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Das Geistliche Wort | 19.04.2015 | 08:40 Uhr

Ziemlich heil ist auch schon was

Nicht schon wieder eine Heilungsgeschichte:

Sprecher: „Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachten die Leute alle Kranken und die von Dämonen besessenen Menschen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt. Die Menschen litten an den unterschiedlichsten Krankheiten. Jesus heilte sie alle.“ (Markus 1,32-34)

Autorin: Ich habe meine Mühe mit diesen Geschichten. Eigentlich höre ich gerne von Gott, der mit seiner Kraft alles möglich macht. Ich wünschte mir, mit naivem Vertrauen sagen zu können: „Klar, Gott hilft und heilt!“ Vor allem würde ich das gerne den Menschen um mich herum sagen, die gerade krank sind. Das kann ich aber nicht. Die Untersuchungsergebnisse sind manchmal einfach zu deutlich. Und nach meinen Erfahrungen läuft niemand, der 10 Jahre im Rollstuhl gesessen hat, plötzlich wieder herum.

Guten Morgen. Mein Name ist Christel Weber. Ich bin Pfarrerin und lebe in der Nähe von Paderborn. Nachdem eine Freundin an Krebs gestorben war, brauchte ich erst einmal eine Pause mit den Heilungsgeschichten der Bibel. Sie hat diese Geschichten geliebt. Wenn ihr sonntags im Gottesdienst eine von ihnen begegnete, dann ging sie mit neuer Hoffnung nach Hause, angespornt im Glauben, so als wäre der ein Rezept gegen den um sich greifenden Krebs. Am Ende war sie enttäuscht von Gott.

Jetzt höre ich schon den einen oder anderen aufschreien:

Sprecher: „So einfach geht das doch nicht! Sie haben völlig missverstanden, was diese Heilungsgeschichten eigentlich sagen wollen. Die sind doch mehr Zeichen dafür, dass mit Jesus die neue Welt beginnt.“

Oder:

Sprecher: „Manchmal nutzt Jesus auch nur eine Heilung, um zum Beispiel dem Sabbat wieder zu seiner wahren Bedeutung zu verhelfen. An diesem Tag sollen Menschen von ihren Fesseln befreit werden. Das will er mit der Heilung zeigen.“

Autorin: Ich höre das wohl. Ich kann dem auch zustimmen. Aber wenn ich mich um mein Leben oder das meiner Lieben sorge, interessiert mich das nicht sehr. Im Gegenteil, die theologischen Nebenabsichten der Evangelienschreiber verstärken meine Distanz zu Jesus: „Geht es ihm gar nicht nur um die Kranken? Geht es ihm gar nicht nur um mich?“

Meine Freundin ist in ihren letzten Tagen bitter geworden: „Ich habe Gott so vertraut, dass er mich heil macht“, sagte sie.

Und wieder höre ich die empörten Einwände:

Sprecher: „Gott lässt sich doch nicht zwingen.“

Autorin: Kann sein, aber wir haben es trotzdem versucht. So wie die hartnäckige Witwe, von der Jesus in einem Gleichnis erzählt. Die lässt nicht locker, bis der Richter endlich nachgibt. „So sollt ihr beten!“, hat Jesus gesagt. Und das haben wir auch gemacht, als unsere Freundin die niederschmetternde Diagnose bekam: Wir haben gebetet, allein und zusammen: „Gott, mach sie wieder gesund!“ Vermutlich tun das die meisten Leute – selbst die, die eigentlich gar nicht an Gott glauben.

Ich zweifle übrigens nicht, dass ihr das zwischendurch geholfen hat. Sie ist oft fröhlich aus dem Gottesdienst gegangen, sichtbar gestärkt! Vielleicht hat sie durch ihren Glauben tatsächlich länger gelebt. Und durch all das, was sie sonst noch mit viel Inbrunst gemacht hat: Meditation, Psychotherapie, Homöopathie, Himbeeren essen. Die Wirkung positiver Energien erkennen heute auch Schulmediziner an.

Nur heilen in dem Sinne, wie unsere Freundin das für sich erhofft hat, konnte sie das nicht. Manchmal hatte ich Sorge, sie würde sich das als Versagen ankreiden: „Ich habe zu wenig geglaubt, zu wenig getan, ich habe den Schlüssel nicht gefunden.“ Diesen Druck fand ich schrecklich. Denn hintenrum sagt er nichts anderes als: „Du bist selbst schuld daran, dass du krank bist.“ Na, schönen Dank!

MUSIK 1: Track 7 Soka Lami von CD The Best Of, Interpretin und Komponistin: Suthukazi Arosi, Label: Sheer Sound, Copyright: c 2010 Sheer Sound CC, Dauer: 4:38 Minuten, LC-Nummer 48544, ASIN: B00DZT46NA,

Autorin: In einer bunt gemischten Gruppe von Theologinnen und Theologen nähern wir uns der Frage: „Was ist eigentlich Heilung?“ Wir kommen aus Europa, den USA, Afrika, Indien. Und aus ganz unterschiedlichen Kirchen. Es dämmert mir langsam: Wir verstehen unter Heilung alle etwas anderes.

Wir, die wir aus Europa und den USA kommen, verstehen unter Heilung – grob gesagt – die Reparatur einer organischen Fehlfunktion. Es ist wirklich ein bisschen wie bei einer Autoreparatur: Ein Teil ist kaputt, dann wird es repariert oder ausgetauscht, und fertig. Wenn aber zu viele oder die entscheidenden Teile kaputt sind, tja, dann schütteln sie in der Autowerkstatt den Kopf: „Tut mir leid, da ist nichts zu machen.“ Und genauso ist es, wenn sie nichts finden.

Unsere Schwestern und Brüder aus den afrikanischen und lateinamerikanischen Pfingstkirchen sind da ganz anderer Meinung:

Sprecher: „Wenn jemand krank ist, glauben wir, dass böse, widergöttliche Geister am Werk sind. Diese Geister wollen uns in Besitz nehmen. Dagegen helfen nur der Glaube und das Gebet. Wir beten zu Gott, dass er die bösen Geister austreibt. Manchmal geraten wir dabei auch in Ekstase und schreien und singen. Für Leute, die das nicht kennen, ist das bestimmt befremdlich. Aber das ist der Geist Gottes. Er schreit den bösen Geist nieder.“

Autorin: Ich muss an eine Aussiedler-Familie denken. Sie hatten einer Frau 500 Euro gegeben, damit sie in ihrem Haus ein paar Figuren aufstellt, die die Familie beschützen sollten. Aber dann hatte die Familie Angst vor diesen Figuren bekommen. Die Mutter konnte nachts nicht mehr schlafen und bekam starke Kopfschmerzen. Ich habe damals laut in ihrem Hausflur gebetet, dass Christus die Macht dieser Figuren brechen möge. Und dann habe ich die Figuren mitgenommen und beim Supermarkt um die Ecke in den Container geworfen.

Mein bisher einziger Exorzismus. Er hat geholfen! Die Familie konnte wieder schlafen! Die Frau wurde ihre Kopfschmerzen los!

Eine südafrikanische Kollegin erzählt aus der traditionellen Zulu-Kultur:

Sprecher: „Das Wichtigste ist bei uns die Gemeinschaft. Unsere Tradition sagt: Eine Krankheit zeigt an: Da sind die Beziehungen innerhalb der Großfamilie nicht in Ordnung. Wenn wir dann einen Heiler oder eine Heilerin rufen, versuchen sie, diese Beziehungen wiederherzustellen; sie vertreiben die Mächte, die sich in diese Beziehungen drängen und versöhnen unsere Großfamilie. Manchmal müssen sie uns auch mit unseren Toten versöhnen. Die werfen ja lange Schatten. Das kennt ihr sicher auch. Heilsein heißt in unserer Tradition in einer guten Ordnung miteinander verbunden zu sein.“

Autorin: Es hängt von unserer Weltsicht ab, was wir unter Heilung verstehen. Und wenn wir hier in unserer westlichen, materiell orientierten Kultur nur die Reparatur einer organischen Fehlfunktion darunter verstehen wollen, entgeht uns etwas: Heil sein ist mehr. Heil sein ist im umfassenden Sinn verbunden zu sein: mit den Menschen, mit der Natur, mit mir selbst, mit Gott. Wenn wieder zusammen ist, was zusammen gehört.

Wir lesen in der Gruppe ein paar Heilungsgeschichten und entdecken. Die Bibel versteht Heilung tatsächlich viel breiter versteht als wir bisher gedacht haben: Längst geht es nicht nur um die Reparatur einer körperlichen Fehlfunktion.

Einmal schreit Jesus einen Dämonen an: „Gib diesen Mann frei!“ Einmal befreit er einen Menschen sogar von einem ganzen Haufen von Dämonen. Und als die dann nicht wissen wohin, erlaubt er ihnen in eine Schweineherde zu fahren. Die stürzt sich dann flugs einen Abhang hinunter und ersäuft im See. Das klingt befremdlich, wohl wahr!

„Dämonen gibt es doch nicht!“ werden Sie vielleicht sagen, „das ist doch alles dummes Zeug.“ Kann sein! Ich weiß nur: Diese Antwort hätte der Aussiedler-Familie nicht weitergeholfen. Die Figuren in ihrem Haus hatten eine Macht angenommen, die ich nicht einfach wegreden konnte. Um die Familienmitglieder von ihrer Angst zu heilen, musste ich die Macht der Figuren ernst nehmen und die Macht Christi dagegen setzen. Sichtbar und fühlbar!

MUSIK 2: Track Zuva von CD Africa Unite, Komponist: B. Mhlongo, Interpreten: Musik Ye Africa - feat. Oliver Mtukudzi, Busi Mhlongo & Chiwoniso; Label: Sheer Sound; Copyright: 2014 Sheer Sound CC; Dauer: 4:41 Minuten, LC-Nr. 48544; ASIN: B00NFL4JLM;

Autorin: Erstaunt waren wir, wie viel sich von dem traditionell-afrikanischen Heilungsverständnis in der Bibel wieder findet. Zum Beispiel in der Geschichte von dem blinden Bartimäus. Er sitzt bezeichnenderweise am Straßenrand, außerhalb der Gemeinschaft, und wird, als er nach Jesus schreit, von den Leuten auf der Straße angefahren: „Sei still!“. Jesus „repariert“ nicht einfach sein Augenlicht. Er bittet erst einmal die Leute, die Bartimäus eben noch angefaucht haben: „Bringt ihn her zu mir.“ Und auf einmal ändert sich der Ton. Die Leute rufen Bartimäus, und sie sprechen freundlich mit ihm. Danach redet Jesus mit ihm. Er fragt Bartimäus etwas, er nimmt ihn ernst.

Es lohnt sich, bei den Heilungsgeschichten auf alles zu achten: Wo sie stattfinden, wer etwas sagt oder nicht sagt und wie er es sagt. Man kann auch einfach mal abzählen, wie viele Verse sich um die ‚Reparatur’ und wie viele sich um die Beziehungsaufnahme drehen. Und wie oft sagt Jesus am Ende zu dem Geheilten: „Geh nach Hause zu deiner Familie!“ Das Heil wird erst komplett, wenn der Mensch wieder in einer intakten Gemeinschaft lebt.

Ich denke an unsere Freundin, die an Krebs gestorben ist: Sie war umgeben von einer liebevollen Familie. Die hat alles für sie getan und sie mit Lachen und Weinen bis ans Ende getragen. Gute Freundinnen und Freunde sind regelmäßig vorbeigekommen. Die Gemeinde hat wirklich Anteil genommen. War sie nicht ziemlich heil trotz ihrer Krankheit?

Vielleicht waren wir alle zu sehr fixiert auf die ‚Reparatur’ ihres Körpers. Das sagt sich leicht, besonders als ziemlich gesunder Mensch, ich weiß. Aber ich denke gelegentlich: Wir hätten mal miteinander, auch in der Gemeinde über Heilung reden sollen, und über das Heil, das schon da war, die ganze Zeit. Vielleicht hätte das alle etwas entspannt.

Vielleicht hätten wir auch der Macht der Tumormarkerwerte etwas entgegensetzen müssen. Dürfen die unser Leben im Griff haben wie Dämonen? Und dann hätten wir leicht abgewandelt mit dem Apostel Paulus gesagt: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder hohe noch tiefe Tumormarkerwerte uns scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (nach Römer 8,38+39)

Ich kann ziemlich heil sein, auch wenn mich eine schwere Krankheit oder eine Behinderung einschränkt. Verbunden mit lieben Menschen, getragen von Gott, auch wenn wir ihn nicht immer verstehen, zufrieden mit mir. Ziemlich heil, das ist auch schon was!

MUSIK 3 =MUSIK 1

Autorin: In der Bibel stehen nicht nur Geschichten von erfolgreichen Heilungen. Manchmal schaffen es die Jünger einfach nicht, einen Kranken zu heilen. Warum auch immer. Und selbst Jesus versagen einmal die Heilkräfte, als er in seine Heimatstadt Nazareth zurückkehrt.

Vielleicht sind die Nicht-Heilungsgeschichten in der Bibel doch die interessanteren. Weil sie die Frage beantworten, wie man mit Krankheiten und Behinderungen umgehen kann, wenn man sie schon nicht loswird.

Der Apostel Paulus erzählt zum Beispiel, dass er mit einem „Pfahl im Fleisch“, leben muss. Was das war, ist heute schwer zu sagen: Epilepsie, chronische Kopfschmerzen. Vielleicht waren es auch die seelischen und körperlichen Folgen seines schweren Lebens als Nachfolger Christi. Paulus hat darunter sehr gelitten. Er hat Gott wie wir darum gebeten, dieses Leiden von ihm zu nehmen. Und hat dann entdeckt, dass „Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist“. Das finde ich immer noch unerreicht: „Gottes Kraft in den Schwachen…“

Ich denke an Mose, den großen Propheten. Der war vermutlich sprachbehindert. Wie hat er dann seinen Job gemacht, wie ist er vor den Pharao getreten, fragen Sie? Gott hat ihm Aaron zur Seite gestellt. Mose kannte die Worte; Aaron sprach sie aus. Sie waren immer zu zweit. Darauf kommt es doch an, dass niemand in seinen Einschränkungen alleine ist.

Eine Nicht-Heilung hat mir besonders gut gefallen. Sie erzählt von Mefiboschet. Er ist ein Sohn eines Freundes von König David. Als kleiner Junge war er von seiner Amme fallengelassen worden und ist seitdem gelähmt. König David holt ihn zu sich an den Hof und verfügt, dass Mefiboschet täglich mit dem König zu Tisch sitzt. „Du sollst täglich an meinem Tisch essen.“

„Hört ihr, er soll an meinem Tisch sitzen und mit mir essen.“ „Mefiboschet esse an meinen Tisch wie einer der Königssöhne“. David hämmert es seinen Leuten ein, was ihm wichtig ist: Heute würden wir das Inklusion nennen. Darum geht’s doch, oder? Dass wir – mehr oder weniger heil – an einem Tisch sitzen und füreinander da sind.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag! Ihre Christel Weber.

MUSIK 4: Track 8 Banana Ba Rustenberg von CD: Kwela Dreams of Africa, Interpret und Komponist: Spokes Mashiyane, Label: Mach60 Music, Copyright: 2014 Mach60 Music, ohne LC-Nummer, ASIN: B00K6OE6JG.

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