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Kirche in WDR 5 | 30.04.2015 | 06:55 Uhr

Welche Hilfe braucht das Sterben?

Guten Morgen! Früher hatten die Menschen Angst vor dem plötzlichen, unvorbereiteten Tod. Heute ist es umgekehrt. Die Angst vor dem plötzlichen Tod ist der Angst vor dem langen Sterben gewichen. Die wenigsten haben noch Furcht vor Höllenqualen nach dem Tod; viele, sehr viele aber fürchten sich vor Höllenqualen davor. Wenn man sie fragt, wovor es ihnen graut, sind es oft stehende Wendungen: „an Apparaten angeschlossen sein“, „an Schläuchen hängen“, „nur noch dahinvegetieren“.

Darum ist der Ruf nach aktiver Sterbehilfe laut geworden. Christen sagen dazu oft: Das Leben ist aber doch ein Geschenk Gottes. Darum darf man es nicht aus eigenem Entschluss beenden. Dass das Leben ein Geschenk Gottes ist und nicht eine Laune der Natur, ist ein wunderbarer Glaube. Den teile ich. Aber er darf nicht zum frommen Spruch werden. Es gibt Lebenssituationen, die kein Mensch haben will, geschenkt erst recht nicht. Der Glaube darf kein theologisches Totschlagargument werden gegen die Angst vorm unwürdigen Leben.

Was aber ist das, ein unwürdiges Leben? Ein niederländischer Dokumentarfilm erzählt das Schicksal eines begnadeten Cellisten, Tobias. Nach Herzstillstand und Wiederbelebung ist nichts vom alten Tobias geblieben. Nur seine Freude an Musik. Sein Bruder meint: „Ich bin mir sicher, dass er gesagt hätte: Sterbehilfe! Dies will ich nicht.“ Tobias selbst sieht man beim Plantschen im Wasser im Pflegeheim. Er sagt schwerfällig: „Ich will nicht sterben.“ (1)

Was würdig und was unwürdig ist, das empfindet man oft ganz anders, je nachdem ob man kerngesund ist, oder ob die Situation da ist, vor der einem so gegraut hat. Da ist einer, der behauptete immer: „Lieber mache ich Schluss, bevor ich mir den Hintern von anderen abwischen lasse!“ Jetzt sitzt er gewindelt im Rollstuhl, schaut mit seinem Sohn einen witzigen Film und lacht Tränen. Da ist einer, der sagte immer: „Lieber springe ich aus dem Fenster, bevor ich als Trottel durch die Nachbarschaft laufe.“ Jetzt ist er dement und sitzt mit zufriedener Miene da, vertieft in ein Bild, das er malt.

Würde ist für viele gleichbedeutend mit Selbstbestimmung. Was aber bestimmt die Selbstbestimmung? Das Selbst hört von der Belastung der jungen Generation durch die vielen Alten und hat Angst. Es hört von Heimen, in denen alte Menschen schlecht versorgt sind, und hat Angst. Ein ängstliches Selbst ist jedoch nicht wirklich frei. Mit der Selbstbestimmung ist es nicht ganz so weit her, wie uns oft glauben gemacht wird.

Es wäre bitter, wenn Selbstbestimmung sich allein darin erweisen würde, dass wir das Recht haben uns selbst zu töten. Selbstbestimmung heißt vor allem, dass jeder ohne schlechtes Gewissen sagen kann: Ja, ich will weiter leben, auch wenn ich anderen zur Last falle, auch wenn meine Pflege über 4000 € im Monat kostet, auch wenn mein Weiterleben meinen Kindern das Erbe auffrisst. Ich will nicht sterben. Diese Freiheit leben zu wollen darf nicht bröckeln unter moralischem oder wirtschaftlichem Druck. Schwerstkranke haben diesem manchmal sehr unterschwelligen Druck wenig entgegenzusetzen.

Auch wenn man sich zuvor noch so viele Gedanken über Würde und Selbstbestimmung gemacht hat: Wenn es ans Sterben geht, wird es sehr konkret. Und jedes Sterben ist anders. Immer aber ist es so: Sterbende Menschen brauchen so viel Fürsorge wie Säuglinge. Hier hilft vor allem Liebe, die den sterbenden Menschen begleitet. Das kann bedeuten ihn zu halten, ihn aber auch in Ruhe zu lassen. Das kann bedeuten ihn bei einer quälenden Behandlung zu unterstützen. Aber auch, ihn dabei zu unterstützen auf eine weitere Therapie zu verzichten. Es heißt immer, ganz da zu sein, aufmerksam für das, was der Sterbende in diesem Moment, hier und jetzt braucht. Manchmal braucht er jemand, dem er sagen darf: Ich will nicht mehr. Manchmal ist genau dies es, was ihm zum Standhalten hilft. Ihre Pfarrerin Silke Niemeyer aus Recklinghausen.

1 Erzählt von Gerbert van Loenen, Das ist doch kein Leben mehr, Mabuse Verlag 2014

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