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Das Geistliche Wort | 14.12.2014 | 08:40 Uhr

Träume

Autor: Manchmal träume ich mich davon. Gemütlich bei einer Tasse Tee und Kerzenschein, wenn draußen der Wind pfeift und der Regen an die Fenster prasselt. Dann träume ich von einer anderen Welt, wo es all die Nachrichten und Bilder nicht mehr gibt von Terror oder Bürgerkrieg oder Ebola. Oder draußen auf dem Weg zur Arbeit im Nieselregen - da träume ich von einem Leben, wo ich alles in Ruhe schaffe, fröhlich nach Hause komme, herzlich empfangen werde und all die lästigen Aufgaben nicht mehr da sind. Und der blöde Streit von gestern auch nicht.

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, mein Name ist Titus Reinmuth, ich bin Rundfunkpfarrer und lebe in Wassenberg am Niederrhein. Ich gönn’ sie mir, diese kleine Fluchten. Tagträume, die mich in eine andere Welt führen. Dann sehe ich Bilder von dem, was ich mir wünsche und wonach ich mich sehne. Wann sonst, wenn nicht im Advent, soll man mal so unbescheiden träumen dürfen – erwarten, dass das Leben anders wird?

Ein Psalm, der in den Kirchen im Advent gelesen wird, kommt auch ziemlich unbescheiden daher. Hier träumt einer davon,

Sprecherin:

...dass Güte und Treue einander begegnen,

Gerechtigkeit und Friede sich küssen;

dass Treue auf der Erde wachse

und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;

(Psalm 85,11f)

Autor: Das sind schon traumhafte Bilder. Weniger brauchen wir nicht zu erwarten, meint der Psalmbeter. Ein Leben, das heil wird in jeder Beziehung: gut, verlässlich, gerecht, friedvoll.

Träum weiter, werden manche sagen, das Leben ist nicht so. Ich muss schließlich arbeiten und zusehen, dass ich über die Runden komme. Da sind die Eltern, die älter werden, und die Kinder, die noch zuhause wohnen. Irgendwer muss das ja alles schaffen. So erzählt es eine Freundin. Sie braucht eigentlich einen Job, der besser bezahlt ist. Oder irgendeine andere Entlastung.

Und die Politik? Die ist mir viel zu kompliziert geworden, klagt ein Kollege abends bei einem Glas Wein. Es gibt keine einfachen Lösungen mehr. Nicht in der Ukraine, nicht in Syrien, nicht dort, wo Krankheit und Hunger das Leben bestimmen. Vor zwei Wochen sind in seiner Kirchengemeinde Flüchtlinge angekommen. Sie ziehen in das alte Gemeindezentrum ein, das Anfang des Jahres geschlossen wurde. Die Heizung läuft schon wieder, aber vieles fehlt noch.

Klar, so ist das Leben. Das mag alles sein. Aber wenn ich nicht träume, wenn ich keine Idee mehr habe von einem Leben, wie es sein könnte, dann wird auch nichts anders, oder? Dann ist niemand mehr gut zu sich und den anderen, dann bleibt niemand mehr dran an einer Sache oder treu bei einem Menschen. Dann gibt es immer wieder welche, die sich ungerecht behandelt fühlen, und Friede bleibt ein Wort, das aus der Mode gekommen ist.

Güte und Treue, Gerechtigkeit und Friede... ich träum weiter.

Musik 1: Milla’s Dream

O-Ton Steffensky: Allein bist Du klein! Allein bist Du auch klein mit Deinem Mut oder Deiner Hoffnung.

Autor: ... sagt Fulbert Steffensky, einer der großen evangelischen Theologen unserer Zeit. Mit ihm spreche ich über diesen Menschheitstraum: Gerechtigkeit und Frieden.

O-Ton Steffensky: Womit ernährt man sich? Wie behält man seine Visionen? Es ist nicht selbstverständlich, dass das Recht für alle gelten soll. Diesen Gedanken muss man ernähren oder pflegen. Und da, glaube ich, ist diese Bibel oder ist das Gebet doch eine wundervolle Sache, die wir haben.

Autor: Hieraus hat er Zeit Lebens Kraft geschöpft, aus der Bibel und im Gebet. Ich treffe Fulbert Steffensky vor einigen Wochen in Herford. Er wird über den Schutz der Fremden in der Bibel sprechen. So ist der Theologe mit über achtzig Jahren immer noch unterwegs. Und hält fest an Jesus von Nazareth und an der Hoffnung, dass das Leben anders werden kann, vor allem gerecht.

O-Ton Steffensky: Wir müssten eigentlich Gerechtigkeit und Schönheit zusammendenken. Also der Christus der Bergpredigt ist schön, der nicht duldet, dass da Menschen niedergetreten werden und dass die Weinenden weinend bleiben und dass die Armen arm bleiben. Es ist eigentlich eine Frage der Würde, zu kämpfen oder empört zu sein oder das Recht anzustreben.

Autor: Jahrzehntelang hatte Fulbert Steffenskys Stimme Gewicht innerhalb und außerhalb der Evangelischen Kirche: im christlich-jüdischen Gespräch, in der Friedensbewegung, im Ringen um Recht und Gerechtigkeit. Zusammen mit seiner verstorbenen Frau, Dorothee Sölle, hat er eine politische Theologie entwickelt. Für die beiden gehörte das zusammen: der eigene Glaube, eine gelebte Frömmigkeit und das politische Engagement für die Schwachen.

O-Ton Steffensky: Meine verstorbene Frau, bei den politischen Nachtgebeten, sie hat eigentlich immer darauf gedrängt, dass Bibel vorkommt, dass Gebete vorkommen usw., was nicht selbstverständlich war, denn das Nachtgebet war auch ein sehr bunter Haufe.

Autor: So fing es an, Ende der 60er Jahre in der Kölner Antoniterkirche. Menschen fingen an zu träumen. Sie informierten sich und diskutierten die großen politischen Themen ihrer Zeit: der Vietnamkrieg, die deutsche Geschichte, die wirtschaftliche Mitbestimmung. Sie rangen darum, was zu tun sei, wie Verhältnisse sich ändern ließen. Sie befragten ihren Glauben und die biblischen Texte.

O-Ton Steffensky: Das ist ja auch das Interessante von Dorothee Sölle, dass sie einerseits eine mutige Kämpferin war und eine fromme Beterin. Sie ist jeden Sonntag in ihren Gottesdienst gewackelt, und sie hat ein Buch geschrieben, Mystik, „Mystik und Widerstand“. Ich glaub, dass man dahinkommen muss, dass die Menschen, die der Empörung fähig sind, auch des Betens, des Nachdenkens fähig sein müssen.

Autor: Die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche waren inspiriert von den Kölner politischen Nachtgebeten. Sich empören, beten, nachdenken, handeln, all das floss zusammen unter dem Dach der Kirche. Die Friedensgebete am Montagabend in Leipzig gab es nicht erst 1989, als immer mehr Menschen aus der Kirche auf die Straße gingen, als Kerzen und Gebete ein ganzes Regime zum Einsturz brachten. Die Nikolaikirche war schon seit 1982 ein Ort für Einzelne und Gruppen, die von Gerechtigkeit und Frieden träumten. Die fest daran glaubten, dass ein anderes Leben möglich ist. – Etwas tun, damit etwas anders wird, das war auch für Dorothee Sölle entscheidend. Manchmal konnte sie sich aufregen über Menschen, die so fragten: Was kann ich denn als einzelner tun?

Sprecherin: „’Was kann ich als einzelne denn tun?’ ist ein Satz, den ich tausendmal gehört habe. Nach jedem Vortrag, nach jedem Auftreten irgendwo kommt jemand und sagt mir in den unterschiedlichsten Sprachen diesen Satz. ‚Ja, was kann ich denn machen? Wieso könnte ich denn etwas zur Lösung beitragen?’

Dieser Satz: „Was kann ich als einzelne denn tun?“ ist für mein Verständnis der krasseste Atheismus, den es gibt. Weiter kann man sich von Gott gar nicht entfernen. Mehr kann man Gott nicht leugnen, als durch diesen Standpunkt. Radikaler kann man Gott gar nicht ausschließen aus seinem Leben, ganz gleich, ob man theoretisch die Existenz eines höheren Wesens anerkennt oder nicht.

Entscheidend ist, ob ich an die Kraft Gottes glaube und Anteil an ihr habe. Wenn ich frage: „Was kann ich als einzelne denn tun?“ negiere ich die Kraft Gottes, zerstöre ich Gott in mir, um mich herum, mit anderen zusammen.“ (1)

Autor: So schreibt es Dorothee Sölle rückblickend Anfang der 90er Jahre. Fulbert Steffensky erinnert sich, als er diesen Text zur Hand nimmt:

O-Ton Steffensky: Es ist eine äußerst pointierte Wahrheit. Ich negiere Gott in mir, indem ich an meine eigene Ohnmacht mehr glaube als an ihn oder an seine Stärke, und ich negiere auch die anderen, weil man an ihre Kraft nicht glaubt. Man muss diese Sätze ja nur umdrehen. Ich lebe in Gott, wenn ich das Recht übe. Ich lebe in Gott, wenn ich es mit anderen zusammen tue. Und Gott lebt in mir und in meiner Hand, wenn ich es ausübe.

Autor: Was kann ich als einzelne, als einzelner tun? Steffensky erinnert noch einmal daran, dass Menschen nicht allein sind. Sie können sich zusammenschließen und sie stehen in einer langen Tradition.

O-Ton Steffensky: Das ist der Vorteil dieser Kirche. Man ist mit den Toten dieser Kirche auch nicht allein, ob das Bonhoeffer ist oder Franz von Assisi ist oder Oskar Romero ist oder wer. Sie sind da. Das war ein wichtiger Gedanke meiner Frau. Ich bin nicht der Erste, und ich werde nicht der Letzte sein. Also, das würde ich vielleicht Zuversicht nennen.

Musik 2: Dean Brown, Believe me

Sprecherin: Meine Seele erhebt den Herrn,

und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;

denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. (Lukas 1,46b-48a)

Autor: So beginnt der Lobgesang der Maria im Lukasevangelium. Ein weiterer Text, der im Advent in den christlichen Kirchen gelesen wird.

Sprecherin:

Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.

Denn er hat große Dinge an mir getan,

der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.

Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht

bei denen, die ihn fürchten.

Er übt Gewalt mit seinem Arm

und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron

und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern

und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er gedenkt der Barmherzigkeit

und hilft seinem Diener Israel auf,

wie er geredet hat zu unsern Vätern,

Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit. (Lukas 1,48b-55)

Autor: Dass Gott so zur Welt kommt, darauf stimmen sich Christinnen und Christen im Advent ein. Daran erinnern sie sich und darauf hoffen sie:

O-Ton Steffensky: Die Kirche hat diesen Jesus, den wird sie nicht los. Das möchte ich ihr gönnen.

Autor: Sagt Fulbert Steffensky. In vielen biblischen Texten findet er diese Parteilichkeit Gottes, seine Vorliebe für die Schwachen. Bei den Propheten, die das Unrecht anprangern, in der Bergpredigt, die die Armen seligpreist, auch hier, im Lobgesang der Maria, der ankündigt, wer da geboren wird und wie Gott zur Welt kommt. Für Fulbert Steffensky ist das Evangelium zuerst eine gute Nachricht für die Armen.

O-Ton Steffensky: In Hamburg steht die große, prächtige Katharinenkirche. Sie sieht aus wie ein Schiff, von keinem Sturm umgeworfen je, die Reederkirche, die Kirche der Reichen. Und ein Steinwurf weiter stand die alte Annakirche. Das war die Kirche der Matrosen, ein Viertel voller Ratten, Hunde, Kinder und armer Leute. Wem gehört eigentlich die Bibel, und wo wird sie recht gepredigt? Kann überhaupt die Katharinenkirche, das heißt, eine Kirche, die vorrangig aus der Perspektive der Besitzenden redet, kann die das Evangelium verstehen? Das Evangelium ist nicht für alle gedacht.

Autor: Eine Botschaft, die mich manchmal irritiert. Bin ich überhaupt gemeint? Satt und gut gestellt wie ich nun mal bin? Und meine Freundin, die über all ihre Aufgaben klagt und ihren schlecht bezahlten Job? Mein Kollege, in dessen Nachbarschaft die ersten Flüchtlingsfamilien eingezogen sind? Wer unter uns darf eigentlich hoffen und worauf?

Dann denke ich wieder: Doch! Wenn das stimmt, wenn Gott bei Maria, dieser einfachen Frau aus Nazareth, Obdach gesucht hat, wenn der Stall in Bethlehem gut genug war, dann gilt das womöglich auch für mich. Dass ich hoffen darf. Dass ich mich empören darf. Dass ich träumen darf von Gerechtigkeit und Frieden, von Güte und Treue. Klar, irgendwann muss ich die verträumte Adventsstimmung verlassen, muss vom Sofa aufstehen und in der Wirklichkeit ankommen.

Womöglich werde ich unterscheiden und sortieren: Wofür kann ich etwas tun und wofür werde ich beten, womit fange ich an und wobei brauche ich Geduld? Aber diese Hoffnung wird mich antreiben: dass Güte und Treue sich begegnen und Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

Einen guten dritten Advent wünscht Ihnen Pfarrer Titus Reinmuth aus Wassenberg.

Musik 3: Lenny Kravitz, Dream

(1)Aus: Dorothee Sölle, Träume mich Gott. Geistliche Texte mit lästigen Politischen Fragen. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1994, S. 41.

Musikangaben:

Musik 1

Dean Brown, Believe me, CD: Here, Esc Records 2001, LC 01263, Track 9. Komponist: Dean Brown (instrumental); Interpret: Dean Brown.

Länge der verwendeten Musik: 0:38

Musik 2

Parov Stelar: Milla’s Dream, CD: The Princess Part One, Etage Noir (LC 29737) 2012, Track 1. Komponist: Marcus Füreder (instrumental), Interpret: Parov Stelar.

Länge der verwendeten Musik: 0:30

Musik 3

Lenny Kravitz: Dream, CD: Black And White America, Roadrunner Records, Warner (LC 09231) 2011, Track 15. Komponist, Text, Interpret: Lenny Kravitz.

Länge der verwendeten Musik: 3:22

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