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Das Geistliche Wort | 09.02.2014 | 08:40 Uhr

"Und siehe, es war sehr gut!?"

1. Musik: Interpret: Louis Armstrong; Titel: What a wonderful world

Autor: “Ich sehe grüne Bäume, rote Rosen… Und ich denke bei mir selbst: Was für eine wundervolle Welt!” Diese Worte aus dem Song von Louis Armstrong klingen wie der Spitzensatz in der ersten Schöpfungserzählung der Bibel: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut!“ (1. Mose 1,31) Aber ist das so? Ist diese Welt wirklich „a wonderful world“, „eine wundervolle Welt“, wie Armstrong singt? Können wir das mitsprechen, wenn wir unsere Welt genauer ansehen: „Und siehe, es war sehr gut?“ Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Mein Name ist Joachim Römelt. Ich bin Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Solingen-Dorp.

2.Musik = 1. Musik

Autor: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut!“ Ich erlebe immer wieder Momente, in denen ich das aus vollem Herzen mitsprechen möchte. Wenn in ein paar Wochen nach dem langen Winter die Natur wieder explodiert – das ist einfach nur wundervoll. Dann „geht das Herz aus“ und freut sich wie verrückt „an seines Gottes Gaben“ – wie in Paul Gerhardts Lobeshymne an Gott und die Welt. Oder: In der Praxis einer befreundeten Stimmtherapeutin hängt eine Bildtafel an der Wand. Da sieht man die Muskulatur von Kopf und Hals. Eine ganz fein aufeinander abgestimmte Anordnung von Muskeln und Blutgefäßen und Bändern. Sieht aus, als hätte das einer von vorn bis hinten am Reißbrett konstruiert. Aber höchst wahrscheinlich ist es anders. Höchst wahrscheinlich ist all das nach und nach entstanden in einem unglaublich langen Prozess mit ganz vielen kleinen Schritten. Aus ganz schlichten Strukturen ist über Jahrmillionen auf einem verschlungenen Weg so etwas Unglaubliches geworden wie unser menschlicher Körper. Im Grunde ein Wunder, wenn auch ein ganz „natürliches“, wie die Evolutionsbiologen sagen.

Und wie empfinden das erst Eltern, wenn sie ihr neugeborenes Kind im Arm halten. Okay, die schlaflosen Nächte danach sind nicht immer so wunderbar. Und es gibt ja manchmal auch noch ganz andere Empfindungen um eine Geburt herum.

Aber im Grunde ist es das, was wir meistens fühlen, wenn wir ein neugeborenes Kind sehen: Das ganze Leben ist ein einziges Wunder, wenn es imstande ist, ein solches Wesen hervorzubringen. Und dann möchte man fast von selbst in dieses Jubellied der Schöpfungsgeschichte einstimmen: „Siehe, sehr gut!“

3.Musik: Track 1 Geh aus, mein Herz (3:45) von CD Befiehl du deine Wege, Interpreten: Heike Wetzel (Flöte), Michael Schlierf (Flügel), Produzent: Michael Schlierf, Gerth Medien, Asslar 2010, LC 13743.

Autor: Das ist die eine Seite der Schöpfung. Es gibt aber noch eine andere. Und wenn man sich auf die einmal wirklich einlässt, kommen doch einige Fragen.

Zum Beispiel: Es ist ein Grundgesetz dieser Welt, dass sich Leben nur von anderem Leben ernähren kann. Ein Lebewesen kann nur existieren, wenn es anderes Leben tötet. Der Löwe muss die Antilope reißen, der Adler muss seine Beute am Boden finden. Es gibt kein Lebewesen, das ohne Leben als Nahrung auskäme. Und das ist kein Unfall oder Strafe Gottes oder Folge menschlicher Sünde. Es ist einfach eine Grundvoraussetzung des Lebens. Eine Tatsache, die sich mit dem Leben selbst entwickelt hat.

Wie viele lebende und fühlende Wesen leiden Tag für Tag daran, dass sie Beute werden für andere. Wie viel Angst und Schmerz und Leid gibt es tagtäglich in dieser Natur, und zwar noch nicht mal durch uns Menschen hervorgerufen, sondern einfach, weil diese Welt so ist, wie sie ist. Diese Erde ist überschüttet von Energie, von Sonnenlicht, zigtausend mal mehr, als das auf ihr existierende Leben braucht. Und trotzdem sind unzählige Wesen täglich auf der Suche nach dieser Energie, die sie nur in Form anderen Lebens zu sich nehmen können. Sie müssen oft genug darum kämpfen und leiden in diesem Kampf. Ist das immer noch „sehr gut“?

Oder Erdbeben. Die manchmal Hunderte von Menschenleben von einem Moment auf den nächsten auslöschen. Was passiert da? Die Platten der Erdkruste bewegen sich, stoßen zusammen oder reiben sich aneinander. Es ist wichtig, dass sie das tun. Wenn unsere Erdkruste unbeweglich wäre, hätten sich nie Landmassen auffalten können. Die Erde wäre von einem einzigen großen Ozean mit 5.000 Meter Tiefe umgeben. Wesen wie wir wären nicht denkbar.

Und dieselben Kräfte, die unser Leben auf dieser Erde erst möglich machen, können es im nächsten Moment vernichten. Und man kann das nicht einmal „böse“ nennen. Die Erde meint es nicht böse, wenn sie bebt. Sie meint gar nichts. Die Katze meint es nicht böse, wenn sie die Maus frisst. Das Bakterium meint es nicht böse, wenn es eins unserer Organe befällt. Es will nur leben. Es ist genauso auf der Suche nach Energie wie wir. Wenn es beten könnte, würde es vielleicht sagen: „Danke, Gott, für diese gute Mahlzeit!“ Die Natur schafft Leben und vernichtet es, ohne sich darum zu scheren, sie trauert nicht um die Opfer, sie funktioniert einfach nach ihren Regeln.

Und da kommt die Bibel und sagt: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut!“ Da fragt man doch: Wirklich? Ist das das Werk eines liebevollen und gütigen Schöpfers?

4.Musik: Track 7 Sonia´s Nightmare (4:04) von CD Mare nostrum, Interpreten: Jan Lundgren (piano), Paolo Fresu (trumpet, fluegelhorn), Richard Galliano (accordion, bandoneon), Komponist: Paolo Fresu; Verlag/Vertrieb: The Act Company; LC-Nr.07644; Label: ACT Music.

Autor: Woher nehmen wir so einen Satz: „Und siehe, es war sehr gut“? Wir nehmen ihn nicht aus der Natur selbst. Die ist schön und schrecklich, sie ist bezaubernd – und gleichzeitig ohne Mitgefühl, ohne Interesse an einzelnen Wesen.

Dieses „sehr gut“ ist keine Zustandsbeschreibung dieser Welt. Was damit gemeint ist, erfahren wir nicht durch wissenschaftliche Forschung. Wir können es aber ahnen, wenn wir in die Gesichter von Menschen schauen. Mir ist das beim Betrachten einer Fotoausstellung so gegangen. Es waren Bilder von Gesichtern ganz normaler Menschen. Die man im Vorübergehen vielleicht kaum beachten würde.

Je länger ich diese Bilder angeschaut habe, desto mehr habe ich gesehen. Und nicht nur das, was optisch zu sehen ist: glatte Haut oder Falten, lachende Augen, graue Haare oder sonst was. Ich hatte das Gefühl, etwas anderes zu sehen: eine Würde, die in diese Gesichter eingezeichnet war, einen Glanz, den man nur schwer beschreiben kann. Ich hatte bei jedem Bild das Gefühl: Dieser Mensch ist nicht nur das Produkt einer gleichgültigen Natur – das ist er auch, aber nicht allein. Dieser Mensch ist viel mehr, er trägt auf seinem Gesicht den Abglanz von etwas Größerem, von etwas, was nicht kalt und gleichgültig ist, von etwas, was zutiefst daran interessiert ist, dass es diesen einen Menschen gibt. Ihn umgibt ein Geheimnis, das auf ein viel größeres Geheimnis hinweist.

5.Musik = 1. Musik

Autor: Wie kommen wir dazu, so zu empfinden? Es geschieht dann, wenn wir anfangen, etwas mit den Augen der Liebe anzusehen. Und die Liebe sagt: „Allein deinetwegen muss es diese Welt geben. Damit so ein wunderbares Wesen wie du entstehen konnte.“

Und jetzt kommt die Bibel und sagt: Die ganze Welt existiert unter einem solchen Blick der Güte. Die ganze Welt wird liebevoll angesehen, auch wenn vieles, was auf ihr geschieht, überhaupt nicht liebenswürdig ist! Diese schöne und schreckliche Welt hat nicht nur Ursachen, die mal blind und gleichgültig und mal durch und durch geplant wirken. Sondern sie hat einen guten Grund! Sie ist gewollt und bejaht. Das Geheimnis, das einen Menschen umgibt, wenn man ihn mit den Augen der Liebe anschaut – es ist ein Hinweis auf das Geheimnis dieser Welt schlechthin. Das meint die Bibel, wenn sie sagt: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde.“

Dieser Gott sagt trotz allem, was dunkel und bedrohlich ist in dieser Welt und in unserem Leben: „Wie gut, dass es Dich gibt!“ Und genau das brauchen wir so sehr! Genau so müssen wir angeredet werden, damit wir in dieser widersprüchlichen Welt wachsen und Vertrauen fassen und leben können.

6.Musik = 1. Musik

Autor: In der Schöpfungsgeschichte der Bibel wird nichts erklärt. Warum diese Welt so ist, wie sie ist, warum Gott sie so und nicht ganz anders geschaffen hat, das wird hier nicht aufgelöst. Stattdessen lädt der Text dazu ein: Betrachte diese Welt selbst mit den Augen der Liebe! Sieh sie so an, wie Gott sie sieht. Freu dich an ihrer Schönheit und hab´ Mitgefühl, wo Menschen, Tiere und Pflanzen in Not sind. Schütze und heile, was immer sich schützen und heilen lässt.

Genau das ist es auch, was Jesus getan hat. Er hat diese göttliche Liebe verkörpert wie keiner sonst. Der liebende Blick – das zeichnet nach der Bibel Gott als Schöpfer aus. Und das bedeutet: Wir müssen bestimmte Vorstellungen aufgeben, die wir mit Gott als Schöpfer verbinden. Wir müssen aufhören, uns Gott als einen Baumeister vorzustellen, der eine Welt entwirft und durchplant und designed.

Wir müssen ihn mehr ahnen als einen, der einen offenen Wachstumsprozess in Gang gesetzt hat. In den er nicht mehr eingreift. Ich stelle mir vor: Gott begleitet dieses Wachsen und Werden, er freut sich an dem, was da lebendig wächst und leidet an den Komplikationen, an den Umwegen und Sackgassen. Viele Menschen erleben: Gott spricht in diese sich entwickelnde Welt hinein. In der Bibel finden wir darüber Berichte und bis heute können Menschen davon erzählen. In die Grundkräfte dieses Entwicklungsprozesses greift Gott nicht ein. Vielleicht, weil nur so ein offener, sich selbst entwickelnder Prozess so etwas wie Liebe hervorbringen kann. Liebe kann sich nur da entwickeln, wo nicht alles vorprogrammiert ist. Aber vielleicht ist das alles schon zu viel gesagt, behauptet und spekuliert.

Für mich bleiben da viele Fragen. Auf die ich keine Antwort habe. Aber ich finde es wichtig, sich solchen Fragen zu stellen. Und nicht so zu tun, als wäre alles klar, wenn Christinnen und Christen sagen: Ich glaube an Gott, den Schöpfer. Wenn ich mir Jesus anschaue, dann denke ich: Unser wichtigster Auftrag auf dieser Erde ist es nicht, diese Rätsel zu lösen. Sondern Liebe und Mitgefühl in eine Welt hineinzutragen, die von sich aus kein Mitgefühl kennt. In der es aber entstehen konnte bei Menschen und Tieren.

Ich bin überzeugt: Unser Auftrag ist es, mit unserem Leben zu zeigen, dass dieses Leben mehr ist als Fressen und Gefressenwerden, dass dieses Leben nicht nur ein Kampf ist, sondern auch und vor allem ein Geschenk. Und ich glaube: Menschen sind nicht nur Exemplare einer Gattung, die zufällig aus der Tierreihe hervorgegangen ist. Sondern unendlich kostbare Kinder Gottes. Die wichtigste Aufgabe der Kinder Gottes ist es, diese schöne und schwierige Welt mit den Augen der Liebe anzuschauen. Und so etwas von Gott in ihr zu entdecken. Spannende Welt-Entdeckungen und liebende Augen - mein Wunsch für Sie und mich heute. Es verabschiedet sich Pfarrer Joachim Römelt aus Solingen-Dorp.

7.Musik: Track 2 Lobe den Herren, den mächtigen König (4:41) von CD Geistesgegenwart, Interpretin: Sarah Kaiser, Produzent: Samuel Jersak, Engl. Text: Catherine Winkworth (1827-1878), Musik: geistl. Stralsund 1655, Halle 1741; Bearbeitung: Samuel Jersak; Label: Artwork; Verlag: Gerth Medien GmbH Asslar 2007, LC 13743.

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