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Kirche in WDR 5 | 09.06.2017 | 06:55 Uhr

Wunschknochen

Guten Morgen !

„Guck mal Papa, das ist ein Wunschknochen“, sagt meine Tochter, als ich sie vom Kindergarten abhole. Und hält mir einen goldlackierten Hühnerknochen vor die Nase.

„Aha, wo hast Du denn den her?“ Ich bin irritiert. „Der war in dem Schatz, den wir heute gefunden haben.“ Und dann kommt eine Geschichte von einer Flaschenpost, die über das Meer in den Bach hinter dem Kindergarten gelangt ist. „Ja und da war eine Schatzkarte drin und wir haben ein Kiste gefunden mit einem Wunschknochen für jeden. Und da musst Du sagen: ‚Tulilingang-Ga’“ – meine Tochter wedelt das Ding im Takt durch die Luft – „und kannst Dir was wünschen und dann passiert das auch.“

„Mmh“, sage ich um Zeit zu gewinnen, denn ich weiß nicht, was ich sagen soll. „Und, was hast Du Dir gewünscht?“ „Dass meine Annabell wieder ganz ist“. Das ist ihre Puppe. Sie ist gestern in der Mitte durchgerissen. Der Plastikring, der Ober- und Unterkörper zusammenhält ist gebrochen. Das war ein Drama. Auf der Rückfahrt vom Kindergarten ist es still, aber von hinten klingt es leise „Tulilingang-Ga“.

Ich staune und ich ärgere mich. Ich ärgere mich über eine liebevolle aber auch ziemlich gedankenlose Aktion, die die Kinder erst überrascht und dann übel enttäuschen wird. Und ich staune. Ich staune über diesen schönen Glauben daran, dass die Welt nicht taub ist für unsere Wünsche, dass ein Hühnerknochen oder ein Gebet, die Welt ändern, einen zerrissenen Körper wieder heil machen kann. Soll ich ihr sagen, dass die Welt so nicht ist? Will ich das? Darf ich das?

„Das Gebet der Gerechten vermag viel, wenn es ernst ist“ - heißt es in der Bibel (Jakobusbrief 5,16). Aber das waren wohl andere Zeiten. Heute meldet sich als erstes die Vernunft und greift beleidigt zur Pfeife, wenn Du einen zusätzlichen und nicht mal ordentlich gemeldeten Spieler wie das Gebet aufs Feld schmuggelst.

Da ist der Stolz und will Dir verbieten, Dich hilflos und bedürftig zu zeigen – und sei es auch nur vor Dir selbst. Und da ist vor allem die Erfahrung unerhört zu bleiben.

Ja wirklich, beten ist kein Kinderspiel. Und doch betet fast jeder Zweite - sagen Studien (1). Ob die sich alle für „gerecht“ halten. Wahrscheinlich nicht. Aber sie alle beten. Nicht jetzt vielleicht und nicht immer. Aber sie beten und greifen damit hinaus über die Grenzen ihres Könnens, ihres Denkens und ihrer eigenen Kraft. Sie beten und zwar - so die Studien - beten die meisten nicht für sich sondern für andere - eine Freundin, für die alten Eltern, den kranken Kollegen - oder vielleicht eine zerrissene Puppe.

Jeder und jede zweite betet. Und ich begegne ihnen heute - in der U-Bahn oder an der Kasse. Und die meisten von ihnen beten für andere - noch bevor sie für und von sich reden. Und auch die, für die da gebetet wird begegnen mir und ich ihnen.

Übrigens ist Annabell durch einen handelsüblichen Kabelbinder geheilt worden, der den Plastikring perfekt ersetzte. Ich wäre da nie drauf gekommen. Wie gut, dass man jemanden fragen kann.

Einen überraschenden Tag wünscht Ihnen Ihr Jan-Dirk Döhling aus Bielefeld.

(1)Daten des Bertelsmann-Religionsmonitor 2008; vgl. Heiner, Meulemann, Nach der Säkularisierung. Religiosität in Deutschland 1980-2012, Köln 2015, 48.

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