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Kirche in WDR 5 | 14.01.2016 | 06:55 Uhr

Widerstandskraft

Guten Morgen!

Es gibt Menschen, die faszinieren mich und ziehen mich an, weil sie Kraft ausstrahlen und über eine ungeheure Souveränität verfügen obwohl sie Schläge einstecken müssen.

Vaclav Havel zum Beispiel, der tschechische Dramatiker, Politiker und leidenschaftliche Menschenrechtler ist für mich so ein Mensch. Er war der letzte Staatspräsident der Tschechoslowakei und der erste der Tschechischen Republik. 1979, der Zeit des Kommunismus, war Vaclav Habel wegen seines politischen Engagements für die Menschenrechte zu viereinhalb Jahren Haftstrafe verurteilt worden.

Havels Briefe aus der Haft sind Zeugnis einer inneren Freiheit, die er sich regelrecht erarbeitet hat. Einmal pro Woche durfte Havel damals im Gefängnis Briefe an seine Frau Olga schreiben – und er wusste, dass die Zensur ihn überwachte. Die Briefe lassen erkennen, dass Havel entschlossen ist, sich von der Haft nicht beugen zu lassen. Er nimmt sich vor, nicht als gebrochener Mann in die Freiheit zurückzukehren. In einem seiner ersten Briefe an seine Frau schreibt er:

Sprecher:

„Du sollst so leben, als ob ich auf dem Ausflug sein werde, also ganz normal. Wie lange ich auf dem Ausflug sein werde, das freilich weiß ich nicht, ich mache mir keine Illusionen, und eigentlich denke ich fast gar nicht darüber nach.“

Er beschließt, Englisch und Deutsch zu lernen, und in der Bibel zu lesen; treibt Gymnastik und verzichtet auf unnützes Grübeln. Die Haft deutet er um in ein Training der Selbstbeherrschung. In einem weiteren Brief notiert er:

Sprecher:

“Eine der Aufgaben, die ich meinem langen Gefängnisaufenthalt geben will (ist), eine Art ‘Selbstkonsolidierung’.”

Er philosophiert über die Endlichkeit des Lebens, über Versagen und Schuld, über das Absolute. So schreibt er:

Sprecher:

„Sicherlich könnte ich mein “irgend etwas” oder den “absoluten Horizont” einfach durch das Wort “Gott” ersetzen, jedoch scheint mir das nicht seriös zu sein. Ich versuche, so genau wie möglich die Sache so zu beschreiben, wie (…) ich sie fühle, also keine Gewißheiten dort vorzutäuschen, wo sie nicht sind. Die Nähe zu christlichem Fühlen gestehe ich ein... doch muß man in diesen Dingen sehr vorsichtig sein und die Worte wohl abwägen.“

Für mich klingt das wie konzentrierte Übungen – und das über mehr als vier Jahre! Immer auf der kritischen Spur sich selbst und die Welt realistisch zu sehen.

Havel erschließt sich seine Welt durch Bilder, Erinnerungen, Perspektiven, und entwickelt so eine Lebenshaltung, die selbst in schwieriger Lage die Hoffnung nicht verliert. Als er 1983 aus der Haft entlassen wird, ist er nicht gebrochen, im Gegenteil: Er hat sich eine große innere Freiheit erarbeitet.

Das selbstverordnete Trainingsprogramm Havels fasziniert mich. Geistliche Übungen, die den Blick für die Wirklichkeit schärfen und mich so stärken und kraftvoll machen, um mit meinem Leben umzugehen: Nichts beschönigen, nichts ausblenden, nichts schlecht reden, sondern sich einstimmen auf das, was ist. Wie Vaclav Havel es zeigt: Die Widerstandskraft wächst aus dem Realitätssinn.

Aus Essen grüßt Sie Markus Potthoff

*** Vaclav Havel, Briefe an Olga, Frankfurt a. M. 1990, S. 11ff.

Vaclav Havel, Briefe an Olga, Frankfurt a. M. 1990, S. 11ff.

Vaclav Havel, Briefe an Olga, Frankfurt a. M. 1990, S. 11ff.

Copyright Vorschaubild: Public Domain wikipedia

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