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Das Geistliche Wort | 24.09.2017 | 08:35 Uhr

Was mein Leben reich macht

O-Ton: Ich habe natürlich gemerkt, dass das Helfen gibt einem natürlich auch selber etwas, also ich kann gar nicht sagen, wie viele, aber hunderte von Beziehungen ich habe durch das Helfen, also Leute, die ich halt kennengelernt habe, und mitten im Dschungel Fußball gespielt – das hätte ich wahrscheinlich sonst im ganzen Leben nie.

Autorin: Das sagt einer, der sein Leben der Hilfe für Straßenkinder verschrieben hat: Ferdinand Amsler aus Zürich. Guten Morgen! Die Frage, was er mit seinem Leben anfangen will und was ihn glücklich und reich macht, hat Ferdinand Amsler für sich beantwortet. Er will helfen, wo ihm die Not vor die Füße fällt. Ob zuhause oder eben im Dschungel.

O-Ton: Dort im Schlamm am Fluss haben wir gespielt, und waren von oben bis unten voll mit Morast und die Kühe waren herumgestanden, und einer hat noch gesagt: „Geh nicht so nah an den Fluss, da hat´s Krokodile,“ und wir haben trotzdem weitergespielt, und solche Erlebnisse hätte ich natürlich nie gehabt, wenn ich so ein ganz null acht fünfzehn Leben geführt hätte.

Autorin: Ich lerne Ferdinand Amsler kennen als pensionierten Jugendmitarbeiter, der heute ehrenamtlich mit Jugendlichen und Geflüchteten seiner Kirchengemeinde arbeitet. Helfen, wo ihm die Not vor die Füße fällt. Das hat er schon sein ganzes Leben lang getan.

In einer gut situierten Familie aufgewachsen, hatten ihn schon als Kind die armen Familien angezogen, die ihre Hütten auf einer Brache auf seinem Schulweg durch das Reichenviertel hatten. Immer wieder machte er dort halt und brachte schließlich das Gemüse aus dem Schulgarten dorthin. Nach einer gewöhnlichen Schulbildung hat er die Kunstgewerbeschule besucht und zunächst als Offsetdrucker gearbeitet. Dann hat ihn die Arbeit für eine Werbeagentur nach Brasilien gebracht und da ist ihm die Not der Straßenkinder vor die Füße gefallen.

O-Ton: … Das kam von meiner Firma, die haben ein Projekt unterstützt, das sind sogenannte SOS-Kinderdörfer, die hat es ja auf der ganzen Welt, und man hat das unterstützt, und man hat dann irgendeinen gebraucht, der mal dort vorbeischaut, ob wirklich das Geld ankommt, und wie die mit dem umgehen, und… das hab ich dann auch gemacht.

Autorin: Die Firma hatte ihren Sitz in einem Reichenviertel, aber kaum hatte man das Haus verlassen, waren da diese Straßenkinder und ihre Familien in absoluter Not.

O-Ton: Unter jeder Brücke haben die geschlafen und haben gebettelt oder sind einfach Teil des Lebens gewesen.

Autorin: Ferdinand Amsler hat Brasilien bereist und ist immer mehr mit den Kindern und ihren Familien und deren Not in Kontakt gekommen. Er hat sich für Straßenkinderprojekte engagiert und hat sich um Nachhaltigkeit bemüht.

O-Ton: Dann haben wir – sagen wir 150 Kinder und man muss neue Betten kaufen für diese Kinder, dann haben wir das – beim örtlichen Schreiner haben wir das machen lassen, und der war dann das ganze Jahr auch zuständig, dass diese Betten sich erhalten und damit hat auch ein Kleinhandwerker, dem es auch nicht so gut geht, hat dann auch wieder eine Einkommen gehabt. Das Personal oder der größte Teil des Personals von diesen kleinen Projekten, die leben auf gleichem Niveau wie die Kinder – oder auch aus ganz bedürftigen Familien, und wenn sie dort Arbeit finden in einem solchen Projekt, profitiert natürlich auch ihre Familie.

Musik: Gilberto Gil, Toda menina baiana; Gambiarra; Text und Musik: Gilberto Gil; Label: WM Brazil; LC 99999 (unbekannt)

(0:40)

Autorin: Und so ist allmählich aus diesem Engagement eine Lebensaufgabe geworden, die einem zufällt und doch nicht zufällig ist. Und das verbindet sich für Ferdinand Amsler mit einer ganz besonderen Erfahrung:

O-Ton: Einmal, und das ist vielleicht hervorzuheben, war ich am Strand. Ich war ziemlich angeschlagen von der Reise etwas verletzt und hab mich da zurückgezogen und war in einem relativ eleganten Straßencafe am Strand, und habe zugeschaut, wie die Polizei auf Pferden eine Gruppe von Straßenkindern probierte, aus dem Park, in dem dieses Hotel oder Restaurant war, zu verjagen.

Autorin: Eines dieser Kinder, ein Junge, flüchtete unter den Tisch, an dem Ferdinand Amsler saß. Der Tisch war mit einem weißen Tuch zugedeckt, das bis an den Boden hinunterhing.

O-Ton: Und ich hab da gesessen wie – man könnte sagen wie in der Kolonialzeit, und habe auf das Meer geschaut, und der war dann unter meinem Tisch und hat an meinen Hosen gezupft, dass ich ihm etwas zu Essen gebe, und ich hab das dann runter getan, und er wollte immer mehr und mehr, und da ging auch ein Cola herunter, und so weiter, und irgendwann ist er hervorgekrochen und weggerannt, und ich bin dann zurückgegangen.

Autorin: Womit die Geschichte noch nicht zu Ende ist. Denn dieser Junge lief dem Mann hinterher, der ihm zu Essen gegeben hatte.

O-Ton: Und dann hat einer von der Rezeption mir gerufen und gesagt, da unten sei ein Junge und der sagt, sein Vater schläft in diesem Hotel. Ob ich das sei. Und ich habe gesagt: „Nein, ich habe kein Kind, aber ich schau mal. Ich geh mal runter, wer das ist“, hab ich wunder genommen und dann war das dieser Junge.

Autorin: Ferdinand Amsler hat dann versucht, diesen Jungen ins eins seiner Projekte zu integrieren und so ist die Beziehung zu ihm über Monate gewachsen.

O-Ton: Ich habe dann diesen Jungen adoptiert – auf seinen Wunsch, muss ich sagen, ich war da nicht federführend, aber er wollte unbedingt, dass ich sein Vater werde, und so ist es dann gekommen, und heute lebt er in der Schweiz mit seiner Familie, hat vier Kinder – zwei in Brasilien und zwei in der Schweiz.

Autorin: Zugefallen im wahrsten Sinne des Wortes ist ihm diese Aufgabe. Und Ferdinand Amsler hat diese Verantwortung übernommen. Noch vier weitere Kinder hat er adoptiert, hat deren Geschwister und Familien kennengelernt und versucht, auch für sie etwas zu tun. Und das hat ihn und sein Leben verändert.

O-Ton: Ja, sagen wir, ich kam eigentlich aus einer sehr gut situierten Familie, und das Ziel war, das man noch mehr hat und vielleicht noch besser aufgestellt ist. Und-e- das Materielle war ganz stark im Vordergrund, und das gesellschaftliche Leben und so weiter. Und bei mir persönlich hat sich das schon etwas verschoben.

Autorin: Er hinterlässt andere Spuren mit seinem Leben als seine Verwandten, nicht...

O-Ton: ...indem ich vielleicht eine große Gemäldesammlung erstelle, oder so, sondern ich vielleicht, wenn es gut geht, einige 100 Häuser aufstellen kann, wo Familien dann eigenen Boden haben, und einen eigenen Start in eine bessere Zeit.

Musik: Djavan, Ansia de viver; Text und Musik: Djavan; Label: Luanda Records; LC 99999 (unbekannt) (1:15)

Autorin: Mich hat dies Engagement sehr an die Goldmarie aus dem Märchen Frau Holle erinnert. Sie hat keinen Plan für ihr Leben. Sie nimmt die Brote heraus, wenn sie rufen. Sie schüttelt die Äpfel, wenn sie reif sind. Sie tut, was getan werden muss. Sie folgt dem, was ihr vor die Füße fällt – dem Ruf der Situation, ohne über ihren Lohn oder die eigne Karriere nachzudenken. Albert Schweitzer hat das Ehrfurcht vor dem Leben genannt. Eine Haltung, die daraus erwächst, dass man sich versteht als „Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“. Das meint, den eignen Willen zum Leben anzuerkennen, sich ernst nehmen mit den eigenen Wünschen und dann dem anderen genau dasselbe zuzugestehen. Daraus erwächst ein ethischer Grundsatz, der auch Ferdinand Amsler wichtig ist:

O-Ton: Die, die mehr haben, ganz gleich wie und wo, die müssen eigentlich sehen – auch das andere sehen, und dann muss man auch teilen.

Autorin: Für Ferdinand Amsler ist es kein Verzicht, zu teilen, im Gegenteil.

O-Ton: Aber ganz sicher hat das mein Leben auch reicher gemacht, ich kann da gute Vergleiche ziehen, also Leute, die in meiner Umgebung leben- Kernfamilie und so weiter, die sind nicht glücklicher als ich, also trotzdem dass sie viel mehr haben, und ich habe durch das, durch mein Engagement materiell gesehen weniger, weil ich natürlich mich sehr stark engagiert habe, aber das macht mir eigentlich nichts aus. Der Reichtum ist einfach ein anderer.

Autorin: Manchmal treffen ihn Kinder auf der Straße wieder, Jahre später, wenn sie längst erwachsen sind und fragen „Kennst du mich noch?“ So wie bei dem jungen Mann, der ihm dann seine Geschichte erzählt.

O-Ton: ... dass er vielleicht hungrig war oder nicht wusste, wo er schlafen konnte, und ich war dort vielleicht seine einzige Rettung an diesem Abend, und ich seh, dass aus ihm etwas geworden ist, dass – dass er sich fangen konnte und er zeigt mir ganz stolz sein Kind, das vielleicht dann 10 oder 15 Jahre alt ist oder gleichalt, wie er dort gewesen ist und kommt sauber daher und geht in die Schule und hat auch eine Zukunft im Leben, das freut einen natürlich schon sehr-e- also dann denkt man schon: Da hat man das Richtige gemacht zum richtigen Zeitpunkt.

Autorin: Diese Erfahrung ist für Ferdinand Amsler so stark, dass er sie gern auch an Kinder und Jugendliche weitergeben möchte. Was macht glücklich und reich? Für ihn ist die Sache klar:

O-Ton: Das erste ist, dass man nur etwas verändern kann, wenn man sich engagiert oder etwas tut. Also nur mit Hinschauen und sagen, wie arm die Leute sind oder wie gebrechlich oder wie verletzlich, mit dem hat man noch nichts gemacht. Man muss bereit sein zu – zu agieren.

Autorin: Noch immer fährt Ferdinand Amsler zuweilen nach Brasilien. Seit er pensioniert ist, kümmert er sich zuhause in der Schweiz in seiner Gemeinde ehrenamtlich um Jugendliche und um Geflüchtete. Ist wieder da, wo ihm die Not vor die Füße fällt. Und er kümmert sich um die Gemäldesammlung seiner Familie, die ihn nur den Brasilianer nennt. Auch das ist ihm vor die Füße gefallen. Weil er doch die Kunstgewerbeschule besucht hat, haben sie gesagt.

Mich beeindruckt das sehr. Es ermutigt mich, nicht den ganz großen Plänen nachzulaufen, sondern die Augen offen zu halten für das, was dran ist. Mich da, wo ich bin, am richtigen Platz zu fühlen. Mich dem zu stellen, das mir entgegen kommt. Das Naheliegende tun. Das dem Leben dienliche. Verantwortlich mit dem umgehen, was einem vor die Füße fällt. Das als die eigne Aufgabe verstehen und anpacken, Das macht das Leben wirklich reich.

Ich wünsche Ihnen noch einen guten Sonntag: Sabine Haupt-Scherer, Bielefeld.

Musik: Santana, Africa Bamba. Text und Musik: I. Toure, S. Tidiane Toure, C. Santana, K. Perazzo; Label: BMG Arista, LC 03484 (2:03)

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