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Hörmal | 31.01.2016 | 07:45 Uhr

Zeugnisangst

Nach dem Zeugnis ist vor dem Zeugnis. In der letzten Woche gab es Schulzeugnisse zum Ende des Schulhalbjahres. Für vier Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland ist damit die Warnung verbunden: „Die Versetzung ist gefährdet!“ In absoluten Zahlen sind dies etwa 300.000. Das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl von Münster in Westfalen. Auch wenn tatsächlich nur die Hälfte davon wirklich zum Schuljahresende sitzenbleiben wird, sagt das noch nichts aus über Versagensängste und Schulstress jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin. Auch Eltern leiden darunter, weil sie sich vielleicht für ihr Kind schämen, an dem Erfolg ihrer Erziehung zweifeln oder sich eigener Defizite bewusst werden.

Versagensängste und Schulstress werden oft langfristig genährt durch unrealistische – oft zu hohe – Erwartungshaltungen aller Beteiligten. Dazu kommen nicht akzeptierte Leistungsgrenzen, weil nicht jedes Kind ein kleiner Einstein sein kann. Schließlich hängen Lernerfolg und Leistungsfähigkeit der Kinder unter anderem auch vom sozialen Umfeld ab. Es ist längst nachgewiesen, dass z. B. Kinder mit Migrationshintergrund es allein sprachlich schon viel schwieriger haben als andere Kinder und dadurch oft unter ihren Entwicklungsmöglichkeiten bleiben. Gerade angesichts der Flüchtlinge, die Deutschland erreichen, erwarten uns hier sehr große Herausforderungen im Bildungssektor.

Nach dem Zeugnis ist vor dem Zeugnis. Das zweite Schulhalbjahr beginnt jetzt erst gerade. Ich bin weder Politiker noch Pädagoge. Und beim Thema Lernen kommt mir daher noch ein anderes Lernfeld in den Sinn: Nämlich zu lernen, den anderen mit all seinen Fähigkeiten wahrzunehmen. Jeder Mensch zeichnet sich doch durch sehr viel mehr aus als durch Noten auf dem Zeugnis. Jeder Mensch hat doch unterschiedliche Fähigkeiten und Talente, die es zu entdecken gilt: Keiner hat alle Talente und niemand hat keine. Jedem ist etwas von Gott gegeben, das ihn auszeichnet und zwar als Abbild Gottes. Und alleine diese Tatsache macht jeden Menschen zu einem einmaligen, unaustauschbaren Wesen, weshalb ihm mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen ist - auch und vor allem dann, wenn es mit dem Zeugnis mal nicht so gut klappt.

Was wären also positive Eigenschaften, Fähigkeiten und Talente die mein Gegenüber auszeichnen, ob er nun Schüler ist oder Kollegin, Freund oder Vorgesetzte, Nachbar oder Asylsuchende jenseits irgendwelcher Zeugnisse. Dies herauszufinden, könnte schon fast ein neues Lernfach sein, über das nächste Halbjahr hinaus.

Übrigens, als ich in der neunten Klasse war, hatte ich keine Lust mehr auf Schule und Lernern, was sich auch auf meinen Notendurchschnitt auswirkte. Auf mein ewiges Gemaule über die Schule meinte meine Mutter damals nur, ich solle getrost eine Ehrenrunde drehen. Das habe ich aber sofort weit von mir gewiesen: Noch ein Jahr länger auf der Schule – nein danke, genau das wollte ich schon gar nicht. Gut an der Reaktion meiner Mutter war: Sie hat mich ernst genommen in meiner Unlust und gleichzeitig in mir ein Talent hervorgelockt, logisch mit einem Problem umzugehen. Ein echter Lernerfolg würde ich heute sagen.

Copyright Vorschaubild: Zeugnis Dirk Vorderstraße CC BY 2.0 flickr

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