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Kirche in WDR 3 | 02.11. 2018 | 07:50 Uhr

„Ein Tag im Jahr...“ – Allerseelen, Fest über alle Grenzen

Guten Morgen,

ich bin Sammler. Ich sammle Gedichte, Sprüche, Kalenderblätter, Zeitungsartikel. Fällt mir ein Text in die Hand, der mich anspricht, wandert er in meine Mappe. So bin ich auch an das Gedicht gekommen, das zum heutigen Tag gut passt. Es trägt den Titel: „Allerseelen“. Der Dichter der Verse, Hermann von Gilm zu Rosenegg (1812-1864), ist heutzutage kaum noch bekannt. Warum mir das Gedicht so gut gefällt? Die Sprache macht es: Sie ist einfach, klar und voller Ruhe, wie für den Gedenktag an alle Toten gemacht.

Allerseelen

Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,

Die letzten roten Astern trag herbei,

Und lass uns wieder von der Liebe reden,

Wie einst im Mai.

Gib mir die Hand, dass ich sie heimlich drücke,

Und wenn man´s sieht, mir ist es einerlei.

Gib mir nur einen deiner süßen Blicke,

Wie einst im Mai.

Es blüht und duftet heut auf jedem Grabe,

Ein Tag im Jahr ist ja den Toten frei,

Komm an mein Herz, dass ich Dich wiederhabe,

Wie einst im Mai.

Lese ich das Gedicht, dann sehe ich ein altes Ehepaar vor mir, Frau und Mann nach einem langen, gemeinsamen Leben. Gesichter, die sich in ihren Zügen ähneln. Vielleicht kennen Sie auch ein solches Paar in Ihrer Familie oder Nachbarschaft: Das Gedicht macht greifbar, was die Beiden verbindet. Zu ahnen ist Zuneigung, bleibender Verbundenheit, sogar noch ein wenig spätherbstliche Leidenschaft. „Süße Blicke“, die Hand, „heimlich“ gedrückt: Es ist eine stille Liebe, die beide verbindet. Und diese stille Liebe schafft Raum, in dem das, was früher einmal war, seinen Platz erhält: Begegnungen mit Freunden und Bekannten; Krisen und Krankheiten; Erinnerungen an frohe und auch traurige Stunden. All das liegt in der Vergangenheit und ist in der Erinnerung doch lebendig. Und in die Erinnerung mischen sich Wehmut, Trauer, Klage, aber auch Dank und Zuversicht. Der Dichter Hermann von Gilm erzählt auf seine Weise von Allerseelen: Ihm geht es um das Leben, um Höhen und Tiefen – und um eine Liebe, die alles überdauert, die die Lebenden und die Toten miteinander verbindet.

Ich weiß: Vielleicht klingt das etwas rührselig. Aber für mich ist es ein Gegenbild zu dem, was frühere Generationen mit Allerseelen verbunden haben: Dies irae, Tag des Zornes. In früheren Zeiten war gerade an Allerseelen oft vom Gericht die Rede – und vom Fegfeuer. Davon, dass jeder Mensch an seinem letzten Tag von Gott zur Verantwortung gezogen wird. Bilder von Feuer, Vergeltung, Schrecken und Angst stellten sich ein. Und wenn ich ehrlich bin: Ich glaube daran. Ich glaube daran, dass Gott sich die Mühe macht, mein Leben anzuschauen. Ich glaube, dass er mir in meiner letzten Stunde auf Augenhöhe begegnen wird. Aber ich hoffe auch, dass ich dann in Gott einen Freund finde. Die bedrohlichen Bilder von Gericht und Vergeltung sind die Kehrseite dessen, um was es wirklich geht. Mag es auch wehtun, mag es wie ein strenges Strafgericht scheinen, sich vor Gott dem eigenen Leben mit seinen Fehlern, mit allem Versagen zu stellen: Meine Hoffnung trübt das nicht. Denn ich weiß: Mein Leben ist vor Gott so kostbar, dass er sich in aller Liebe um mich bemüht, mich reif haben möchte für seine Freundschaft und Nähe. Und nicht nur mein Leben, sondern das Leben eines jeden Menschen.

Der Allerseelentag hat für mich daher längst seinen Schrecken verloren. Für mich ist Allerseelen ein stiller Tag der Zuversicht, dass jede Lebensgeschichte bei Gott ihr Maß, ihre Gerechtigkeit, ihr Zuhause findet. Und sehe ich die Lichter und Blumen auf den Gräbern, dann spüre ich, dass viele Menschen so empfinden wie ich. Und ich ahne: Die Kraft der Liebe überwindet alle Grenzen. Das Leben ist stärker als der Tod.

Es blüht und duftet heut auf jedem Grabe,

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