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Sonntagskirche | 29.06.2014 | 08:55 Uhr

Zur Heiligtumsfahrt in Aachen

„Was ist das denn?“ Mit einer Mischung aus Entsetzen und Ekel ziehe ich einen Stapel uralter, leicht angegilbter Stofftücher aus einem Karton hervor. Er hat in einer Ecke des Kellers gestanden und ist seit Jahren nicht angerührt worden. Neugierig schaut meine Mutter um die Ecke. „Das“, verkündet sie mit unverkennbarem Stolz in der Stimme, „das sind deine Windeln!“

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer von WDR4. Erinnern Sie sich an die Zeit als es noch keine Pampers gab? Ganz schön mühsam war das, die Windeln immer wieder zu waschen und sauber zu bekommen. Fasziniert halte ich jetzt die feinen Baumwolltücher in der Hand. Unvorstellbar, dass ich darin einmal eingewickelt war.

Die Windeln stehen ganz am Anfang eines Lebens. Sie sind das erste Kleidungsstück das einem Menschen angelegt wird. Die Windeln sucht man sich nicht selber aus. Und man ist schon gar nicht in der Lage sie selber anzuziehen. Am Beginn des Lebens ist jeder auf Hilfe und Schutz angewiesen, um zu überleben. Die Windeln hüllen das Kind ein, so wie es hoffentlich auch sonst von der Liebe der Eltern umhüllt und begleitet wird. Ein neugeborenes Kind ist selbst noch wie ein weißes Tuch, wie ein unbeschriebenes Blatt. Wie mag sich sein Leben entwickeln? Wie wird es sich entfalten?

Am heutigen Sonntag endet in Aachen die Heiligtumsfahrt. Seit über einer Woche werden dort bestimmte Reliquien und Stoffheiligtümer den Gläubigen gezeigt und von ihnen verehrt. Darunter befinden sich auch die sogenannten Windeln Jesu. Ich muss immer ein wenig schmunzeln, wenn ich mir das vorstelle: Jesus, der Sohn Gottes in Windeln gewickelt. Aber rasch ist der Anflug von Lächerlichkeit auch wieder verschwunden. Ich finde es einfach wunderbar, dass Gott nach christlicher Vorstellung in Jesus selber Mensch wird. Und zwar nicht nur so, dass er für eine zeitlang die Gestalt eines Menschen annimmt und wie ein Kostüm überzieht. Nein, er wird wirklich selber Mensch, mit Haut und Haaren, mit Windeln und Geschrei – das komplette Programm. Diese Vorstellung gibt es so in keiner anderen Religion. Die Windeln werden in der Bibel sogar extra erwähnt! Das finde ich faszinierend, so menschlich, so nah. Gott weiß aus eigener Erfahrung wie es sich anfühlt, ein Mensch zu sein. Er kann die kleinen Sorgen des Alltags und die großen Herausforderungen des Lebens nachvollziehen, weil er es selbst erlebt hat.

Wenn man von Jesus spricht, kann man allerdings auch sein fatales Ende nicht ausblenden. Am Kreuz hängt er nur mit einem Lendentuch bekleidet. Der Kreis schließt sich. Am Anfang in Windeln gewickelt, am Ende bleibt ihm nur ein Tuch um die Hüften.

Ich denke an die Mutter Jesu, Maria. Dieses Ende hat sie sich bestimmt nicht ausgemalt für ihr Kind, als sie es zur Welt gebracht und behutsam gewickelt und aufgezogen hat. Aber Kinder haben ihren eigenen Kopf und entwickeln sich anders als es man es erwartet oder selber wünscht. Das hat keine Mutter in der Hand.

Die Heiligtümer im Aachener Dom werden nun für sieben Jahre wieder sorgfältig verpackt und verschlossen bis zur nächsten Heiligtumsfahrt. Auch meine Windeln aus dem Keller werde ich weiter aufheben. Sie erinnern mich an viele Dinge, die mir kostbar sind: Dass meine Eltern mich von Anfang an liebevoll umsorgt haben, dass jeder Mensch sich ein Leben lang „ent-wickeln“ darf, auch wenn er schon erwachsen ist. Und: dass mich Gott voller Liebe und Verständnis auf meinem Lebensweg begleitet, denn er weiß aus eigener Erfahrung, wie das Leben spielen kann.

Aus Krefeld wünsche ich Ihnen heute einen wunderschönen Sonntag. Mein Name ist Stephanie Lichters und ich bin davon überzeugt: Menschen kann man nicht immer vertrauen, aber bei Gott ist keiner schief gewickelt.

(Copyright Vorschaubild: Spigoo CC BY 2.0 flickr)

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