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Kirche in WDR 4 | 17.08.2016 | 08:55 Uhr

Verlockt zum Leben

Seit vielen Jahren steht bei mir eine kleine Holzfigur im Regal: Der Rattenfänger von Hameln mit seinem tierischen Gefolge. Schön anzusehen, wie er in wehendem Mantel einer Meute von schwarzen Ratten voraneilt. Die Flöte schwungvoll an die Lippen gesetzt. Zu schön eigentlich. Denn die Legende dazu ist ausgesprochen gruselig. Sie erzählt, wie ein bunt gekleideter, fremder Mann die Kleinstadt Hameln an der Weser betritt. Dort wütet gerade eine schwere Rattenplage. Der fremde Musikant lockt die Tiere mit seinem Flötenspiel aus Hameln hinaus. Die Bürger sind die Plage los. Doch statt den Mann für seine gute Tat reichlich zu belohnen, vertreiben sie ihn aus der Stadt.

Viele Jahre später kehrt der Mann zurück. Die Bürger von Hameln sind gerade zum Gottesdienst in der Kirche versammelt, als er sein Instrument in den Gassen erklingen lässt. Und diesmal folgen dem seltsamen Fremden nicht Ratten und Mäuse, sondern kleine Mädchen und Jungen. So verzaubert sind die Kinder von den Flötentönen, dass sie dem Fremden hinterherlaufen und für immer verschwunden bleiben. Wirklich eine gruselige Geschichte.

Trotzdem hänge ich an dieser kleinen Holzfigur.

Einmal kam ich nach Hause und fand den Rattenfänger samt Gefolge in erstaunlicher Position vor. Er hatte sich herumgedreht und stand freundlich zugewandt im Kreise der possierlichen Tiere. So, als spiele er ihnen mit Hingabe ein Konzert.

Frau Müller, die in Wirklichkeit anders heißt und bei mir sauber macht, kennt offenbar die Legende vom Rattenfänger nicht.

Sie hatte beim Staubwischen die Figuren verrückt und aus dem rachedurstigen Kindesentführer einen freundlichen Tierliebhaber gemacht.

Manche Menschen hegen den Verdacht, die Geschichte der Kirche sei so eine Art Menschenfängergeschichte. Wenn Jesus Christus Menschen in seine Nachfolge ruft, dann könnte das eine unredliche Verlockungsaktion sein. Eine gefährliche womöglich obendrein.

Zurzeit gerät jede Art von Religion in den Verdacht, sie sei schädliche Verführung. Aus ihren Anhängerinnen und Anhängern mache sie verblendete, fanatische Menschen. Männer und Frauen, die in verbohrtem Eifer für ihren Gott Unglück über andere bringen.

In jüngster Zeit hat dieser Verdacht jede Menge Nahrung erhalten:

Wahnwitzige Selbstmordattentate, skrupellose Entführungen, grausame Blutbäder. Wer allzu schnell behauptet, mit Religion habe das alles nichts zu tun, macht es sich zu leicht. Auch die Geschichte des Christentums zeigt, dass Religion missbraucht werden kann.

Die kleine stumme Szene bei mir zu Hause auf dem Regal erzählt eine hoffnungsvolle Gegengeschichte.

Da steht der vermeintliche Rattenfänger und ist plötzlich ganz anders: Freundlich zugewandt im Kreis der Tiere. Er sieht sie an und spielt ihnen zum Leben auf. Und sie rennen nicht betört hinter ihm her, sondern versammeln sich um ihn und blicken ihn erwartungsvoll an. Reagieren auf seinen liebevollen Blick.

So „verrückt“ könnte die Figur ein Gleichnis dafür sein, wie Jesus Christus Männer und Frauen ruft und in die Welt sendet.

Geht hin und machet zu Jüngern und Jüngerinnen alle Völker.

Unter die Leute gehen, mitten hinein ins runde, volle Menschenleben.

Gottes Güte in die Welt tragen. Den Mund auftun für die Stummen.

Ungewöhnliches wagen. Auf Hoffnung hin.

Einen guten Tag wünscht Ihnen,

Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.

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