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Sonntagskirche | 15.02.2015 | 08:55 Uhr

Von (nicht so ) fitten Alten

Gerade noch auf der Bühne des Lebens gestanden. Aktiv, voller Spannkraft. Udo Jürgens. Mit 66 Jahren war noch lange nicht Schluss, sondern erst mit 80. Was für ein Leben - was für ein Sterben. Mitten aus dem prallen Leben gerissen und zack: tot. Kein langes Leiden, keine Schmerzen - wunderbar. So sehen es wohl die meisten Menschen…

Guten Morgen liebe Hörerin, lieber Hörer! Mich hat das nachdenklich gemacht. Denn auch ich spüre diese Sehnsucht, als Pastor mal irgendwann quasi tot von der Kanzel zu fallen. So mitten raus. Dahinter steckt aber auch eine tiefe Angst. Eine Angst vor dem unwürdigen Altwerden. Diese Gesellschaft steht nicht aufs Schwächerwerden und Nachlassen. Hier ist Spannkraft, Energie, ewige Jugend gefragt.

Dass Älterwerden noch nie leicht fiel, davon erzählt eine Geschichte der Brüder Grimm:

Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm nass. Einmal auch konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht fest halten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte aber nichts und seufzte nur. Da kauften sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. 'Was machst du da?' fragte der Vater. 'Ich mache ein Tröglein,' antwortete das Kind, 'daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.' Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mit essen, sagten auch nichts wenn er ein wenig verschüttete. (1)

Die Vergänglichkeit hält mir den Spiegel vor: Auch du wirst älter. Auch du wirst dich dem stellen müssen, dass du nicht ewig auf dieser Welt lebst. Davor kann man nun prächtig davon laufen und diesen Schmerz verdrängen und sich zuballern mit Terminen und neuen Erfahrungen. Oder aber man kann den Auslöser des Schmerzes an den Kachelofen setzen, in die Ecke. Nur nicht hingucken. So wie in der Grimmschen Erzählung. Da war aber immerhin der Alte noch zuhause…

Nun geht es mir nicht darum, ein schlechtes Gewissen zu machen. Alte Menschen können überfordern, gerade bei Demenz. Ich habe selbst das Wenigerwerden meines Vaters miterlebt, ein Abschied auf Raten. Das tut einfach weh. Manchmal wollte ich bei Besuchen nur noch raus. Das nicht ertragen müssen. Diesen Verlust der Persönlichkeit. Dennoch glaube ich: Dass wir uns dem Wenigerwerden stellen, das baut unser Leben auf! Dass Alte vorkommen und ihre Rolle spielen dürfen und sollen, das tut uns als Einzelnen und als Gesellschaft gut. Immer mehr Managementtrainer plädieren für eine Abkehr von reiner Leistung, Effizienz und Macht. Moderne Leiter seien vielmehr verletzlich, transparent, ehrlich im Umgang mit der eigenen Schwäche und Stärke. Diesen Paradigmenwechsel kann man nicht beschließen - aber neu lernen. Indem man sich dem Schwachen, Vergänglichen stellt und selbst ehrlich wird. Ich habe es nicht immer im Griff. Ich bin manchmal nicht gut drauf. Ich habe nicht die Kontrolle. Ich bin manchmal schwach und ich bin: bedürftig. Ja, ich brauche Gott. Er adelt Schwäche und Bedürftigkeit in den Seligpreisungen. Mögen uns die Alten und ihr Leben unter uns genau das lehren. Dass wir das aushalten und begreifen und dadurch paradoxerweise erleben, dass das Leben aufblüht.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag. Ihr Pastor Christof Lenzen aus Eschweiler.

(1)Zitiert nach: Mit Eltern umgehen? Also, ich mach das so… – Eine Praxisanregung für die Konfirmandenarbeit zum 4. Gebot, Materialien zum Beitrag im Loccumer Pelikan 1/2013. Von Luise Mäbert. / Kinder und Hausmärchen. Große Ausgabe. Band 1 (1850), Gebrüder Grimm.

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