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Sonntagskirche | 10.08.2014 | 08:55 Uhr

Zu Gast in der Benediktinerabtei Praglia

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!

Wohin gehen Ihre Gedanken auf Reisen, wenn Sie sich weg wünschen aus Alltagsroutine, Sorgen und schwerem Gemüt? Irgendein Ort, an dem Sie Schönes erlebt haben, der schon bei einer kleinen Erinnerung die Seele wieder ein bisschen leichter werden lässt? Solche Erinnerungs-Orte sind wichtig, weil sie die Erfahrung wieder wach rufen, dass es das Entspannte, Schöne sehr wohl gibt im Leben, auch wenn im Moment alles anders aussieht. Solche Erfahrungen gilt es zu wach wahrzunehmen und zu bewahren.

Ich habe einige solcher tiefen Erinnerungs-Orte besucht, und - das hängt mit meiner Biographie zusammen, zu der sechs Jahre Mönchs-Dasein gehören - für mich sind Klöster solche Orte. Von einem dieser realen Traumorte möchte ich Ihnen heute erzählen auf unserer „Ohrenreise durch Italien“, zu der ich Sie in diesem Monat jeden Sonntag einlade.

Als ich zum Beispiel in der prallen Mittagssonne an der Benediktiner-Abtei Praglia im Veneto ankam, unweit also von Venedig und Padua, da hatte ich einen merkwürdigen Gedanken im Kopf: „Unglaublich, wie laut Hitze sein kann!“ Denn eigentlich geschieht nichts. Kein Lüftchen geht. Und doch: In den alten, hohen Zypressen und Pinien rings um die Abteikirche aus der Renaissance mühen sich tausende von Zikaden und zirpen gegen die Glut: ein gewaltiges Streichorchester, so laut, dass es nahezu bedrohlich wirkt, wüsste man nicht auch um die beruhigende Wirkung dieser mediterranen Schöpfungsmusik, die jeden leichterdings in den Schlaf zu singen vermag.

Tatsächlich gelingt das selbst hier: Hinter den großen, verschlossenen Portalen der Abtei pflegen auch die Mönche von Praglia ihre Siesta, ruhen ausgiebige zwei Stunden in ihren schattigen Zellen - bei geöffneten Fenstern, geschlossenen Jalousien und surrenden Ventilatoren. Doch bald kommen die Touristen wieder. Schon Benedikt von Nursia stellte vor 1500 Jahren in seiner Regel fest: „Gäste werden dem Kloster nie fehlen.“

In der Tat: Abends, zum Vespergebet in der Abteikirche, versammeln sich außer den Mönchen und einer deutschen Reisegruppe Gäste aus der ganzen Welt, die eine Zeit im Kloster mitleben: Denis, ein Priester aus Australien; Andreas, Kaplan aus China; der 34-jährige Mauro, der zwischen Italien, England und Portugal hin- und herreist, eine Heimat sucht und in Praglia den einen oder anderen Wegweiser zu finden hofft; Giancarlo, ein unglaublich belesener Lehrer für alte Sprachen - und still und heimlich ein in die Jahre gekommener Kardinal aus Rom, der allemal aus der Hitze Roms in Praglias kühlende Barmherzigkeit geflohen ist.

Auf die Vesper folgt ein Genuss ziemlich irdischer Art. Im Refektorium werden beim Abendessen herrlich schmackhafte Salate aus dem Klostergarten gereicht, dazu ein kühler Merlot aus Eigenproduktion. Und wenn am Sonntag durchs sperrangelweit geöffnete Refektoriumsfenster eine kühle Brise hereinweht, der Blick auf die Weingärten hinausgeht und statt Tischlesung Vivaldis „Sommer“ aus den „Vier Jahreszeiten“ aus dem CD-Spieler erklingt, dann braucht es kaum mehr, damit es reichte zum Glück.

Doch es gibt ja noch die Komplet, das Nachtgebet. Längst ist das Kirchentor geschlossen, Mönche und Klausurgäste sind unter sich, weich und sanft wogt der Wechselgesang der Psalmen durchs Kirchenschiff. Der alte Prior tritt vor, stellt sich in die Mitte des Chorgestühls und singt mit verschwebender, warmer Stimme die letzte Bitte dieses Tages an Gott: „eine gute Nacht und erholsame Ruhe.“ Silbe für Silbe: „un riposo tran-quil-lo“. Das letzte O weht durch den Raum. „Amen“, singen die Mönche, bevor das große Schweigen beginnt. Bald darauf sieht man in den dunklen, langen Klostergängen einen Bruder die großen Fenster öffnen. Die Hitze weicht, die Kühle kommt, die Nacht ist da.

So einfach ist das, so wenig - und doch so viel, so unsagbar bereichernd. Es muss ja nicht gleich ein ganzes Leben als Mönch oder Nonne sein. Kleine Klosterinseln aus Stille, Meditation, Gebet oder schlichtweg bewusstem Wahrnehmen - das genügt, das reicht, um das Leben reicher zu machen.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen einen erfüllenden Sonntag! Aus Münster verabschiedet sich Ihr Markus Nolte.

(Copyright Vorschaubild: Markus Nolte, Münster)

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