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Choralandacht | 01.09.2018 | 07:50 Uhr

Von Gott will ich nicht lassen (eg 365)

Musik 2

Autor: Von Kaiser Maximilian dem Zweiten höchstpersönlich wird er auf dem Augsburger Reichstag 1566 zum Poeta laureatus gekrönt: Ludwig Helmbold, Philosophieprofessor an der Uni Erfurt – und nun auch Literaturpreisträger. „Von Gott will ich nicht lassen“ ist eins der beiden Lieder des Preisgekrönten, die sich im Evangelischen Gesangbuch finden.

1563, im Entstehungsjahr unseres Liedes, tobt ein bewaffneter Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken in Frankreich. Im ersten Hugenottenkrieg kommt François de Lorraine, der Führer der katholischen Partei, durch ein Attentat ums Leben. Der Attentäter wird kurz darauf hingerichtet.

„Wie du mir, so ich dir“, ein Generalmotiv der Menschheitsgeschichte, damals wie heute.

Musik 2

Sprecher: „Haust du meine Tante, hau ich deine.“

„Belegst du mich mit Zöllen, beleg ich dich mit Zöllen.“

„Tötest du meine Leute, töte ich deine.“

„Wie du mir, so ich dir.“

Autor: Es ist ja ein wirklich vertracktes Motto. Einerseits riecht es ein wenig nach Gerechtigkeit, denn am Schluss scheinen die Konten ausgeglichen zu sein. Andererseits werden Eskalationsschrauben in Gang gesetzt, denn „Wie du mir, so ich dir“ wird, eh man sich’s versieht, zu einer Handlungskette, die oft genug zum Nachteil aller endet. Es ist dann wie im Zauberlehrling von Goethe:

Sprecher: Herr, die Not ist groß!

Die ich rief, die Geister

werd ich nun nicht los.

Autor: Ist es nicht merkwürdig, dass wir ganz selbstverständlich davon ausgehen, bei dem Motto „Wie du mir, so ich dir“ handele es sich um eher ungute Verläufe? Wollen wir die Sache einfach mal umkehren?

Musik 2

Sprecher (overvoiced): Beschenkst du meine Tante, beschenk ich deine. Handelst du fair mit mir, handele ich fair mit dir. Schützt du meine Leute, schütz ich deine. Wie du mir, so ich dir.

Autor: Das wäre dann zur Abwechslung mal eine menschenfreundliche Vergeltungskette. Hören wir also auf das Lied unseres Preisträgers, er wusste von solchen Umkehrungen.

Musik 1 (Choral, Strophe 1)

Von Gott will ich nicht lassen,

denn er lässt nicht von mir,

führt mich durch alle Straßen,

da ich sonst irrte sehr.

Er reicht mir seine Hand,

den Abend und den Morgen

tut er mich wohl versorgen,

wo ich auch sei im Land.

Autor: Worum geht’s?

Da versorgt mich einer.

Da übt einer Solidarität mit mir.

Da ist einer mein Navi.

Da hält einer zu mir.

Ich befinde mich also in einer recht komfortablen Lage. Und warum? Weil ich Zuwendung erfahre. Daraus folgt: Ich sollte – im Gegenzug – meinem Wohltäter die Treue halten. Es ist ja fast ein Geschäftsverhältnis. „Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir“ – „Wie du mir, so ich dir“. Das Konto will ausgeglichen sein. Mag sein, das Wort „Vergeltung“ klingt heute dunkel. Ursprünglich meint es ganz wertfrei einen Akt des Ausgleichs. „Vergelt’s Gott!“ Das lyrische Ich im poetischen Text unseres Philosophieprofessors reagiert aber gar nicht geschäftsmäßig, sondern mit kindlicher Hingabe.

Musik 1 (Choral, Strophe 3)

Auf ihn will ich vertrauen

in meiner schweren Zeit;

es kann mich nicht gereuen,

er wendet alles Leid.

Ihm sei es heimgestellt;

mein Leib, mein Seel, mein Leben

sei Gott dem Herrn ergeben,

er schaff‘s, wie‘s ihm gefällt.

Autor: Diese Strophe ist wunderschön, aber dennoch stößt sie mir auf. Soll ich etwa meine persönliche Selbstständigkeit abgeben, nur weil ich glaube? Schließlich bin ich geprägt von der Philosophie der Aufklärung. Immanuel Kant forderte, dass der Mensch sich aus seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ befreie. Ich finde, Kant hat recht. Viele gesellschaftliche Phänomene, die uns heute übel aufstoßen, haben, nicht immer selbstverschuldet, mit

Unmündigkeit zu tun. Wozu also mich Gott dem Herrn mit Leib und Seel und Leben verschreiben? Immerhin schildert der Text eine ausgesprochen innige Szenerie, die mich aufhorchen lässt.

Sprecherin: Mein Leib, mein Seel, mein Leben

sei Gott dem Herrn ergeben

Autor: Ähnlich schreibt Paul Gerhardt knapp 100 Jahre später:

Sprecherin: Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,

Herz, Seel und Mut, nimm alles hin!

Und lass dir’s wohlgefallen.

Autor: Nun, der Appell der Aufklärung ist das eine, das bitter notwendige; aber die Fähigkeit zur Hingabe, zum Sich-Verschenken, ist das andere, ebenso bitter notwendig. Was sind denn die Voraussetzungen zur Hingabe? Von sich selber absehen, sich seine Ohnmacht eingestehen, aus seiner inneren Wagenburg ausbrechen, zu seiner Schwäche stehen, mutig Vertrauensvorschuss leisten. Das ist die andere Seite der individuellen Selbstbestimmtheit. Das sind Talente, ohne die Seele und Welt verloren wären.

Sprecherin: Die Seel bleibt unverloren,

geführt in Abrams Schoß,

der Leib wird neu geboren,

von allen Sünden los

Autor: So dichtet Ludwig Helmbold in einer Strophe, die keinen Niederschlag im Evangelischen Gesangbuch gefunden hat. Wer hat es sich nicht schon mal gewünscht, neu geboren zu werden, noch einmal von vorne anzufangen, Ohnmacht nicht als Gesichtsverlust zu empfinden. sondern als Teil des Lebens. Dem Apostel Paulus mag es auch so gegangen sein. „Schwäche“ war eins seiner Lieblingsthemen

Musik 2

Autor: In einem Brief an die Gemeinde in Korinth behauptet er, Gott sei in den Schwachen mächtig. Und dann kommt er, ein paar Sätze weiter, zu einer erstaunlichen Selbsteinschätzung.

Sprecher: Ich bin ein Narr geworden.

Autor: Ist das eine Selbsterniedrigung? Vielleicht! Es ist auf jeden Fall eine ziemlich intelligente Selbsteinschätzung. Denn Narren sind schwach; sie haben keinerlei Befehlsgewalt. Und daraus beziehen sie ihre Stärke, stehen sie doch jenseits jeder Etikette. Sie haben Narrenfreiheit und damit das Privileg, die Wahrheit zu sagen. Narrenfreiheit resultiert aus einer Position der Schwäche, und Gott ist in den Schwachen mächtig. Und erst, wenn wir schwach sind, können und dürfen wir sagen: „Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir.“

Vielleicht sollten wir uns alle öfter mal die Narrenkappe aufsetzen. Goethe, auch so ein Narr und nicht besonders fromm, hat die positive Vergeltungskette geistreich in Reimform gebracht:

Musik 2

Sprecher (overvoiced)

Mann mit zugeknöpften Taschen,

Dir tut niemand was zulieb:

Hand wird nur von Hand gewaschen;

Wenn du nehmen willst, so gib!

Musik 2

Musikinformationen:

Musik 1

CD-Name: Luther tanzt – The Playfords

Titel: Von Gott will ich nicht lassen

Interpret: The Playfords

Komponist: Fabritio Caroso

Texter: unbekannt

Verlag: Sony Music Entertainment Germany GmbH

LC-Nr.: 06868

Label: Sony Classical

Musik 2

CD-Name: Orgelwerk

Titel: Von Gott kann ich nicht lassen

Interpret: Ewald Kooiman (Orgel)

Komponist:J ohann Sebastian Bach

LC-Nr.: 08825

Label: Coronata

Best.Nr.1713

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