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Kirche in WDR 5 | 06.08.2016 | 06:55 Uhr

Zum guten Hirten

Guten Morgen!

Mozarts Kleine Nachtmusik, die kann er nicht mehr hören, erzählt der Geiger. So geht es, wenn man immer und immer wieder aufführen muss, was die Leute gern hören möchten. Was für den Musiker die Kleine Nachtmusik, das ist für die Pfarrerin Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“. Meine Bibel schlägt sich von selbst auf dieser Seite auf, weil ich ihn so oft gelesen habe. Der Psalm hat einfach eine wunderbare Trostkraft. Aber sein Schicksal ist, dass er bis zur Unkenntlichkeit verkitscht wurde und wird. Wer kennt nicht die Bilder vom guten Hirten vor lieblicher Landschaft, der das verlorene Schäfchen auf dem Arm trägt. Der Psalm ist jedoch mitnichten eine geistliche kleine Nachtmusik. Das begriff ich, als wir ein Kirchenasyl hatten. Da platzte der ganze Zuckerguss von ihm ab und ich hörte ihn, wie ich ihn noch nie gehört hatte. Nämlich als Gebet eines Geflohenen:

Sprecher:

Du deckst mir den Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mich mit Öl und schenkst mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. (Psalm 23,5 und 6)

Gerettet! Der Entronnene hat sich durchs finstere Tal in Gottes Haus, den Tempel, geflüchtet. Dort hat er Asyl gefunden. Der moderne Asylgedanke leitet sich ja aus diesem uralten biblischen Recht ab. Der Tempel, später die Kirchen waren Asylstätten. Wer in Gottes Haus war, war unantastbar. „Ich werde für immer bleiben in diesem Haus“, ruft er. „Du deckst mir den Tisch im Angesicht meiner Feinde“, triumphiert er beinahe trotzig. „Der Herr ist mein Hirte!“ Das ist absolut keine Schäferromantik. Der Hirte war in der alten Welt der stehende Begriff für den Herrscher. Und diese regierenden Hirten hielten es nicht selten so, wie man im Prophetenbuch Ezechiel liest:

Sprecher:

Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? (...) Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht, das Starke tretet ihr nieder mit Gewalt. (Ezechiel 34, 2-4)

„Ihr lasst die Schwachen im Stich, und die Starken, die euch unangenehm werden könnten, die lasst ihr nicht groß werden“, wirft der Prophet der Politik vor. Psalm 23 und die vielen anderen Bibeltexte über Gott oder Christus als gutem Hirten – sie sind die Antwort auf diese bittere Kritik an den Regierenden. Sie formulieren ein Gegenprogramm zu dem Regierungsprogramm der sich selbst weidenden Herrscher. Gottes Vorstellung von Regierung hat andere Prioritäten, diese nämlich: die Schwachen stärken, die Kranken heilen, die Verwundeten verbinden, die Verirrten zurückholen, die Verlorenen suchen, und, das ist auch wichtig: die Starken und Fähigen stärken, nicht schwächen. Das ist kein Sozialklimbim, der der Zivilgesellschaft überlassen werden kann, wie wir es heute ausdrücken würden. Das ist die Kernaufgabe der Hirten.

Das ist nicht weltfremd. Das ist auch keine kleine Nachtmusik, sondern ein großes Tagwerk. Das ist die Überzeugung, die der christliche Glaube bewahrt. Psalm 23, dieses Gebet eines Geflohenen und Geretteten, hält sie fest, und ich liebe ihn dafür.

Einen guten Tag wünscht Ihnen Silke Niemeyer, Pfarrerin in Lüdinghausen

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