisch-rotwelschen „tov“ (ausgesprochen: tow). Mazaltov(ausgesprochen „masltow“) aus dem Jiddischen ist auch hierzulande eine bekannte Verbindung. Mazaltov wird gerne bei Hochzeiten gewünscht: viel Glück!

Musik 1: MazalTov von Eli Marcus

CD-Name: Eli Marcus:; Titel: MazalTov; Track-Nr.: 5; Interpret: Eli Marcus; Komponist: Eli Marcus; Texter: Traditional; Verlag: Eigenverlag; Label: Eli Marcus; LC-Nr.: EAN:

Autorin: Im Grunde kann man sich also aussuchen, ob man beim Ausspruch Toi, Toi, Toi lieber die neidischen Geister abwehren will oder den Teufel anruft. Oder doch einfach nur Glück wünscht!? Drei total gegensätzliche innere Haltungen.

Und dazu dann noch das Klopfen auf Holz. – Was hat es damit auf sich? Woher kommt diese Geste?

3 Sprecher: Das Klopfen auf Holz war ursprünglich eine ganz praktische Handlung: Wenn in früherer Zeit Seeleute auf einem Schiff anheuerten, klopften sie auf den Fuß des Segelmastes, und wenn das Geräusch nicht dumpf war, sondern hell und klar, konnten sie gewiss sein: Das Holz ist fest und dieses Schiff ist in einem guten Zustand.

Autorin: Klopfen auf Holz hatte also mit Aberglauben erst mal nichts zu tun. Es kam überhaupt nicht aus der Glaubenswelt, dem Religiösen, sondern diente in der Seefahrt dem praktischen Überleben. Doch: Was im Seefahrerleben hilft, das kann im normalen Leben nicht schaden. Und so verknüpfte sich allmählich die praktische Handlung gegen den Tod mit dem Spucken gegen die Geister. Nach dem Motto: doppelt hält besser. Und man war jetzt gegen alles abgesichert. Dachte man zumindest.

Ins Mittelalter passt so ein Denken, meinen viele heute. Denn die Welt hat sich weiter gedreht, die Wissenschaft kommt zu immer neuen Erkenntnissen, und die meisten halten sich für „aufgeklärte Zeitgenossen“. Trotzdem klopfen selbst aufgeklärte Zeitgenossen auf Holz, drücken ihrem Kind für eine Prüfung die Daumen oder haben einen Talisman, der Glück bringen soll. Mancher Torwart zum Beispiel legt vor Anpfiff eines Spiels ein Plüschtier in sein Tor. Ich deute das so: „Aberglaube“ oder ganz allgemein gesagt „glücksbringende Handlungen“, das ist nicht nur was für religiöse Menschen im Mittelalter, sondern für den Menschen an sich.

O-Ton Christiane Simon-Saulin: Natürlich wissen wir heutzutage mehr über die Welt. Aber trotzdem gibt es Vieles, was wir auch als aufgeklärte Menschen mit unsrem wissenschaftlichen Wissensstand nicht verstehen, was sich uns so nicht erschließt. Außerdem sind wir Menschen spirituelle Wesen, das heißt, wir werden durch emotionale Grundbedürfnisse, durch unsere Gefühle gelenkt, und das beeinflusst unser Denken und Handeln auch mit.

Autorin: Christiane Simon-Saulin ist Psychotherapeutin. Sie beobachtet, dass genau dasselbe Grundbedürfnis, das seit dem Mittelalter abergläubische Handlungen und Aussprüche hervorbringt, auch heute noch wirkt.

O-Ton Christiane Simon-Saulin: Wir wünschen uns Sicherheit. Und wir reagieren mit Angst, wenn wir diese Sicherheit nicht spüren, wenn sie für uns nicht da ist. Oder wir wollen gerne das Gefühl haben, Macht über unser Leben zu haben, selber Einfluss nehmen zu können, und fühlen uns ziemlich ohnmächtig, wenn dies nicht so erscheint.

Autorin: Genau in dieses Spannungsfeld gehören dann auch solche Dinge wie das Plüschtier oder der Halbedelstein als Talisman. Denn sie bieten eine Lösung an:

O-Ton Christiane Simon-Saulin: Nämlich den Aberglauben als Ausweg aus diesem unangenehmen Gefühl von Ohnmacht und Unsicherheit. Es wird Sicherheit und Macht suggeriert. Durch den Talisman oder durch eine Beschwörungsformel, zum Beispiel „wenn ich bei der grünen Ampel noch drüberkomme, dann… wird alles gut“. Durch solche Sachen haben wir das Gefühl: Jetzt hab ich‘s wieder selbst in der Hand, ich habe Macht über die Situation. Und ich kann auch noch diese Verantwortung teilen, nämlich mit dem Talisman oder der schwarzen Katze oder mit den Fugen auf den Gehwegplatten, wo ich gerade langgehe.

Musik 2: Spring auf den blanken Stein

CD-Name: Reinhard Mey: "Mairegen"; Titel: Spring auf den blanken Stein; Track-Nr.: 11; Interpret: Reinhard Mey; Komponist: Reinhard Mey; Texter: Reinhard Mey; Verlag: Capitol Music; Label: EMI; LC-Nr.: 00287

EAN: 5099963177121;

Autorin: Die Menschen von heute sind naturwissenschaftlich gebildete Menschen, aufgeklärte Wesen. Und sie sind und bleiben spirituelle Wesen, sagt die Psychotherapeutin Christiane Simon-Saulin. Die einen glauben an Gott und seine Hilfe, wie sie in der Bibel bezeugt wird. Die anderen glauben an Sprüche und Gesten. Es gibt den Stürmer, der sich bekreuzigt und gen Himmel schaut, wenn er aufs Fußballfeld läuft. Im christlichen Gottesdienst hebt die Pfarrerin zum Segen die Arme und legt sozusagen ihre Hände auf die Gemeinde, symbolische Geste für Schutz und Hilfe von Gott. Oder die vielen Figuren, die helfen sollen. Auf der einen Seite eine Engelsfigur als Schutzengel, die bekommt ein Kranker in die Hand gedrückt zum Trost, vor einer OP zum Beispiel. Er hofft, dass Unheil abgewehrt wird. Auf der anderen Seite das Plüschtier, das der Torwart in sein Tor legt. Er hofft auch, dass etwas abgewehrt wird, auf jeden Fall die Gegentore. Wenn ich mir das alles so anschaue, kommt es mir manchmal so vor, als wären Glaube und Aberglaube ziemlich nah beieinander.

O-Ton Christiane Simon-Saulin: Ja, vielleicht auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es da Parallelen gibt. Es geht auf alle Fälle immer um unsere emotionalen Wünsche und Bedürfnisse. Es geht um Angstabwehr. Vor allem würde ich eben im Zusammenhang mit Aberglauben dem Plüschtier das zusprechen wollen, dass der Aberglaube in erster Linie die Angstabwehr meint, das Verhindern von Unheil. Symbolen wird Macht und Einfluss zugeschrieben. Angst ist quasi die Eintrittskarte für den Aberglauben.

Autorin: Und man nutzt auch die Idee: Was viel kostet, hilft viel. So kosten die kleinen Talismane, rituelle Handlungen, Beschwörungen oft großes Geld. Um die Angst zu verkleinern. Der griechische Philosoph Plutarch urteilte schon im ersten Jahrhundert nach Christus: Alles ist Aberglaube, was den Göttern nur aus Angst vor Schaden und Verderben getan wird.

O-Ton Christiane Simon-Saulin: Im Glauben dagegen werden andere psychologische Aspekte angesprochen. Es geht vor allen Dingen um Zuversicht. Und es geht um Vertrauen. Der Glaube will den Menschen darin begleiten, seine eigenen Fähigkeiten zu nutzen,bedrohlichen Situationen begegnen zu können. Also, die scheinbaren Parallelen stellen sich eher als Gegensätze dar.

Autorin: Um Angst geht es aber auch bei manchen christlichen Ritualen, zum Beispiel zeigt sie sich in dem Satz: Wenn ich morgens die Bibel nicht lese, passiert mir was, denn kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort. Auch das ist Angst. Jesus will aber, dass wir frei von Angst leben. Er wirbt um Vertrauen zu einem liebenden Vater. Beim Glauben geht’s um Vertrauen und Freiheit.

Musik 3: Spring auf den blanken Stein

CD-Name: Reinhard Mey: "Mairegen"; Titel: Spring auf den blanken Stein; Track-Nr.: 11; Interpret: Reinhard Mey; Komponist: Reinhard Mey; Texter: Reinhard Mey; Verlag: Capitol Music / Edition Reinhard Mey; Label: EMI; LC-Nr.: 00287

EAN: 5099963177121;

Autorin: Die große Angst, die hinter allem steckt, ist die Angst, die versteht: Das Leben ist vergänglich. So wie auch Reinhard Mey in seinem Lied geradewegs auf das Thema Krankheit und Tod kommt. Egal, was wir Menschen machen, welche Versicherungen wir abschließen, welche abergläubischen Formeln wir murmeln: Das Leben können wir nicht versichern, es ist vergänglich. der Tod wird kommen. Jesus von Nazareth hat gelebt und geliebt, wurde verraten und verkauft. Und obwohl er von Gott kam, musste auch er sterben. Der Evangelist Johannes erzählt von dem Moment, kurz bevor Jesus seine Jünger verlässt – auch eine Situation, die verunsichert. Da sagt Jesus zu seinen Jüngern: In der Welt habt ihr Angst. – Ja, das ist so. Bis heute. Denn es gibt genügend Dinge, die Angst machen, vor allem die Dinge, die unplanbar sind: ein Unfall, eine schlimme Krankheit, der Bombenterror, die Kriegstreiberei, die Klimaentwicklung – alles Dinge, die verunsichern können. Und das, was wir Menschen am wenigsten planen und beeinflussen können, ist der Tod. In der Welt habt ihr Angst.

Aber …, sagt Jesus weiter, ich habe die Welt überwunden. – Für mich bedeutet das: Jesus ist zwar gestorben. Auch deswegen, weil machtgierige gnadenlose Menschen ihn verurteilt und hingerichtet haben. Aber das Schreckliche dieser Welt hat Jesus mit in den Tod genommen. Und dann ist er auferstanden, hat das Dunkle im Tod gelassen und ist in ein neues helles Leben ohne Angst und Leid auferstanden. Dieses Leben mit Gott will er für uns – jetzt und dann auch für immer und ewig. Darum sagt er: Ihr habt Angst, aber lasst euch davon nicht gefangen nehmen, sondern habt Vertrauen, es wird alles gut. – Das ist mal ein schöner Aber-Glaube.

Doch wie kommt man zum Vertrauen? Johannes erzählt in seinem Evangelium einige Geschichten, wo Vertrauen konkret wird. 5000 Menschen haben Angst, dass sie zu kurz kommen, dass es nicht reicht. Nur fünf Brote und zwei Fische. Aber dann wird geteilt und es reicht doch für alle. Im Ausprobieren und Vertrauen reicht es. Oder die Schwestern Maria und Martha: Sie beklagen den Tod ihres Bruders Lazarus, sie sind verzweifelt. Und dann kommt Jesus mit seinem Aber und lässt ihn wieder auferstehen. – Eine Wundergeschichte. Sie zeigt – auch aufgeklärten Zeitgenossen: Der christliche Glaube ist ein Dennoch, ein Trotzdem, eine Gegenkraft gegen die Depression und gegen die Angst dieser Welt. Ein Aber-Glaube. Das ist die Erfahrung nach Ostern. Ein großes Aber. Der auferstandene Jesus sagt den Jüngern, die wieder als Fischer arbeiten und die ganze Nacht nichts gefangen hatten: „Werft die Netze noch einmal aus!“ Und ihre Antwort ist das Vertrauen „Auf dein Wort hin machen wir das noch einmal.“ Das ist gegen alle Fischer-Vernunft. Führt aber zu neuen Erfahrungen. Sogar die Angst vor dem Tod hat dann keine Macht mehr.

Der Osterglaube ist ein starker ABER-Glaube, ein Trotzdem-Glaube, der in der größten Krisensituation noch weiß und fühlt: Ich bin jetzt hier von guten Mächten wunderbar geborgen. – Das kann man nicht erklären, das kann man nur ausprobieren und erfahren.

Einen schönen Sonntag mit viel Gottvertrauen wünscht Ihnen Antje Borchers.

Musik 4: Leuchtturm

CD-Name: Michael Schlierf: "Feiert Jesus – Pure Piano“; Titel: Leuchtturm; Track-Nr.: 1; Interpret: Michael Schlierf; Komponist: Rend Collective; Texter: ---; Verlag: SCM Hänssler; Label: SCM Hänssler; LC-Nr.: 07224; EAN: 4010276028994;

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