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Das Geistliche Wort | 11.10.2020 | 08:40 Uhr

2020:Alles nur Corona?

Guten Morgen!

Im Oktober ist das Jahr noch nicht zu Ende, aber die Rückblicke und die Schluss­worte zwischen Weihnachten und Silvester kann ich mir schon lebhaft aus­ma­len: 2020: Alles nur Corona?

Wenn ich im Bistum Aachen unterwegs bin und wenn ich die Berichterstat­tung in den Medien verfolge, bekomme ich den Eindruck: Immer mehr Menschen haben genug davon. Corona wird lästig. „Mindestabstand“ und „Maskenpflicht“ könnten als Wort des Jahres sich gegenseitig Konkurrenz machen.

Corona hat das Zeug, uns zu spalten: Infizierte und Nichtinfizierte, Solche mit schwerem und Andere mit mildem Krankheitsverlauf. Wirtschaftlich erheblich Geschlagene auf der einen und unerwartete Gewinner der Situation auf der anderen Seite.

Am schwersten haben es die Stillen, die trauern, weil sie jemanden verloren haben. Die Pandemie hat es nicht erlaubt, Abschied zu nehmen. So Viele durften nicht bei ihren sterbenden Angehörigen sein. Über 9000 Menschen sind bislang in Deutschland an Covid-19 gestorben.

Doch auf die ganze Welt hin gesehen, ist Deutschland bis­lang noch glimpflich davongekommen. In anderen Län­dern sind die Toten kaum mehr zu zählen. Ab­stands- und Hygienemöglichkeiten und die me­dizinische Versorgung bleiben dort weit hinter dem zurück, was nötig wäre, um die schlimmen Zahlen einzudämmen.

Immer öfter kann man einen Satz hören, der wie altklug wirkt und, so wahr er auch sein mag, viele immer mehr aufregt: Es ist noch nicht vorbei!

Soll das wirklich wahr sein, so fragen mittlerweile viele ungläubig. Doch keiner weiß, wie lange das noch geht. Und immerfort dieses Auf und Ab zwi­schen Lo­ckerungen und Verschärfungen. In immer neuen Anläufen warnen uns die Stimmen aus der Politik und aus der Wissenschaft, die guten Ergeb­nisse des Lock-Down doch nicht im Nachhinein noch zu verspielen.

Corona hat das Zeug, uns noch viel tiefer zu spalten: Die sich an alles halten, das sind die Guten. Und die dagegen aufbegehren, das sind die Bösen.

Die Guten gelten deshalb als gut, weil sie klug und vernünftig alles einsehen, was die Wis­senschaft und die Politik uns über das Virus und über seine Eindämmung erklä­ren.

Doch die Anderen beschleicht genau darüber ein immer tieferer Zweifel: Was, wenn das alles so nicht stimmt? Wenn etwas ganz Anderes dahinter steckt?

Diese Leute haben kein gutes Ansehen. Sie gelten als unvernünftig, abergläubisch oder fahrlässig. Coronaleugner werden sie abschätzig genannt. Verschwörungs­theo­retiker oder einfach nur Spinner. Viele von ihnen tun sich zusammen mit Gruppen, die noch viel weiter gehen und auch der Demokratie nicht mehr trauen und alles ganz anders haben wollen. Die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Ja, Corona spaltet und Corona verschärft die gesellschaftlichen Fronten.

Mir macht das Sorgen. Da bauen sich Gegensätze auf, die viel Sprengstoff haben.

Als Bischof möchte ich Gesprächsbrücken bauen zwischen den gegensätzlichen Auffassungen.

Das Sprichwort sagt ja: Doch wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Es muss auch hier noch etwas Drittes ge­ben. Warum? Weil beide Seiten An­teile repräsentieren, die jeder Mensch in sich trägt und ohne die wir gar nicht leben können.

- Keiner von uns kann nur vernünftig sein. Träume, Wagnisse, Zweifel, Querdenken gehören zum Leben und bringen Welt und Mensch voran.

- Umgekehrt ist jeder Mensch immer auch dringend angewiesen auf Verstand und Einsicht in die Fakten. Ordnung und Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Erforschbarkeit machen unsere Welt erst bewohnbar und schützen und retten Welt und Leben.

Vernunft allein kann die Welt nicht erklären. Es bleiben die ungelösten Rätsel.

Und gegenüber zur Vernunft können Aberglaube und Ideologien sich breit machen. Wenn sie alles beherrschen, können sie zum Gefängnis werden. Doch gegen die Ideologie und den Aberglauben ste­hen dann immer noch die Fakten, die nicht ins System passen. Die müssen dann wie mit Scheuklappen verdrängt und geleugnet werden.

Der Mensch, der denken kann, muss darum auch glauben lernen. Nicht Alles und Jedes, sondern nur das, was mit dem Denken bruchlos zusammengehen kann.

Wenn Glauben aber dem Denken sein Recht abspricht und es unterdrückt, entstehen Aberglaube und die Ideologien. Wer sich erlaubt, einem Glauben anzuhängen, der den Verstand übertönt, ist ungeschützt der Gefahr ausgesetzt, belogen zu wer­den und selber zu betrügen.

Denken und Glauben müssen im Menschen harmonisch zusammenfinden, ohne zu verschmel­zen, aber auch ohne sich gegenseitig zu vertreiben. Diesem Grundsatz muss jede Theologie folgen und genügen. Nur Denken und Glauben zusam­men können uns Menschen deshalb wirkliche Geborgenheit schenken.

Davon spricht der Apostel Paulus in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Rom (Röm 8, 31-32.38-39).

Sprecher: „Was ergibt sich nun, wenn wir das alles bedenken? Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, we­der Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“

Der christliche Glaube, den Paulus verkündet, geht den alles verändernden Schritt über das bloße Denken hinaus: „Gott ist für uns.“

Doch wie komme ich dazu, das zu glauben? Wie gelange ich in diese Gewissheit hinein, die nicht aus Denken und Verstand allein entstehen?

Paulus gibt darauf die Antwort: durch das, was wirklich passiert ist! Was ist den pas­siert? Paulus wird nie müde, es wieder und wieder hervorzuheben: Ohne dass Gott es verhindert hätte, wurde Jesus ans Kreuz geschlagen. Das ist passiert! Paulus kann deshalb glau­ben: Gott hat Je­sus, seinen Sohn, nicht ver­schont. Er hat ihn für uns alle hingegeben – mitten hinein in die Spannung, die es auch in unserem Leben gibt, die Spannung von Ordnung und Chaos, von Gutem und Schrecklichem, von Ver­trauen und Protest, von Liebe und Hass.

Was hat das alles nun zu tun mit unserer Corona-Krise von heute? 2020: Alles nur Corona?

Auch der Apostel Paulus kannte Krisen, Gefahren und Spaltungstendenzen. Aber er hat glauben gelernt, dass in Jesus Gottes Liebe zu uns kommt, die allem standhält.  Dieser Liebe Gottes will Paulus trauen, alles, was er weiß und versteht, von dieser Liebe in Beschlag nehmen und ergänzen lassen.

Denken und Glauben. Wis­sen und Hoffen. Die Welt von heute und den offe­nen Himmel, der noch kommen wird.

Denken und Glauben zusammen machen uns zu freien Menschen und das in jeder Lage. Denken und Glauben zusammen emanzipieren uns von allen fremden Mächten, mögen sie Corona heißen oder bald unter neuen Krisen-Namen auftreten.

Vielleicht klingt es in Ohren allzu fromm, aber ich wünsche es Ihnen allen wirklich: Lassen Sie sich weder von Corona noch von irgendetwas anderem beherrschen – außer von der Liebe, die Gott zu uns hat in Jesus.

Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, sagt Paulus. So bleiben wir fähig, für andere Menschen zu denken und zu handeln und nicht ge­gen sie. Weil Gott für uns ist.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine gute neue Woche!

Ihr Helmut Dieser, Bischof von Aachen.

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