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Kirche in WDR 2 | 31.07.2015 | 05:55 Uhr

Verheerender Satz

Es gibt Sätze, die sind so verheerend, wie sie eingängig sind. „Das Boot ist voll“, ist für mich so ein Satz. Leider lese und höre ich den in diesem Sommer immer wieder, wenn es um Flüchtlinge geht.

Der Satz ist nicht neu und solange ich denken kann, wird er bei jeder Flüchtlings-Debatte in den Ring geworfen. Was ihn so verheerend macht? Das verwendete Bild ist so einleuchtend: Ein kleines Rettungsboot auf schwankender See, das unterzugehen droht. Mit jedem Platz, der hier noch besetzt wird, kommt es der Katastrophe näher. Und weil niemand untergehen will, darf auch keiner mehr ins Boot – das ist intuitiv der Schluss, der gezogen wird.

Mich hat interessiert, woher dieser Satz eigentlich stammt. Und als ich herausfand, wo er erstmals auftauchte, war ich beschämt. Das Bild vom Boot, das schon zu voll ist, kam im Sommer 1942 auf. Ende Juli wusste der Schweizer Bundesrat wusste durch Berichte klipp und klar, dass im Deutschen Reich die Juden systematisch ausgerottet wurden. Und in der Alpenrepublik entbrannte die Debatte, was mit jüdischen Flüchtlingen zu tun sei. Mitte August machte die Schweiz dann die Grenzen dicht. Ohne Ausnahme sollten illegale Flüchtlinge zurückgeschickt werden, welche die Grenzen „nur aus Rassegründen“, so der Wortlaut, übertreten hätten.

Eduard von Steiger, Mitglied des schweizerischen Bundesrates, brachte in der Debatte schließlich das schlagende Bild ein. Es, das half, die gnadenlose Politik zu rechtfertigen. Seine Worte von damals:

Sprecher:

„Wer ein schon stark besetztes kleines Rettungsboot mit beschränktem Fassungsvermögen und ebenso beschränkten Vorräten zu kommandieren hat, indessen Tausende von Opfern einer Schiffskatastrophe nach Rettung schreien, muss hart scheinen, wenn er nicht alle aufnehmen kann.“

Der Satz vom Boot, das voll ist, war in der Welt. Erst ein Jahr später ruderte die Schweiz zurück. Plötzlich war doch Platz für jüdische Flüchtlinge. Das Boot war nämlich nicht voll. Für Tausende aber kam diese Einsicht zu spät.

Bis heute muss sich die Schweiz vorwerfen lassen, dass sie die Juden sehenden Auges in den Tod zurück geschickt hat. Natürlich weiß ich, dass man damals und heute nicht so einfach vergleichen kann. Aber die Rhetorik vom „vollen Boot“, die stimmte damals nicht – und die stimmt auch heute nicht! Der Satz ist bis heute verheerend. Das Bild vom vollen Boot schürt nur die Ängste vor dem Untergang. Aber mit Angst lassen sich keine Probleme lösen.

Und: Natürlich weiß ich, dass die Zuwanderung von Flüchtlingen in Deutschland und Europa eine große Herausforderung darstellt. Aber wir Deutschen stehen gerade wirklich nicht vor dem Untergang. Man sollte diesen Satz einfach ad acta legen. Denn das beschämende ist ja, dass das Bild vom vollen Boot, das untergeht, heutzutage traurige Realität ist und zwar im Mittelmeer!

Und solange dort Menschen untergehen, sollte in Deutschland redlich diskutiert werden, wieviel Platz tatsächlich ist.

https://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_von_Steiger

Copyright Vorschaubild: Dura-Ace CCBY 2.0 flickr

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