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Kirche in WDR 3 | 24.02.2015 | 07:50 Uhr

Worte retten

„Na, von Ihnen habe ich ja schon viel gehört!“ So oder ähnlich werde ich manchmal begrüßt. Bei mir kommen dann immer gleich Phantasien auf, was genau man denn wohl schon von mir gehört hat. Hat mein Gegenüber sich womöglich schon festgelegt auf ein Bild von mir? Umgekehrt passiert mir das aber ja auch. In meiner Arbeit treffe ich dauernd Leute, deren Ruf mir vom Hörensagen schon vorauseilt. Manchmal, wenn es weniger Gutes ist, denke ich dann im Stillen: „Ja, ich hab schon viel von dir gehört!“.

Und mal ehrlich: Das berühmte Hörensagen ist die beste Basis für Vorurteile. Und ob man will oder nicht: Es kann die Art und Weise beeinflussen, wie ich jemandem begegne, wie ich jemandem zuhöre, ja, was ich von ihm höre und was nicht. Mein vorgefertigtes Urteil über den anderen, kann dann auch darüber entscheiden, wie ich das bewerte, was er sagt. So kann man es sich natürlich einfach machen, denn dann muss ich gar nicht mehr so genau hinhören – ich weiß ja schon, was mich da erwartet. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Wer umgekehrt schon mal auf so voreingenommene Zuhörer gestoßen ist, der weiß auch, wie schwer es ist, da rauszukommen. Wie schnell legt sich dann der Eindruck nahe: Der andere will mich gar nicht verstehen.

Ich habe mir darum für meine Fastenzeit vorgenommen, auf solche Vorurteile einfach mal zu verzichten – oder den Spieß wenigstens umzudrehen: Ich bilde mir nur positive Vorurteile. Diese Übung ist – zugegeben – nicht ganz leicht. Aber es gibt jemanden, der mich darin sehr motiviert: Ignatius von Loyola. Der Ordensgründer der Jesuiten ist bekannt für seine geistlichen Übungen, die Exerzitien. Darin gibt er an einer Stelle einen wichtigen Rat für alle Seelsorger, die Menschen begleiten wollen. Er schreibt:

Jeder gute Christ muss bereitwilliger sein, die Aussage des Nächsten zu retten, als sie zu verurteilen. (Exerzitienbuch, 22)

Das mag erst einmal eigenartig klingen – die Worte sind ja auch schon knapp 500 Jahre alt. Aber ich denke, da ist auch heute noch etwas dran: Die Worte des anderen nicht sofort verurteilen, sondern retten. Aufs Retten kommt es an. Bevor ich vorschnell mein Urteil über die Worte des Anderen fälle, sollte ich mich prüfen, ob der andere das wirklich so meinte, wie ich es gehört habe.

Natürlich kann es vorkommen, dass er mich absolut irritiert mit dem, was er da sagt. Vielleicht bin ich ganz anderer Meinung. Aber was wäre, wenn hinter dem Gehörten tatsächlich eine gute Absicht steht? Ignatius würde also sagen: ich soll auf jeden Fall bereit sein, das Wort des anderen auf diese Weise retten zu wollen. Der andere und ich haben ganz sicher mehr davon: denn wir könnten nicht nur das Gespräch im guten Sinne fortsetzen.

So gesehen, begegne ich dem anderen also zuerst mit einem positiven Vorurteil. Ich unterstelle ihm eine gute Absicht.

Ich mag diesen Gedanken des Rettens sehr. Vor allem deshalb, weil ich schon so manches Mal die Erfahrung gemacht habe, dass mir andere genau so begegnet sind: denn wie oft musste man auch meine Aussagen schon retten! Es hilft mir einfach mehr, wenn ich merke: da hört mir jemand aufmerksam zu, lässt sich nicht zu schnell zu einem Urteil verleiten, fragt nach – und gibt mir so auch die Chance, mich ggf. zu korrigieren; er hat also ein positives Vorurteil von mir; ganz egal, was er vorher schon alles von mir gehört hat.

Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen in ihrem Alltag viele Menschen begegnen, die Ihre Worte retten. Und vielleicht gelingt es Ihnen heute, ein wichtiges, nicht ganz so genehmes Wort nicht zuerst mit Widerspruch aufzunehmen, sondern in diesem Sinne zu retten. Einen guten Tag wünscht Ihnen Graciela Sonntag aus Münster.

Bildrechte: Max Braun (flickr) CC BY-SA 2.0

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